Der Überflieger mit der Schweizer Briefkastenfirma

Andrej Babis ist der Mann der Stunde in Tschechien: Milliardär, Chef des grössten Privatunternehmens im Land und seit Sonntag erfolgreicher Politstar. Und dann führen da noch Spuren in den Kanton Zug.

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Spätestens seit dem vergangenen Sonntag ist der Name Andrej Babis auch ausserhalb Tschechiens ein Begriff. Die erst 2012 von ihm gegründete Protestpartei «Aktion beunruhigter Bürger» (Ano) erreichte bei den Wahlen auf Anhieb 18,7 Prozent und ist damit die zweitstärkste politische Kraft des Landes. Der 59-jährige Unternehmer und Politiker slowakischer Herkunft ist mit einem geschätzten Vermögen von zwei Milliarden Franken der reichste Tscheche. Als Gründer und CEO des Agrar- und Chemiekonzerns Agrofert führt Babis das mit fast 30'000 Mitarbeitern grösste tschechische Privatunternehmen. Zudem ist Agrofert Eigentümer führender tschechischer Tageszeitungen – deshalb kam Babis in Anlehnung an Berlusconi zum Übernamen «Babisconi».

Doch wie gelang dem einst mittellosen Ex-Kommunisten der kometenhafte Aufstieg? Eine Schlüsselrolle spielte eine Zuger Briefkastenfirma. Nach dem Ende des Kalten Krieges wurden in Osteuropa unzählige Staatsbetriebe mehr oder weniger ordentlich privatisiert. Die zahlreichen Unregelmässigkeiten sorgten in der Bevölkerung für grossen Unmut und machten einige wenige unermesslich reich. Als Babis Anfang der 90er-Jahre Agrofert gründete, brauchte er Geld, um möglichst viele Staatsbetriebe zu kaufen. 2002 erschien dazu in der liberalen Prager Wochenzeitschrift «Respekt» ein grosser Artikel, der in den vergangenen Tagen in der tschechischen Presse wieder zum Thema wurde.

Der «Respekt»-Journalist Jaroslav Spurny begab sich damals nach Baar, um mehr über die Ost Finanz und Investment AG (O.F.I.) herauszufinden. Die Briefkastenfirma wurde 1994 vom Genfer Treuhänder Roland Schaer gegründet, der auch als Einziger Einsitz in den Verwaltungsrat nahm. Schaer sass zudem in 97 Verwaltungsräten und 12 Geschäftsleitungen – fast alles Firmen, die nur auf dem Papier existieren. Wenige Monate später ersetzte ihn sein jüngerer Genfer Geschäftspartner Rene Kurth. Und auch er ist ein «Briefkastenonkel»: 57 Verwaltungsratssitze, 18 Sitze in einer Geschäftsleitung und in 83 Firmen zeichnungsberechtigt. Gemäss Informationen des TA ist Schaer unlängst verstorben, Kurth reagierte nicht auf Anfragen.

Natürlich fand Jaroslav Spurny in Baar nichts anderes vor als eine kleine Treuhandfirma, die vielen anderen Briefkastenfirmen Domizil bot und jegliche Auskunft verweigerte. Damit befand sich Spurny in der gleichen Lage wie bereits viele Schweizer Journalisten zuvor, die sich an einer der unzähligen Briefkastenfirmen die Zähne ausbissen.

Ex-Agent des Geheimdienstes

In der Schweiz gibt es weit über 100'000 solcher Konstrukte, die meisten davon im Kanton Zug: 25 Prozent aller registrierten Unternehmen sind Briefkastenfirmen. Die Firmen werden in der Regel von Schweizer Steuerberatern, Wirtschaftsprüfern oder Anwälten im Auftrag von ausländischen Kunden eingerichtet. Spricht man die Treuhänder darauf an, geben sie entweder keine Auskunft oder betonen die Legalität solcher Steuerkonstrukte. Tatsächlich sind diese grundsätzlich legal. Doch Briefkastenfirmen dienen auch Politikern, Prominenten, Waffenhändlern und Superreichen, um ihr Geld zu verstecken oder zweifelhafte Geschäfte zu verschleiern. Das lässt sich aber nur in den seltensten Fällen belegen, da sich die wirtschaftlich Berechtigten hinter ihren im Verwaltungsrat sitzenden Treuhändern verstecken und das Bankgeheimnis die Herkunft der Gelder schützt.

