Kommentar

Der Schutz der Opfer geht vor

Bettina Weber über die schrecklichsten aller Sätze, mit denen sich die verantwortlichen Behörden bei Gewaltverbrechen herausreden.

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Der Satz, der in solchen «Fällen» immer bemüht wird, von Politikern, von Psychologen, von Juristen ist, dass es die absolute Sicherheit nicht gebe. Die Haltung, die dahintersteckt, ist so unerträglich wie der Satz selbst. Nicht nur, weil damit Opfer und ihre Angehörigen schulterzuckend als Kollateralschäden des Systems abgetan werden. Der Satz ist vor allem auch unerträglich dumm. Weil es nicht um Ersttäter geht, von denen niemand wissen konnte, dass und wie gefährlich sie sind.

Mit diesem Risiko muss man tatsächlich leben. Aber nicht mit demjenigen, das von Männern mit einer eindeutigen Vorgeschichte ausgeht, die schwerste Gewalttaten begangen, die getötet oder vergewaltigt haben, die Leben und Familien zerstörten, denen Therapeuten stundenlang zuhörten, über die es seitenlange Gutachten gibt, die also sozusagen vom System erfasst worden sind.

Dieses System funktioniert aber nicht. Sonst wären Pasquale, Lucie, Marie und Adeline noch genauso am Leben wie der vierjährige Florian, der von seinem einschlägig vorbestraften Vater vor drei Jahren in einem Winterthurer Hotel ermordet worden ist.

Ein Staat hat deutlich zu machen, dass er Gewalt nicht duldet, sondern ächtet. Und noch mehr hat er dafür zu sorgen, dass der Schutz potenzieller Opfer in jedem Fall vorgeht. Er kann, weil schwere Gewalttäter das höchste Rechtsgut überhaupt verletzen, bei ihnen nicht dieselben Regeln anwenden wie bei Hochstaplern oder Drogendealern. Er kann nicht einfach ein Experiment machen und mal schauen, wie sich solche Täter in freier Wildbahn verhalten: vielleicht gut, dann klopfen sich die Experten gegenseitig auf die Schultern; vielleicht nicht, dann wird halt wieder mit der nicht existierenden absoluten Sicherheit argumentiert.

Aber sie muss sich maximieren lassen, diese Sicherheit. Weil eine Gesellschaft ein Anrecht hat, vor bekanntermassen gefährlichen Tätern geschützt zu werden. Ein Staat, der das nicht tut, der vielmehr ein System toleriert, das Tote fordert, kann sich nicht zivilisiert nennen.

Erstellt: 14.09.2013, 07:35 Uhr

Bettina Weber.

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