Der Preis des schnellen Ausstiegs

Falls die Initiative der Grünen angenommen wird, würden die Strompreise exorbitant steigen: Das befürchtet die Wirtschaft. Neuste Zahlen zeigen aber, dass der Anstieg wohl moderat ausfiele.

Solange Strom aus Gösgen kommt, bleiben die Preise im Rahmen. Foto: Urs Jaudas

Solange Strom aus Gösgen kommt, bleiben die Preise im Rahmen. Foto: Urs Jaudas

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Bei einer Annahme der Atomausstiegsinitiative würden die Strompreise «explodieren», ist die KMU-Wirtschaft überzeugt. Hans-Ulrich Bigler, Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbands (SGV), geht davon aus, dass sich die Preise mindestens verdoppeln würden. Die Berechnungen basieren auf einem Vergleich der mittleren Gestehungs­kosten sowie auf Studien des Wirtschaftsprüfers PricewaterhouseCoopers und des Verbands Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen. Der SGV spricht von jährlichen Mehrkosten von mehreren Millionen Franken für die einzelnen Unternehmen.

Die Preisentwicklung im Strommarkt ergibt sich aus einem komplexen Zusammenspiel zahlreicher Faktoren im gesamteuropäischen Umfeld. Der starke Preisanstieg bei einem Ja zur Initiative hätte gemäss Bigler zwei Gründe: Zum einen verteuere ein rascher Ausbau der Netze den Strom. Würden diese dagegen schrittweise für die bessere Einspeisung der erneuerbaren Energien dezentralisiert, ergebe dies für die Kunden keinen abrupten Kostensprung, sagt der FDP-Nationalrat.

Schweiz-Zuschlag befürchtet

Zum anderen führe die Abschaltung dreier Atomkraftwerke bereits nächstes Jahr zu einer Stromverknappung, so ­Bigler weiter. Wegen des vermehrten Imports würde die Schweiz von der Preisbildung in den Nachbarländern ­abhängig. Dort seien die Preise zwar zurzeit im Keller, aber das könne sich erfahrungsgemäss schnell ändern. «Heute müssen die Produzenten teilweise Strom unter den Herstellungskosten verkaufen. Wird er in der Schweiz künstlich verknappt, werden sich die ausländischen Lieferanten die Hände reiben und den richtigen Handelspreis durchsetzen. Und wir werden diesen Schweiz-Zuschlag bezahlen müssen», sagt Bigler.

So habe Kohlestrom aus Deutschland beispielsweise Gestehungskosten von 10 Rappen pro Kilowattstunde, dazu kämen Übertragungs- und Importkosten sowie die CO2-Abgabe. Bis der deutsche Strom das Schweizer Netz erreiche, steige der Preis auf 25 Rappen, rechnet Bigler vor. Zum Vergleich: Die Gestehungskosten für Kernenergie betragen gemäss SGV in der Schweiz 4,5 Rappen pro Kilowattstunde, für Wasserkraft zwischen 5 und 15 Rappen, für Wind 19 und für Fotovoltaik 37 Rappen.

Für die Initianten des Atomausstiegs sind die Prognosen des Gewerbeverbands «völlig aus der Luft gegriffen». Die AKW-Kapazitäten in der Schweiz seien zu klein, um die Preise an der europäischen Strombörse zu beeinflussen, sagt Grünen-Präsidentin Regula Rytz. «Zudem wird die Überkapazität, die für tiefe Preise sorgt, nicht so schnell verschwinden.» Alle 18 Tage werde in Europa ein AKW der Grösse von Mühleberg durch Erneuerbare ersetzt. Rytz geht aufgrund der Terminmärkte an der Strombörse davon aus, dass die Preise mindestens bis 2022 auf dem heutigen Niveau bleiben werden. Bis dann werde der Zubau von Erneuerbaren immer noch schneller voranschreiten als die Stilllegung ­alter Kraftwerke.

Prognose «extrem schwierig»

Doch welche Seite hat in dieser Frage recht? Selbst für Stromexperten ist eine verlässliche Prognose «extrem schwierig», wie Stefan Burri, Leiter Sektion Preise und Tarife bei der eidgenössischen Elektrizitätskommission, sagt. Er hält das Szenario aber für wenig plausibel, dass sich die Stromhändler in den Nachbarländern zu einem Kartell zusammenschliessen und die Schweiz mit höheren Preisen beliefern würden, als sie sonst an den Märkten erzielen könnten. Und Marianne Zünd, Sprecherin des Bundesamts für Energie, betont, die Preise würden im europäischen Markt gebildet – die Nachfrage in der Schweiz habe einen geringen Einfluss. Die Preise würden sich langfristig ohnehin nach oben bewegen, wenn die Überkapazitäten in Europa abgebaut werden.

Neuste Zahlen stützen diese Einschätzung. Der unabhängige Energiedienstleister Ompex mit Sitz in Zürich hat mit einem Langzeitprognosemodell berechnet, wie sich die Strompreise nach einem Ja zur Initiative entwickeln würden. Fazit: Die Auswirkungen wären zunächst gering. Mit dem Wegfall von Beznau I und II sowie Mühleberg im Jahr 2017 würden die Strompreise lediglich um 0,16 Rappen pro Kilowattstunde steigen. «Wegen der hohen Grenzkapazitäten für den Import und Export sind die Preise in der Schweiz direkt von jenen in den Nachbarländern beeinflusst. Und solange eher der deutsche Markt preisbestimmend ist, bleiben sie tief», sagt Ompex-Geschäftsführer Oliver Meyhack. Das würde sich gemäss der Analyse nach der Stilllegung von Gösgen 2024 und Leibstadt 2029 ändern. Dann würde der Aufschlag 0,3 Rappen betragen – weil mehr Strom benötigt und aus den teureren Märkten Italien und Frankreich importiert würde.

Doch auch das entspräche in einem durchschnittlichen Haushalt lediglich einem Anstieg von zwei Prozent.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.11.2016, 20:07 Uhr

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