«Der Test dient der Selektion von Lebenskriterien»

Es bestehe die Gefahr, dass Versicherer ihre Leistungen von pränatalen Tests abhängig machten, sagt CVP-Informationsschefin Marianne Binder. Diesem Druck müsse die Gesellschaft vehement entgegentreten.

Pränatale Tests sind eine persönliche Sache: Werdende Mutter.

Pränatale Tests sind eine persönliche Sache: Werdende Mutter. Bild: Keystone

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Im Juni will die Firma Lifecodexx aus Konstanz in den deutschsprachigen Ländern einen pränatalen Test auf den Markt bringen, der bisher einzig in den USA verfügbar war. Der sogenannte Praenatest dient zur Bestimmung von Trisomie 21 – dem Downsyndrom. Was sagen Sie dazu?
Wie seriös so ein Bluttest ist, müssen andere beurteilen. Doch wenn man weiss, dass 95 Prozent aller Frauen mit einem positiven Befund von Trisomie 21 abtreiben, kann man nicht vorsichtig genug sein. Der Test dient der Selektion von Lebenskriterien. Ich teile die Bedenken von Medizinern und Behindertenorganisationen: Je einfacher solche Tests erscheinen, desto grösser wird der Druck, diese auch anzuwenden. Und umso grösser auch die Fehlerquote.

Warum soll man keine Lebenskriterien selektionieren? Der Ständerat der Grünen, Luc Recordon, hat in einem Interview einmal gesagt, wenn er die Wahl gehabt hätte, wäre er lieber nicht geboren worden, als mit so einer schweren Behinderung.
Aber er hatte die Wahl nicht. Sie wurde für ihn getroffen. Deshalb ist die gesellschaftliche Verantwortung und die Verantwortung der Mütter und Väter ja auch so gross. Aber hat Luc Recordon das wirklich so gemeint? Und wenn er es so gemeint hat, ist das seine ganz persönliche Haltung. Ich erlaube mir nicht, sie zu werten.

Aber Sie sind gegen die Selektion von Lebenskriterien durch solche pränatale Tests?
Pränatale Diagnostik ist ja erlaubt. Sie dient dazu, werdendes Leben bei Komplikationen in der Schwangerschaft zu schützen. Sie dient aber auch dazu, herauszufinden, ob Behinderungen vorhanden sind, und somit ist ein Kriterium festgelegt, das zu einer Abtreibung führen kann. Ob man einen solchen Test macht, ist eine persönliche Sache. Die Frage, ob man das darf oder nicht, stellt sich in der Folge nur noch für den einzelnen Menschen.

Versicherungen könnten aber in Zukunft Leistungen kürzen für Frauen, die keinen solchen Test machen wollen, obwohl ein Risiko besteht.
Damit würden die Grundsätze unserer Gesellschaft verletzt. Denn jedes Leben ist gleichwertig. Und niemand hat das Recht, anderen vorzuschreiben, was lebenswert ist und was nicht.

Trotzdem könnte der Kostendruck im Gesundheitswesen Versicherungen eines Tages dazu verleiten, ihre Leistungen von pränatalen Tests abhängig zu machen?
Der Druck besteht tatsächlich, wenn man die Entwicklung weltweit beobachtet. Die Gesundheitskosten steigen und man überlegt sich, wo sie vermeidbar wären. Man muss aber mit Vehemenz solchen Tendenzen entgegentreten. Der Vater eines behinderten Kindes hat mir einmal erzählt, wie er beim Spazieren mit seiner Tochter gefragt wurde, ob man denn da «nichts hätte machen können»? Man stelle sich einmal eine solche Frage vor! Vielleicht war sie nicht böse gemeint, aber sie zeigt, dass auch grundlegende gesellschaftliche Werte einem Wandel ausgesetzt sind. Und sie gehen verloren, wenn man sie nicht schützt.

Nähern wir uns einer Zuchtwahl menschlichen Lebens?
Ja. Deshalb muss man ja auch so vorsichtig sein bei pränataler Diagnostik. Aber die CVP ist nicht generell gegen pränatale Diagnostik. Es gibt ja auch Tests, welche dazu dienen, Leben zu retten oder Krankheiten zu heilen oder vorzubeugen. Das ist etwas anderes.

Und wie will die Ethik-Partei CVP grundlegende gesellschaftliche Werte schützen?
Es braucht allerstrengste Kriterien bei der pränatalen Diagnostik, denn schliesslich entscheiden sie über die Existenz eines werdenden Lebens. Wir haben die Kriterien auch in unserer Vernehmlassungsantwort zur Präimplantationsdiagnostik definiert: Zuerst kommt der Schutz des menschlichen Lebens. Die CVP steht zu behinderten Menschen und unterstützt ihre gesellschaftliche Integration und Förderung. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.05.2012, 10:41 Uhr

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«Und niemand hat das Recht, anderen vorzuschreiben, was lebenswert ist»: Marianne Binder, Informationschefin der CVP (Bild: Keystone )

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