Deshalb versuchte Spurny von seiner Heimat aus mehr Licht in die Zuger Briefkastenfirma zu bringen. Er fand heraus, dass die Zusammenarbeit mit den Genfer Treuhändern auf Babis’ Schulzeit im Genfer College Rousseau in den 60er-Jahren zurückzuführen ist. Damals vertrat sein Vater die Tschechoslowakei in Aussenhandelsangelegenheiten in der UNO. Ausserdem führte laut «Respekt» die frühere tschechoslowakische Staatssicherheit Babis in ihren Akten als Agenten. Da die Unterlagen «verschollen» sind, bleibt die genaue Rolle von Andrej Babis unbekannt.

Doch wirklich brisant war, dass O.F.I. eine Mehrheit am Agrofert-Konzern hielt. Von «Respekt» darauf angesprochen, sagte Babis: «Es ist eine Firma meines Schulkollegen, der etwas Geld verdienen wollte – und so half ich ihm.» Um wen es sich dabei handelte, sagte er nicht. «Respekt» behauptet, dass laut dem tschechischen Geheimdienst auch der kürzlich verstorbene Rohstoffhändler Marc Rich in das Geschäft involviert war – doch dies lässt sich anhand des Handelsregisters nicht nachvollziehen.

Ende 2001 entschied sich die sozialdemokratische Regierung Tschechiens, den staatlichen Erdölgiganten Unipetrol zu privatisieren. Merkwürdigerweise verkaufte wenige Monate zuvor O.F.I. ihren Agrofert-Anteil an die Basler Ameropa AG. Bei der in Binningen BL angesiedelten Firma handelt es sich um einen Rohstoffhändler der alten Schule: unglaublich gross und in der Öffentlichkeit unbekannt. Ameropa wurde 1948 gegründet, beschäftigt weltweit knapp 5000 Mitarbeiter, der Umsatz wird auf mehrere Milliarden Franken geschätzt. Dazu schrieb «Respekt»: «Ameropa gelang es dank seiner Mehrheitsbeteiligung an Agrofert, eine entscheidende Rolle im tschechischen Öl-, Chemie- und Agrarsektor einzunehmen.»

Für Aufsehen sorgte, dass der tschechische Staat Unipetrol ausgerechnet dem Bieter mit dem tiefsten Angebot zuschlug, nämlich Agrofert. Doch 2002 kam es in Prag zum Machtwechsel, der damalige Ministerpräsident Milos Zeman gab sein Amt ab – und damit verlor Andrej Babis offenbar an Einfluss: Die neue Regierung war um mehr Transparenz in der Privatisierung bemüht, folglich fiel die Übernahme ins Wasser.

Babis steckte den Rückschlag weg und kaufte weiter. Der Makel, dass er mittels dubioser Gelder zum reichsten Mann Tschechiens aufstieg, bleibt jedoch an ihm haften. Der tschechische Geheimdienst hatte offenbar vergeblich versucht, dahinterzukommen: Gemäss «Respekt» warnte er 2001 seine Regierung ausdrücklich «vor der Intransparenz der Schweizer Firmen». Oder vielleicht hat der neue tschechische Staatspräsident Milos Zeman kein Interesse an einer Aufklärung.

Netz von Tarnfirmen?

Hilfe aus der Schweiz ist nicht zu erwarten. Zur O.F.I. erklärte Ameropa auf Anfrage: «Sie ist uns nicht bekannt, und wir unterhalten keine Beziehungen zu ihr.» Ausserdem bestünden seit 2006 keine Beziehungen zwischen der Ameropa und der Agrofert-Gruppe mehr. Das muss nichts heissen: In einem anderen, von der «Handelszeitung» Ende Februar veröffentlichten Fall wird Ameropa vorgeworfen, als heimlicher Mehrheitsaktionär via Tarnfirmen in Steueroasen auf der ganzen Welt ein russisches Unternehmen zu kontrollieren. Andrej Babis reagierte auf Anrufe des TA nicht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.10.2013, 09:02 Uhr

Ameropa
Im Visier der Justiz

Dieses Jahr hat das Basler Rohstoffhandelshaus bereits zweimal für Schlagzeilen in der Schweiz gesorgt. Die «Handelszeitung» berichtete, dass russische Strafbehörden wegen mutmasslichen Steuerbetrugs unter anderem auch gegen Ameropa ermitteln würden. Eine Tochter Ameropas, die Nitrochem Distribution, soll von einer russischen Partnerfirma Ammoniak unter dem Weltmarktpreis bezogen haben, um den steuerbaren Gewinn in Russland zu reduzieren. Der «Tages-Anzeiger» schrieb im Mai, dass über die gleiche Tochterfirma 1,5 Millionen Franken Schmiergelder an das Ghadhafi-Regime flossen. Anfang 2012 fand deshalb eine Hausdurchsuchung am Hauptsitz Ameropas statt. Der Verdacht: Urkundenfälschung und Bestechung fremder Amtsträger. (mso)

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