Der Schweiz winkt ein grosser Erdgas-Fund

Die britische Firma Celtique Energie rechnet im Val de Travers mit Erdgasvorräten, die den Bedarf der Schweiz sieben Jahre lang decken würden. Für das Projekt weibelt der ehemalige Botschafter Thomas Borer.

Bisher sprudelt im Val de Travers bloss Wasser, kein Erdgas: Im Bild die Gorges de l’Areuse. Foto: Gerth Roland (Prisma)

Bisher sprudelt im Val de Travers bloss Wasser, kein Erdgas: Im Bild die Gorges de l’Areuse. Foto: Gerth Roland (Prisma)

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Erdgas im Schweizer Untergrund? Manch ein Politiker war bass erstaunt, nachdem er den Ausführungen von Thomas Borer gelauscht hatte. Der Ex-Botschafter informierte am Dienstag im Bundeshaus National- und Ständeräte der Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie über die Pläne der britischen Firma Celtique Energie, die er berät. Das Unternehmen ist darauf spezialisiert, Erdgas aufzuspüren. Weil der Energiehunger weltweit wächst, hat Celtique mögliche Vorkommen in Europa nach einer Prüfung in früheren Jahren erneut unter die Lupe genommen.

Dank besseren Sondiertechniken und präziseren Untergrunddaten ist nun der Neuenburger Jura auf Celtiques Radar gerückt. Zwar gilt diese Gegend seit den 80er-Jahren als verheissungsvoll. Eine jüngst erfolgte geologische Analyse lässt Celtique nun aber mehr denn je auf ein bedeutendes Erdgasreservoir hoffen: Die Wahrscheinlichkeit einer Entdeckung stuft die Firma als «sehr hoch» ein, speziell im Val de Travers, heisst es in einem Informationspapier von Borer, das dem «Tages-Anzeiger» vorliegt. Celtique geht von 20 Milliarden Kubikmeter förderbarem Erdgas aus – eine Menge, die ausreicht, um den Bedarf der Schweiz während sieben Jahren zu decken. Borer spricht von einer «verheissungsvollen Perspektive».

Unabhängige Geologen bestätigen die Existenz von Erdgas im Schweizer Untergrund. Peter Burri, Präsident der Schweizerischen Vereinigung von Energie-Geowissenschaftern, hält die Schätzung von Celtique für realistisch. Der Geologe Werner Leu ortet gute Chancen für einen Fund, insbesondere weil gewisse Gebiete «völlig unterexploriert» seien, so auch der Jura.

Ein Beitrag zur Energiewende?

Celtique hat vom Kanton Neuenburg bereits eine Explorationslizenz erhalten, Die Konzession zur Ausbeutung muss das Kantonsparlament ausstellen. Das Projekt wird wohl äusserst umstritten sein. Ob sich eine Förderung lohnt, hängt nicht zuletzt von den künftigen Erdgaspreisen und den politischen Rahmenbedingungen ab. Als nächster Schritt ist eine Probebohrung bis in 2300 Meter Tiefe geplant, dies zwischen Noiraigue und Travers. Sie dürfte gegen 10 Millionen Franken kosten. Weil heute schon ein Ast des Erdgastransportnetzes in der Nähe vorbeiführt, bräuchte es für die Einspeisung ins Netz nur wenige neue Leitungen. Zudem ist nur 20 Kilometer entfernt in Cornaux NE ein Gaskombikraftwerk geplant.

Ein Erdgasfund wäre nach Einschätzung von Celtique ein «wichtiger Beitrag» zur Versorgungssicherheit der Schweiz und zur Energiestrategie 2050 des Bundesrats. In der Schweiz gibt es heute zwar Erdgasvorkommen. Diese sind jedoch mickrig und daher kaum abbauwürdig. Eine kommerzielle Förderung erfolgte bis dato einzig in Finsterwald (LU) zwischen 1985 und 1994.

Bundesrat warnt vor Krisenzeit

Der Gasanteil am gesamten Schweizer Endenergieverbrauch beträgt 12 Prozent. Heute ist die Schweiz zu 100 Prozent auf Importe angewiesen. Der Grossteil des eingeführten Gases stammt aus den Niederlanden, Russland, Norwegen, Deutschland und Algerien. «Ein eigenes Schweizer Reservoir würde es erlauben, Lieferengpässe aus politisch instabilen Regionen auszugleichen oder im grossen Stil zu speichern», sagt Thomas Borer. Er verweist auf die Bestrebungen der Gasversorger, Erdgasspeicher in den Alpen zu bauen. Im Grimselgebiet beispielsweise sind mehrere mit Stahl auskleidete Kavernen in Planung.

