Der Postmann klingelt wieder in Bern

Claude Béglé drängt seit seinem Sturz als Postchef in die Bundespolitik. Nun ist er kurz davor, sein Ziel zu erreichen. Dafür liefert er sich eine erbitterte Fehde.

Coup geglückt: Die CVP Waadt beschloss, Claude Béglé als Spitzenmann in die nächsten Wahlen zu schicken. Fotos: Keystone

Coup geglückt: Die CVP Waadt beschloss, Claude Béglé als Spitzenmann in die nächsten Wahlen zu schicken. Fotos: Keystone

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Bei Claude Béglé ist stets alles etwas ­üppiger und barocker als beim Durchschnittsmenschen. Er pflegt am Sonntagabend zu beten, und zwar drei bis vier Stunden lang. Er hat Kinder, und zwar sechs Stück. Zuweilen baumelt an seinem Gürtel nicht ein Handy, sondern deren drei (mit separaten Nummern). Während seiner Zeit bei der Schweizer Post liess er sich nicht bloss für sein Verwaltungsratspräsidium entlöhnen, sondern bezog zusätzlich noch mehrere Hunderttausend Franken von einem Konzern in Indien – einer der Gründe, weshalb er 2010 nach nur zehn Monaten zur Amtsaufgabe gezwungen wurde. Die übrigen Gründe haben vor allem mit ­seinem Führungsstil zu tun – er mag es nicht, wenn man ihm widerspricht.

Logisch, dass so einer nicht bloss einmal für die Politik kandidiert, hat er sich erst dieses Ziel gesetzt. Schon kurz nach seinem Sturz bei der Post liess Béglé verlauten, er habe Interesse an einem öffentlichen Amt. 2011 kandidierte er für die Waadtländer CVP als Ständerat, chancenlos. Gleichzeitig kandidierte er als Nationalrat, erfolglos. 2012 liess er sich für die Regierungsratswahlen aufstellen, erfolglos.

Den Rivalen ausmanövriert

Bei den eidgenössischen Wahlen 2015 will es Béglé, inzwischen als Wirtschaftsberater tätig, erneut wissen. Diesmal stehen seine Chancen besser. Soeben ist ihm ein Coup geglückt: Seine Partei beschloss diese Woche, ihn sowohl für den Ständerat wie auch als Spitzenmann auf der Nationalratsliste ins Rennen zu ­schicken. Bei den letzten Wahlen musste sich Béglé auf der Liste noch hinter dem Bisherigen Jacques Neirynck einreihen lassen. Prompt holte sich Neirynck wieder das einzige Nationalratsmandat der CVP Waadt; Béglé wurde Zweiter. Diesmal aber hat er es geschafft, Neirynck auszumanövrieren.

Seither liefert sich das Duo eine öffentliche Fehde. Die unverhohlene Antipathie mag mit darauf zurückgehen, dass Neirynck dem linken, Béglé dem rechten CVP-Flügel angehört – schon bei der Post verstand er sich dezidiert als Liberalisierer. Doch politische Differenzen spielen nicht die Hauptrolle bei diesen zwei grundverschiedenen und doch typisch frankofonen Charakteren. Neirynck, gelernter Naturwissenschaftler, ist ein distinguierter Intellektueller und Internationalist alter welscher Schule. Sein Alter ist seine grösste Schwäche. Zwar repräsentiert auch Béglé mit seinen 65 Jahren nicht mehr die Jugend. Doch Neirynck war schon bei seiner erstmaligen Wahl in den Nationalrat 1999 als 68-Jähriger der älteste Parlamentarier überhaupt.

Heute, mit bald 83 Jahren, möchte er von einem Abschied aus der Politik noch immer nichts wissen. Zwar hat er, nach internem Druck, vor einigen Monaten seinen vorzeitigen Rücktritt aus dem Nationalrat per Anfang September angekündigt. Dafür hoffte er aber, für seine CVP 2015 als Ständerat kandidieren zu können. Diesen Traum hat die Delegiertenversammlung am Dienstag mit der Doppelnominierung Béglés platzen lassen. Opposition gab es nicht – der machtbewusste Manager habe gezielt seine Freunde für die Versammlung mobilisiert, sagt ein Vertreter des Neirynck-Lagers. Neirynck dagegen war an jenem Abend nicht einmal anwesend. Er musste gemäss eigenen Angaben an einem wichtigen Treffen der CVP-Fraktion mit Bundesrätin Doris Leuthard teilnehmen.

In ersten Reaktionen sprach Neirynck darauf von einer «Kriegserklärung». Gegenüber der Zeitung «La Liberté» sagte er, Béglé habe 2011 eine enorme Geldsumme in den Wahlkampf investiert und seine Niederlage nie verkraftet. «Im Grunde findet er, dass ich ihm seinen Sitz gestohlen habe.» Béglé wies in der Zeitung «Le Temps» Neiryncks Behauptung «vollumfänglich» zurück: «Das grenzt an eine Beleidigung.» Er habe letztes Mal sogar die Summe verweigert, um die er gebeten worden sei. Als Ständeratskandidat werde er freilich mehr investieren müssen denn als «simpler Nationalratskandidat». Dabei dürfte ihm bewusst sein, dass er kaum Ständerat wird – die Doppelbewerbung kann aber seine Bekanntheit und damit seine Chancen für den Nationalrat erhöhen.

Neirynck gibt Sitz nicht frei

Neirynck seinerseits denkt inzwischen nicht mehr daran, Béglé einen eleganten Einstieg in Bundesbern zu ermöglichen. Sein Versprechen, im September abzutreten und Béglé nachrücken zu lassen, hat der Parlamentssenior wieder zurückgenommen. «Meinen Nationalratssitz werde ich bis zuletzt behalten», bekräftigt er gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Ob er 2015 für eine andere Partei kandidiere, sei offen.

Béglé wollte sich gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet gestern nicht äussern. Keinen Kommentar gibt es auch vom Präsidenten der CVP Schweiz, Christophe Darbellay. Er wolle sich nicht einmischen. Intern wird er mehr sagen müssen. Gemäss öffentlichen Äusserungen sind sowohl Béglé als auch Neirynck der Meinung, Darbellay auf ihrer Seite zu haben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.06.2014, 23:22 Uhr

Heute, mit bald 83 Jahren, möchte Neirynck von einem Abschiedaus der Politik immer noch nichts wissen.

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