Der Sadist, der nicht mehr zu therapieren ist

Claude D., der geständige Mörder der 19-jährigen Marie, gilt als Psychopath. Heute wird ihn das Bezirksgericht Broye wohl auf unbestimmte Zeit verwahren.

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Äusserlich ist Claude D. so unscheinbar wie der Zivilstandsbeamte einer Land­gemeinde. Volles Gesicht, kleines Bärtchen, rundliche Statur. Doch der Schein trügt. Der Mörder der 19-jährigen Lehrtochter Marie S. ist ein Psychopath. Das haben die vergangenen Gerichtstage gezeigt und Psychiater in ihren Gutachten über Claude D. festgehalten. Sein Selbstwertgefühl: grandios. Seine Fähigkeit, Leute zu manipulieren: offensichtlich. Nichts hasst er mehr als den Kontroll­verlust, wie er ihn heute, während der Urteilsverkündung vor dem Bezirks­gericht Broye, wohl erleben wird. Ohnmachtsgefühle machen ihn rasend.

Doch für Claude D. ist das Spiel aus. Der 39-Jährige ist ein Wiederholungs­täter. Im Jahr 1998 beging er seinen ­ersten Mord, nachdem ihn seine Partnerin verlassen hatte. Er verschleppte die Frau ins Chalet seiner Eltern, ver­gewaltigte sie und erschoss sie mit fünf Gewehrkugeln.

Maries Erdrosselung ist bereits sein zweiter Mord. Folglich werden die fünf Waadtländer Richter um den Entscheid, Claude S. zu verwahren, kaum herumkommen. Denkbar ist, dass sie ihn bis ans Ende seiner Tage wegsperren. Diesen Antrag hat der Waadtländer Ge­neralstaatsanwalt Eric Cottier gestellt, nachdem zwei mit Expertisen be­auftragte Psychiater den Angeklagten für «untherapierbar» halten.

Genüsslich Pfeife geraucht

Seinen fünf Tage dauernden Strafprozess nach dem Mord an Marie S. sah Claude D. als seine ganz persönliche Bühne. Doch plagte ihn die Furcht, in die Defensive zu geraten. Also beantragte er am ersten Prozesstag die Absetzung seines Pflichtverteidigers. Das Gericht lehnte ab. Claude D. blieb trotzig hinter den Kulissen. Im Gerichtssaal herrschte Konsternation. Der Eklat schien perfekt. Claude D. hatte erreicht, was er wollte. Er dominierte den Saal. Ob Kläger, Richter, Verteidiger, Journalist oder Prozessbeobachter, es stellten sich alle dieselbe Frage: Muss dieser Mordprozess ohne den Angeklagten auskommen? Werden wir nie aus seinem Mund hören, warum er die Lehrtochter Marie S. am Abend des 13. Mai 2013 beim Golfclub Payerne entführte, in einen Wald fuhr, stundenlang quälte, um sie schliesslich mit ihrem eigenen Gurt zu erdrosseln?

Schliesslich kehrte Claude D. dann doch in den Gerichtssaal zurück, angetrieben von seinem Narzissmus. Aber mit der Rolle, Maries Mörder zu sein, gab er sich nicht zufrieden. Er mimte fortan den Anwalt. Er erhob sich wie ein Anwalt, blätterte in den Gerichtsakten wie ein Anwalt, schwang seinen Kugelschreiber wie ein Anwalt, beteiligte sich mit Fragen an der Beweisaufnahme, kritisierte die Beweisführung der Staats­anwaltschaft, referierte, kommentierte und schien trotz aller Attacken gegen ihn, weder die Übersicht noch die Sprache zu verlieren oder gar nervös zu werden. Vielmehr schien er so entspannt wie vor Maries Entführung, als er vor dem Goldclub genüsslich eine Pfeife rauchte.

Scham kennt er nicht

Auch das Gefühl von Scham schien Claude D. unbekannt, zumindest solange, als er seine Zuhörer schockie­- ren und das Bild von Marie S. beschmutzen konnte. Unaufgefordert begann Claude D. im Gerichtssaal über die von Marie und ihm präferierten Sexpraktiken zu sprechen und zitierte genüsslich aus der kaum zitierfähigen Whatsapp-Konversationen mit seinem späteren Opfer.

In seiner sadistischen Unverfrorenheit erklärte er dem Gerichtspräsidenten: «Marie wusste, dass ich sie umbringen würde. Sie war einverstanden. Sie verlangte, dass ich ihre Brüste liebkoste. Das ist normal. Sie wusste ja, dass sie sterben wird.» In dieses Bild passt, was ein Gefängniswärter protokollierte. «Wir werden doch wegen einer toten Nutte kein Drama machen», soll Claude D. dem Wärter gesagt haben, was er vor Gericht dementierte. Auch soll er SMS-Botschaften wie «Ich liebe dich» rein ironisch gemeint haben. Er habe Marie niemals geliebt, sei aber durchaus eifersüchtig und besitzergreifend gewesen, denn er sei sich sicher gewesen, dass sie nebst der Beziehung mit ihm noch andere Geschichten am Laufen hatte.

Dass sich Marie von ihm trennen wollte, war für den dominanten Claude D. dann doch zu viel. Er dachte, eine verletzliche, junge Frau zu dominieren, und bekam von ihr die kalte Schulter gezeigt. «ClaudeD. verlässt man nicht», liess er Maries Freundin wissen.

Er wollte Familienvater sein

In seiner Gewohnheit, andere zu beschuldigen, macht Claude D. auch vor seiner eigenen Familie nicht halt. Sein Vater, ein Freiburger Immobilien­­un­ternehmer, sei kaum zu Hause gewesen und habe ihn vernachlässigt, erklärte der 39-Jährige dem Gericht. Später wollte der Vater, dass er seine Firma übernahm. Der Vater organisierte dem Sohn eine Schnupperlehre als Bauzeichner. Seine Augen seien beim Zeichnen zu rasch ermüdet, sagte Claude D. vor Gericht. Schliesslich machte er eine Lehre als kaufmännischer Angestellter und besuchte nach seinem Lehrabschluss die Rekrutenschule, wo man ihn als Offiziersfahrer einsetzte. Doch irgendwie schaffte es Claude D. im Leben nie, Fuss zu fassen. Nach mehrmonatiger Arbeitslosigkeit begann er als Informatikverkäufer zu arbeiten. Nach vier Monaten war er den Job wieder los. Kurz danach brachte er seine Partnerin um und landete im Gefängnis. «Wenn ich heute an ihrem Platz sterben könnte, würde ich es tun», versicherte Claude D. dem Gericht. Er habe auch nach der Erdrosselung von Marie nur einen Gedanken ­gehabt: Suizid zu begehen. Doch seinen Freitod hat die Polizei verhindert. So zumindest sieht dies Claude D. Jedenfalls beklagte er sich beim Staatsanwalt lautstark über die wilde Verfolgungsjagd mit der Polizei. «Die Polizei schoss, obwohl niemand wusste, was ich getan hatte», warf er Generalstaatsanwalt Cottier vor.

Claude D. hatte schon als 20-Jähriger den Traum von einer Familie mit Kindern. In einem Waadtländer Gefängnis heiratete er gar eine Mitgefangene, die sich dann aber wieder scheiden liess. Der Traum einer Familie wird kaum mehr in Erfüllung gehen. Doch in der Logik von Claude D. trifft ihn keine Schuld. Die Schuld tragen andere. Davon, sagen Psychiater, wird Claude D. bis ans Ende seines Lebens ausgehen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.03.2016, 23:24 Uhr

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