Dass das Ausland der Schweiz den Gashahn dereinst zudrehen könnte, fürchtet auch der Bundesrat. Wiederholt hat die Landesregierung in jüngster Zeit gewarnt, in Krisenzeiten werde die EU Drittländer wie die Schweiz bei der Gasversorgung erst in zweiter Linie berücksichtigen; eine 2011 geschaffene Erdgasverordnung hält diese Absicht der EU fest. Vor diesem Hintergrund schreibt das Bundesamt für Energie von Doris Leuthard (CVP) einem allfälligen Erdgasreservoir im eigenen Land eine grosse Bedeutung zu. Allerdings wäre laut Sprecherin Marianne Zünd bei einem Fund zu prüfen, inwieweit eine vermehrte Nutzung von Erdgas, das bei seiner Verbrennung C02 freisetzt, mit der geplanten Energiewende kompatibel ist. Umstritten ist dieser Punkt auch mit Blick auf die geplanten Gaskombikraftwerke, die nach Leuthards Vorstellung als Übergangslösung den Ausstieg aus der Atomenergie ermöglichen sollen. Ex-Botschafter Borer will mit seinem Auftritt vor den Bundesparlamentariern denn auch «breite Akzeptanz für das Erdgas schaffen».

Dies hält auch Geologe Werner Leu für zwingend: «Bei den Behörden und in der Bevölkerung herrscht eine relativ unbegründete emotionale Panikstimmung, ausgelöst wegen des Schiefergas-Booms in Amerika.» Bessere Informationen über die Technologien und ihre Risiken seien deshalb nötig.

Umweltverbände sind alarmiert

Besorgt über die Gaspläne von Celtique zeigen sich die Umweltverbände. «Sämtliche Planungs- und Finanzressourcen müssen weg von den fossilen Energien hin zu einer klimaverträglichen Gesellschaft gehen», fordert WWF-Klimaexperte Patrick Hofstetter. Dafür plädiert auch die Internationale Energieagentur (IEA), deren Mitglied die Schweiz ist. Wenn die Erderwärmung die kritische 2-Grad-Grenze nicht überschreiten soll, dürfe ab 2017 keine neue Infrastruktur für fossile Energien gebaut werden, mahnte die IEA im vergangenen Jahr.

Der Verband der Schweizerischen Gasindustrie (VSG) hat keine Kenntnis vom Projekt und will sich daher nicht weiter dazu äussern. Er hält jedoch fest, dass Erdgasvorkommen in der Schweiz zur Versorgungssicherheit des Landes beitragen könnten; dank eines geografisch breit diversifizierten Beschaffungs-Portfolios sei diese jedoch heute schon sehr hoch. Wichtige Voraussetzung wäre zudem, «dass die Vorkommen umweltbewusst abbaubar wären».

«Kein erhöhtes Erdbebenrisiko»

Umstritten ist das sogenannte Fracking, bei dem für die Erdgasförderung flüssige Chemikalien mit Hochdruck in den Boden gepumpt werden. Umweltschützer sehen darin eine Gefahr für das Wasser. Und auch Politiker zeigen sich beunruhigt. SVP-Nationalrat Lukas Reimann geisselte jüngst die Pläne von britischen Unternehmen, die mit dieser Methode nach Erdgas suchen wollen – beim Bodensee, einem Trinkwasserspeicher für mehr als vier Millionen Menschen. In einem parlamentarischen Vorstoss will er wissen, wie sich der Bundesrat zum Projekt stellt. Im Arbeitspapier von Celtique heisst es dazu entwarnend, dass die Förderung im Val de Travers konventionell erfolgen soll, also ohne Fracking. Auch ein erhöhtes Erdbebenrisiko hält Celtique für «ausgeschlossen».

Erstellt: 08.12.2012, 06:33 Uhr

Sein Projekt stösst auf Kritik: Der ehemalige Botschafter Thomas Borer. (Bild: Keystone )

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Finsterwald als grösster Erfolg

Die Suche nach Erdgas (und Erdöl) dauert in der Schweiz exakt 100 Jahre – und ist bislang weitgehend erfolglos geblieben. Einziger Lichtblick war das Projekt Finsterwald im Entlebuch LU, wo Swisspetrol in 4370 Meter Tiefe auf Erdgas stiess. 73 Millionen Kubikmeter wurden zwischen 1985 und 1994 gefördert und ins Gasnetz eingespeist – 300-mal weniger, als nun im Untergrund des Val de Travers vermutet werden. Das Lager versiegte nach neun Jahren. Zurück blieb ein Verlust von 27 Millionen Franken.

Finsterwald konnte die Energieautarkie der Schweiz nicht stärken, da der Erdgaskonsum im Land in den 80er-Jahren schneller anstieg, als die Förderung im Entlebuch ausgeweitet werden konnte. Trotzdem wurde Finsterwald zur Attraktion, weil der Beweis erbracht war, dass die Schweiz Bodenschätze hat. Sogar der Bundesrat wanderte im August 1986 zur Anlage. Zwei Tage vorher waren Polizisten angereist, um sicherzustellen, dass keine Explosionsgefahr bestand. (sth)

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