Der Ständerat hält Kuhhörner für zu gefährlich

Die Volksinitiative gegen die Enthornung von Kühen ist chancenlos im Parlament. In der Bevölkerung aber hat sich ihre Popularität bereits erwiesen.

Eine Enthornung schmerze die Tiere stark, argumentierten Befürworter. Foto: Keystone

Eine Enthornung schmerze die Tiere stark, argumentierten Befürworter. Foto: Keystone

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Wie debattiert eine Schweizer Parlamentskammer über eine Volksinitiative, die verlangt, dass «Halterinnen und Halter von Kühen, Zuchtstieren, Ziegen und Zuchtziegenböcken finanziell unterstützt werden, solange die ausgewachsenen Tiere Hörner tragen»? Die Antwort lautet: bemerkenswert differenziert.

Jedenfalls verzichtete der Ständerat bei seiner gestrigen Beratung der sogenannten Hornkuh-Initiative darauf, das Anliegen ins Lächerliche zu ziehen. Dazu mag beigetragen haben, dass die treibende Kraft hinter der Initiative, der Bergbauer Armin Capaul, die Debatte von der Besuchertribüne aus mitverfolgte. Dazu mag ebenfalls beigetragen haben, dass Capauls Leistung und Hart­näckigkeit auch den Gegnern der Vorlage Respekt abnötigte. Vor sieben Jahren hatte der Bündner, der heute im Berner Jura lebt, seinen Feldzug gegen die Enthornung aufgenommen – mit Briefen an die Verwaltung, an Parlamentarier, an FDP-Bundesrat Johann Schneider-Ammann. Vergeblich. Von Schneider-Ammann erhielt Capaul den Hinweis, er könne ja eine Volksinitiative lancieren. Womit der Wirtschaftsminister kaum rechnete: Capaul tat es.

Und er schaffte, woran mächtige Parteien wie die FDP schon gescheitert waren: Er brachte die nötige Zahl an Unterschriften zusammen, übertraf sie gar deutlich. Mehr als 150'000 Stimmberechtigte unterstützten das Anliegen, 100'000 hätten gereicht, damit es zur Abstimmung kommt.

Kommt der «Hörnerfranken»?

Die offenkundige Popularität des Begehrens ist der dritte und vielleicht wichtigste Grund, weshalb der Ständerat, wie erwähnt, durchaus mit Ernsthaftigkeit darüber debattierte. Immerhin ein Dutzend Ratsmitglieder äusserte sich zu dem Geschäft. Alleine Roberto Zanetti (SP, SO) sprach rund 40 Minuten. Er fungierte als Vertreter der Kommissionsminderheit, die für Annahme der Initiative plädierte – und quasi als Sprachrohr für Capaul, mit dem er in Austausch steht. Die Initiative verlange kein Verbot der Enthornung, betonte Zanetti. «Es geht einzig darum, etwas zu fördern.»

Wie teuer die Initiative würde, ist schwerlich zu beziffern. Einerseits sagt der Text nichts zu Umfang und Systematik der verlangten Förderung. Andererseits ist offen, wie viel «Lenkungswirkung» einträte, sprich: wie viele Bauern künftig auf behornte Kühe wechseln würden. Die Initianten selber schlugen in der Vergangenheit den «Hörnerfranken» vor: Jede Hornkuh sollte mit einem Franken pro Tag vergütet werden. Roberto Zanetti zumindest zeigte sich gestern optimistisch, dass bei einem Ja zur Initiative das Agrarbudget nicht erhöht werden müsste. Es seien Kompensationen innerhalb des Direktzahlungssystems möglich.

«Wenn die Natur den Kühen Hörner gegeben hat, dann haben sie das Recht auf diese Hörner» Anita Fetz

Wichtigstes Argument der Befürworter im Rat war natürlich das Tierwohl. «Da wird mit einem rot glühenden Eisen der Hornansatz am Scheitel ausgeglüht»: Drastisch-plastisch beschrieb Zanetti den Enthornungsvorgang bei Kälbern. Die Tiere litten dabei Angst und Schmerzen, und ohne Hörner seien sie später in ihrem Sozial- und Kommunikationsverhalten beeinträchtigt. «Wenn die Natur den Kühen Hörner gegeben hat, dann haben sie das Recht auf diese Hörner», sekundierte Anita Fetz (SP, BS).

Die Gegner argumentierten primär mit der Gefahr, die von den Hörnern ausgehe. Erst die Enthornung ermögliche es, die Tiere in Laufställen (also unangeleint) zu halten, ohne dass Verletzungen drohten. Bundesrat Schneider-Ammann gab zu bedenken, dass damit auch Personalkosten eingespart werden könnten. Im Übrigen sei es wissenschaftlich nicht erwiesen, dass die Hörner das Tierwohl effektiv förderten.

Am Ende empfahl der Rat die Initiative mit 28 zu 8 Stimmen bei 8 Enthaltungen zur Ablehnung. Repräsentativ für die Gesamtbevölkerung ist das kaum, doch Sozialdemokrat Zanetti zeigte Verständnis, zumal man unter Beobachtung des Bauernverbandes stehe: «Es ist gar nicht so wichtig, was Sie heute sagen. Wichtig ist, dass Sie zu gegebener Zeit ein Ja in die Urne legen können.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.09.2017, 21:47 Uhr

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