Hintergrund

Der Traum von einem neuen, sicheren AKW

Moratorium statt definitives Ende des Atomzeitalters in der Schweiz. Mit diesem Ziel geht die Atomlobby in die AKW-Debatte. Ihr Zauberwort: Sichere Anlagen der 4. Generation. Ist das die Lösung?

Willkommen in der Welt der Nuklearforschung: Zutrittssicherung beim französischen Atomkraftwerk Flamanville.

Willkommen in der Welt der Nuklearforschung: Zutrittssicherung beim französischen Atomkraftwerk Flamanville. Bild: Reuters

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«Sollte die technologische Entwicklung zu einem Quantensprung bei der Sicherheit führen, dürfen wir die Tür nicht schon heute zuschlagen», sagte Economiesuisse-Präsident und Ex-FDP-Chef Gerold Bührer jüngst in der «SonntagsZeitung». CVP-Nationalrat Pirmin Bischof sagte es in einem Radiobeitrag so: «Wenn eine neue Technologie kommt, die die Risiken der heutigen nicht mehr hat, dann wird die Politik neu zu entscheiden haben.»

Grundsätzlich spricht nichts dagegen, auf Technologien zurückzukommen, wenn sie bedeutende neue Ergebnisse zu Tage fördern. In der AKW-Frage aber sind wichtige Entscheidungsträger dezidiert der Meinung, ein Nichtentscheid – sprich ein Moratorium – würde die wichtigsten Player für den langen Marsch in die erneuerbare Energie abschrecken. Investoren haben Angst, ihr Geld falsch angelegt zu sehen, wenn dereinst wieder Atomtechnik bevorzugt wird; die Industrie fürchtet, Forschungsgelder in den Sand zu setzen.

«Das kann noch Jahrzehnte dauern»

Nichtsdestotrotz halten Bührer & Co. an der Option Kernenergie fest. Ihr Zauberwort: Sichere Atomkraftwerke der 4. Generation. Gemeint ist damit neuste Technologie, die ab zirka 2030 einsatzbereit sein soll. Horst Michael Prasser, Professor für Kernenergiesysteme an der ETH Zürich, mag sich nicht auf einen fixen Zeitpunkt festlegen: «Das kann noch Jahrzehnte dauern, das kommt ganz auf die Rahmenbedingungen an», so der Experte im Gespräch Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Entscheidend für die Förderung von Forschung und Entwicklung sei das politische Umfeld und der Bedarf an dieser Technik.

Doch wofür steht «Generation 4»? Prasser erklärt es so: «Die Nutzung des eingesetzten Urans wird zirka um den Faktor 50 erhöht. Der Anteil langlebigen Abfalls kann massiv reduziert werden.» Ein wahrer Technologiesprung also. Wobei die verschiedenen Reaktortypen - sechs an der Zahl - die neuen Vorteile in unterschiedlichem Masse erfüllen. Und die Sicherheit bei Störfällen? «Die meisten Reaktortypen der Generation 4 müssen in Sachen Sicherheit noch weiter entwickelt werden, um das Niveau heute verfügbarer Neubauanlagen zu erreichen», so der ETH-Forscher.

«Ein minimes Restrisiko bleibt immer»

Gelobt für seine Sicherheitseigenschaften wird der sogenannte Kugelhaufen-Modul-Reaktor. Hierbei wird das Brennelement in Form einer Kugel – so gross wie eine Billardkugel – in den Reaktorkern eingeführt. Das Material bewegt sich nach unten und wird dort nach Verbrauch entnommen. Optimale Brennstoffmenge und minimale Überschussreaktivität sind das Resultat. «Somit wird eine ganze Klasse von Störfällen ausgeschaltet», heisst es dazu in einem Technikbericht zu Kraftwerken der 4. Generation. Gerade dieser Typ allerdings bietet nicht den Vorteil der viel intensiveren Nutzung des eingesetzten Urans.

Ganz ausschliessen lässt sich aber auch bei Reaktoren der kommenden Generation das Risiko eines schweren Störfalles nicht. «Ein minimes Restrisiko bleibt immer», so Prasser. Das ist es, was bei AKW-Gegnern den Widerstand gegen die Atomtechnologie nicht abbrechen lässt. Ein Restrisiko bleibt ein Solches, egal wie gross es ist. Und ein GAU hinterlässt verbrannte Erde für Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte. Egal, ob die Chance, dass dieser eintritt, nun 10 Nullen vor dem Koma hat oder 20.

Prototypen in Frankreich und China

Geforscht wird auch nach Fukushima am Reaktor der künftigen Generation, auch wenn potentielle Käufer wie Deutschland und die Schweiz aussteigen. «Viele Länder arbeiten an Prototypen», erklärt Prasser. Er nennt Franzosen und Chinesen. Geforscht wird an der Generation 4 auch in der Schweiz. Obwohl für die Nuklearforscher die Zeit am letzten Mittwochnachmittag um 15.30 Uhr, als Bundesrätin Doris Leuthard den Ausstieg der Schweiz aus der Atomenergie ankündigte, für einen Moment lang stillstand. «In der ersten Sekunde waren wir natürlich alle konsterniert und verunsichert», so Prasser. «Weil die Forschung auch hierzulande einen Beitrag zur Sicherheit und Leistungsfähigkeit der heute schon verfügbaren Technik geleistet hat, der nun einfach nichts mehr gelten soll.» Bei Prasser ist der Schock inzwischen der Lust gewichen, sich in die Debatte einzubringen. «Wir wollen schauen, was wir zum Thema beitragen können.»

Erstellt: 31.05.2011, 16:40 Uhr

Horst-Michael Prasser ist Professor für Kernenergiesysteme an der ETH Zürich. Prasser ist auch Mitglied des ENSI-Rates. (Bild: Keystone )

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