Der Walliser, der die Kernkraft atomisieren will

Der wichtigste Vorstoss für die Energiewende stammt von Roberto Schmidt. Wer ist dieses kaum bekannte Mitglied der CVP-Fraktion?

Macht gerne gute Lobbyarbeit: Bisher hat Roberto Schmidt erst mit dem Wolf für Aufsehen gesorgt.

Macht gerne gute Lobbyarbeit: Bisher hat Roberto Schmidt erst mit dem Wolf für Aufsehen gesorgt. Bild: Keystone

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Den Satz, der aufhorchen lässt, sagt Roberto Schmidt gegen Ende des Gesprächs. «Ich mache sehr gerne Lobbyarbeit», so das freimütige Bekenntnis des 49-Jährigen, der für die Christlichsoziale Volkspartei Oberwallis (CSPO) im Nationalrat sitzt. «Lobbyarbeit» hat im Berner Politbetrieb eine anrüchige Geschmacksnote. Wer lobbyiert, der umgarnt, der weibelt für Partikularinteressen, der schliesst dunkle Pakte in dunklen Hinterzimmern, statt in der «Arena» des Schweizer Fernsehens den lautstarken Schlagabtausch zu praktizieren.

Richtig ist, dass Roberto Schmidt, Urheber der Motion «Schrittweiser Ausstieg aus der Atomenergie», keine «Arena»-Auftritte mag. Dass er dafür lobbyistisches Talent besitzt, beweist die hohe Zahl von 67 Unterschriften für sein Anliegen. Sein Vorstoss ist der wichtigste der total 134, die heute an der ausserordentlichen Energiesession des Nationalrats behandelt werden. Stimmt die grosse Kammer Schmidts Motion zu, fällt sie den hochoffiziellen Entscheid zum Abschied von der Kernkraftnutzung.

Ein Freund des Wassers

Schmidt – Jurist, Präsident der 3500-Einwohner-Gemeinde Leuk, ein ausserhalb des Wallis bislang kaum in Erscheinung getretener Berufspolitiker, der weder den atomkritischen Grünen noch der SP angehört: Wie ist es so weit gekommen, dass nun ausgerechnet er als «Vater des Atomausstiegs» in die eidgenössischen Annalen eingehen könnte? Einen Teil der Erklärung liefert die Geschäftsdatenbank des Parlaments. Viele von Schmidts bisherigen Vorstössen hatten die Stärkung der Wasserkraft zum Ziel. Als Walliser und Mitglied der nationalrätlichen Umwelt- und Energiekommission (Urek) forciert Schmidt die Interessen seines «Wasserschlosskantons» mit dem charakteristisch-eifrigen Geschick des Berggebietsvertreters.

Dass seine mit Stauanlagen gut bestückte Heimat vom Atomausstieg profitieren könnte, ist für Schmidt aber nur ein willkommener «Nebeneffekt», wie er sagt. Als Hauptantrieb für sein Engagement nennt er Sicherheitsbedenken: «Ich war schon vor der Fukushima-Katastrophe skeptisch gegenüber der Kernenergie. Danach aber sagte ich mir: Jetzt muss hier bei uns etwas geschehen.»Gestalt angenommen hat das Ausstiegsprojekt im Kaffeegespräch mit den SP-Nationalräten Roger Nordmann und Eric Nussbaumer. Für die beiden sozialdemokratischen Energiespezialisten war Schmidt als atomkritischer Bürgerlicher ein Glücksfall, ein idealer Brückenbauer. Die heute zur Debatte stehende Motion ist auch inhaltlich die Frucht dieser Dreierkooperation. Schmidts Hauptverdienst besteht darin, dass er einen grossen Teil der CVP-Bundeshausfraktion, der die CSPO angehört, auf Kurs bringen konnte. Eine wichtige Rolle spielte dabei CVP-Präsident Christophe Darbellay – der ihn trotz anfänglicher Verstimmung über die späte Einweihung in den Plan voll unterstützt habe. Roger Nordmann lobt die «konstruktive Zusammenarbeit» mit Schmidt, der sich, so glaubt der SP-Mann, aus ehrlicher Skepsis gegen Kernkraftwerke engagiere.

«Opportunistische Ader»

Andere urteilen über den Walliser weniger vorteilhaft. Mitglieder der Urek stellen bei ihm eine «opportunistische Ader» fest. In der Kommissionsarbeit lege er bei Geschäften immer wieder eine schwankende Haltung an den Tag und richte sein Fähnlein stark nach dem Wind aus. Schmidts Walliser SVP-Konkurrent Oskar Freysinger sagt es so offen wie hart: «Schmidt hat sich in der Atomfrage von den Linken instrumentalisieren lassen. Sowieso erfindet er selten etwas und übernimmt dafür vieles – immer das, von dem er gerade glaubt, dass es ihm am meisten nützt.»

Zuweilen wird auch auf den bevorstehenden Wahlkampf verwiesen: Schmidt suche nach einem Prestigevehikel, um seine aus Proporzgründen stark gefährdete Wiederwahl zu schaffen.Schmidt winkt ab. Dass sein Nationalratssitz wackelt, stellt er nicht in Abrede. Seine Atomgegnerschaft bringe ihm im Wallis aber wenig. Die «grüne Welle» habe seinen Kanton in viel geringerem Ausmass als etwa Zürich erfasst. «Die Geschichte mit dem Wolf nützt mir, wenn schon, mehr.» Der Kampf für einen erleichterten Wolfsabschuss im letzten Jahr war der einzige Anlass der Prä-Fukushima-Ära, der Schmidt in die nationalen Schlagzeilen brachte – damals als Gegner der Linken. «Und als Bösewicht in den Medien. Jetzt bin ich der Gute», fügt er scherzhaft an.Schmidt ist politisch tatsächlich nicht leicht zu verorten. Als Angehöriger des christlich-sozialen Flügels steht er in vielen Themen, vor allem in der Familienpolitik, der SP nahe. «In der Ausländerfrage neige ich aber stark der SVP zu», sagt er. Sein breit gefächertes Meinungsspektrum versteht er als optimale Voraussetzung für das Schmieden von Allianzen. Schon einige Erfolge habe er in seinen vier Nationalratsjahren erreichen können – höhere Wasserzinsen beispielsweise oder entscheidende Verbesserungen beim Gebäudesanierungsprogramm. Eben gute «Lobbyarbeit».Etwas später im Gespräch wechselt er die Begrifflichkeit und bezeichnet sich unverfänglich als «guten Mediator». Die mediale Routine hat sich bei ihm, dem plötzlich ins Rampenlicht Geratenen, auch ohne «Arena»-Auftritte eingestellt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.06.2011, 23:13 Uhr

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