Kopf des Tages

Der Pionier-Pirat

Der 31-Jährige Alex Arnold ist in Eichberg SG als erster Pirat zum Gemeindepräsidenten gewählt worden.

«Ich habe noch nicht realisiert, was ich mir da eingebrockt habe»: Alex Arnold.(Bild vom 23. September 2012)

«Ich habe noch nicht realisiert, was ich mir da eingebrockt habe»: Alex Arnold.(Bild vom 23. September 2012) Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Am Tag danach ist er fast so schwierig zu erreichen wie ein Bundesrat. Als es dann doch noch klappt, sagt er: «Es ist wahnsinnig, was meine Wahl für ein Echo auslöst.» Und dann: «Hoffentlich ist das Gröbste bald durch.» Alex Arnold, 31 Jahre alt und Softwareentwickler, ist am Sonntag in Eichberg SG zum ersten Gemeindepräsidenten der Piratenpartei gewählt worden. Das ist der bisher grösste Erfolg der 2009 gegründeten Partei.

Der letzte – und zugleich erste – Erfolg der Piraten liegt zweieinhalb Jahre zurück. Am 7. März 2010 wurde ihr Mitglied Marc Wäckerlin in den grossen Gemeinderat von Winterthur gewählt. Bei den Nationalratswahlen vor einem Jahr hingegen scheiterten die Piraten – aller Hoffnungen zum Trotz, einen ähnlichen Exploit zu schaffen wie ihre erfolgreiche deutsche Schwesterpartei. Auch bei kantonalen Parlamentswahlen gelang es ihnen bisher nie, einen Sitz zu gewinnen.

Er gegen die SVP

Und jetzt ist er also da, der erste Exekutiv-Erfolg – im St. Galler Rheintal. Eichberg, das sind 1426 Einwohner, 25 Vereine, vier Restaurants. Viel Wald, grosse Idylle. Eine Sensation also, dass Arnold gewählt wurde? Nicht für das Dorf. Eine überparteiliche Findungskommission hatte den Präsidenten der Piratenpartei St. Gallen/Appenzell als bevorzugten Kandidaten für das Amt vorgeschlagen. Man wollte lieber ihn, der einst auf der Gemeindeverwaltung Eichberg eine kaufmännische Lehre absolviert hatte, bis 2004 im Dorf wohnte und auch nach seinem Umzug nach Altstätten Schlagzeug im Musikverein spielte, als die zwei Gegenkandidaten von der SVP.

Dass Arnold diese jedoch bereits im ersten Wahlgang so deutlich distanzieren würde, hätte wohl niemand gedacht – am wenigsten er selbst. «Ich habe noch nicht realisiert, was ich mir da eingebrockt habe», sagt er und lacht ins Telefon. «Die Nervosität kommt wahrscheinlich bald.» Eine mögliche Erklärung sieht Arnold im Flugblatt, das die SVP in alle Haushalte verschickte – mit einem direkten Angriff auf seine Person. Viele Eichberger hätten dies nicht goutiert. Als Nächstes muss der 31-Jährige nun im Dorf eine Wohnung suchen. Vor einem halben Jahr erst ist er mit seiner Freundin von Altstätten an seinen Arbeitsort St. Gallen gezogen. Sie müsse sich noch an die neue Situation gewöhnen, sagt der frisch gebackene Gemeindepräsident. Er hingegen freue sich auf den Umzug. Genauso wie auf das Amt, wie er mehrfach betont.

Themen, die die Bevölkerung beschäftigen

Warum will ein Pirat auf kommunaler Ebene politisieren, wo die Bevölkerung doch andere Themen beschäftigen als die Reform des Urheberrechts und die digitale Nachhaltigkeit, zwei Kernpunkte des Piraten-Parteiprogramms? «Weil es spannend ist», sagt der Softwareentwickler mit eigenem Blog sowie Facebook- und Twitter-Konto. Er wisse, dass die Themen seiner Partei vor allem auf nationaler und internationaler Ebene stattfänden. Das mache aber nichts. Denn er wolle in Eichberg «in erster Linie Sachpolitik betreiben».

Arnold wird also nicht möglichst bald alle Gemeinderatssitzungen öffentlich machen. Sondern vielmehr mit möglichst vielen Leuten reden – und herausfinden, was sie bewegt. «Wenn wir als Partei weiterkommen wollen, müssen wir uns in Themen positionieren, die die Bevölkerung wirklich beschäftigen.» Es seien dies vor allem die drei A-Themen: Ausländer, Arbeit, Abgaben. Er sieht sich als Pionier, der «Realität in die Piratenpartei reinbringen wird». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.09.2012, 07:04 Uhr

Artikel zum Thema

Zum ersten Mal wird ein Pirat Gemeindepräsident

In Eichberg SG ist der 31-Jährige Softwareentwickler Alex Arnold zum Gemeindepräsidenten gewählt worden. Der Vertreter der Piratenpartei distanzierte gleich zwei Widersacher aus der SVP deutlich. Mehr...

Oberpirat tritt Sturm der Entrüstung los

Der Gründer der ersten Piratenpartei, Rick Falkvinge, fordert die Legalisierung des Besitzes von Kinderpornografie. Auch für Schweizer Parteikollegen eine «nicht nachvollziehbare Überlegung». Mehr...

Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Die Welt in Bildern

Wässern für die Kameras: First Lady Melania Trump posiert mit Giesskanne im Garten des Weissen Hauses in Washington DC. (22. September 2017)
(Bild: Michael Reynolds/EPA) Mehr...