Der Schönwettermacher

Valentin Landmann ist einer der prominentesten Anwälte der Schweiz. Er vertritt Hells Angels, SVP-Politiker, Privatbankiers. Seine eigene Kanzlei führe er wie ein Bordell, sagt er.

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Valentin Landmann ist dauerpräsent in der Öffentlichkeit. Kaum ein medienträchtiges Strafverfahren, kaum ein aufsehenerregender Gerichtsprozess im Land findet ohne ihn statt. Aktuell berät er SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli, der als Kurator des Medizinhistorischen Museums entlassen worden ist. Davor war er in den Schlagzeilen als Anwalt der Hells Angels und als Vertreter des Thurgauer SVP-Kantonsrates Hermann Lei, der den Nationalbankpräsidenten gestürzt hatte.

Die Aufmerksamkeit in den Medien gehört zu Landmanns Business-Modell wie die Jeans und der Totenkopfanhänger im Gerichtsaal. Beim Interviewtermin stellt Landmann mit leicht enttäuschtem Unterton fest, dass kein Fotograf dabei sei. Als es wenig später klingelt, hellt sich seine Miene auf: «Ah, schön, das wird er sein.» Beschwingt holt er eine Krawatte, auf der Zifferblätter abgebildet sind, und bindet sie sich um. Fünf solcher Krawatten besitzt er, in fünf verschiedenen Farben. Er trägt sie auf allen Fotos. Die Zifferblätter, sagt Landmann, stünden für die Vergänglichkeit des Menschen. Später, beim Fototermin, wird er auch noch einen Stab mit Totenkopf in der Hand halten. Er symbolisiere die Gleichheit vor Gott.

«Landmann zieht eine Show ab»

Es sind Landmanns Insignien, die er wie ein Prediger jeweils auch vor Gericht mit sich trägt. «Ich kämpfe um die Lebenszeit eines Mandanten», zitiert er einen seiner Lieblingssätze.

Bei Zürichs Staatsanwälten ist Landmann beliebt. Er sei zuvorkommend, charmant, gehe nicht auf Konfrontationskurs. Kraftausdrücke hört man von ihm nie. Wenn Landmann jemanden für dumm hält, spricht er von «supranasaler Insuffizienz». Gleichzeitig empfindet man ihn mitunter als anbiedernd: Vor Einvernahmen küsst er Frauen die Hand und offeriert Starbucks-Kaffee in Pappbechern. Und er wird wenig ernst genommen. «Man durchschaut schnell, dass er eine Show abzieht», sagt ein Staatsanwalt, der öfters mit ihm zu tun hat. Landmann stelle sich selber zu stark in den Mittelpunkt. Die Show aber, die sei jeweils gut. Und sie zieht sich durch sein Leben wie ein roter Faden.

Die Hells, ein Vaterersatz

Begonnen hat sie Anfang der Achtzigerjahre auf St. Pauli, Hamburg. Der brave und etwas dickliche Habilitand Landmann aus gutbürgerlichem Elternhaus beschäftigte sich mit der Frage, wie man gesetzlich verhindern könne, dass gefährliche Produkte hergestellt und auf den Markt geworfen würden. Und er fragte sich, wie das in der Unterwelt geregelt wird, wo ohne geschriebenen Gesetzestext bald vom Markt verschwindet, wer schlechte Drogen, schlechten Sex und unzuverlässige Security verkauft.

«Jemand sagte mir, ich solle zu den Hells Angels gehen, die seien die Unterwelt», sagt Landmann. Seine erste Begegnung mit einem Hells Angel vor dem Clubhaus ist der Wendepunkt in Landmanns Leben. Ein Kasten von einem Mann sei das gewesen, ein «richtiger Rübezahl». «Ich trug Anzug und Krawatte und fragte ihn, ob er ein Gangster sei», sagt Landmann.

Valentin Nikolai Josef Landmann, 1950 in eine intellektuelle jüdische Familie im St. Galler Nobelviertel Rosenberg geboren, hatte mit Salcia eine angesehene, aber auch kratzbürstige Journalistin und Schriftstellerin als Mutter. Ihr Buch «Jüdische Witze» verkaufte sich hervorragend. Vater Landmann war Philosophieprofessor. «Man erwartete, dass auch ich etwas leiste», sagt Landmann.

Der Vater, während des Semesters in Berlin abwesend und nur in den Ferien zu Hause, führte das Einzelkind in die Sagen der Antike ein. Der gelehrte Mann, der viel Zeit im Studierzimmer verbrachte, entsprach nicht den Vorstellungen eines Vaters, «der hinsteht und mich beschützt, wenn ein paar Jungs mich verhauen wollen».

Anders die Hells Angels: Der Rübezahl lud den braven und etwas dicklichen Habilitanden Landmann in seine Reihen ein, welche dieser seither nicht mehr verlassen hat. «Ja, die Hells Angels haben diese Seite, die ich an meinem Vater vermisst habe», sagt Landmann. Nach kurzer Zeit auf St. Pauli steckt er seine Habilitation in den Schredder, nimmt sich eine Prostituierte zur Freundin, trägt Bandana und Lederkluft und verliert innert eines Jahres 25 Kilo.

Hells Angels in der FDP

Als der neue Landmann in die Schweiz zurückkehrt, nimmt er 1985 Hells Angels an eine FDP-Versammlung mit. Schliesslich verträten diese auch «freiheitliche Werte». Als man ihm sagt, man wolle mit solchen Leuten nichts zu tun haben, tritt er aus. Er gibt seinem Rebellen-Männerbund gegenüber dem bürgerlichen Männerbund den Vorzug. Es kostet ihn den Lehrauftrag an der Uni St. Gallen.

Später wirbt er öffentlich für das Hells-Angels-Bordell Petite Fleur gegenüber der Roten Fabrik in Zürich. Der Anwaltsverband verlangt von ihm, den Betrieb diskreter zu managen. Landmann tritt aus.

Zuvor riskiert er sein Anwaltspatent, als er einem Kokaindealer den Sprung in die Legalität ermöglichen will. Der Mann dreht über die Firma, in deren Verwaltungsrat Landmann sass und dessen Konto er führte, krumme Dinge. Landmann kassiert ein Jahr bedingt und neun Monate Berufsverbot.

Zurück in erzbürgerliche Kreise

In der Zwischenzeit hat er zurückgefunden in die bürgerlichen Kreise. In erzbürgerliche sogar. Im Sommer 2012 entsteht ein Foto, das ihn mit Hammer Joe, anderen Hells Angels und Christoph Blocher zeigt. Das sei ganz zufällig an der Tattoo-Messe im Albisgüetli entstanden. «Ich war dort mit Christoph essen», sagt Landmann. Das tue er öfter. Und er stellt sich in seinem Beruf auch in die Dienste von Blochers Milieu.

Landmann vertritt Lei und Mörgeli und berät den Privatbankier Konrad Hummler im Kampf gegen die amerikanischen Steuerbehörden. Hummler kennt er seit den Tagen der «Gruppe 4» – einer rechtskonservativen Schülergruppe, der er im Keller des Elternhauses zu den Debatten Wienerli vom Tischgrill servierte. Daneben betreut er weiter Posträuber, Skandalpflegerinnen, Vergewaltiger.

Plädoyers verfasst die Ex-Frau

Der faszinierende und medienwirksame Spagat zwischen Milieu und Hochfinanz, zwischen anwaltschaftlicher Knochenarbeit und Krisenkommunikation gelingt Landmann immer weniger gut. Er ist fortwährend als Werbefigur seiner Kanzlei unterwegs. Seine Plädoyers und Rechtsschriften schreibt längst seine Ex-Frau im Untergeschoss der Kanzlei.

Und der selbstlose Milieuanwalt, als den er sich gerne darstellt, ist er nicht. Zwar schätzt er sein Einkommen auf «bescheidene 200'000 Franken im Jahr». Doch im Bücherregal steht das Mitgliedsbuch zur Amex Centurion Card. Diese erhalten nur Kunden, die über mehrere Jahre hohe sechsstellige Beträge über ihre Kreditkarte umsetzen. Seinen Anwälten zahlt Landmann knapp 80 Franken die Stunde, den Klienten verrechnet er mindestens das Doppelte. Die Differenz geht an ihn. «Genau wie im Puff», sagt Landmann. Und er meint es ganz ernst. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.09.2012, 09:51 Uhr

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