«Der Weiterbetrieb des AKW Mühleberg ist richtig»

Mühleberg-Chef Martin Saxer ist zuversichtlich: Das AKW soll bis 2022 weiterlaufen. Der Entscheid dazu wird bald gefällt.

Martin Saxer gibt sich kämpferisch: «Ich nehme die Herausforderung an», sagt der neue Leiter des 
Atomkraftwerks Mühleberg. Er wolle den Gegnern zeigen, dass ein Weiterbetrieb der Anlage richtig ist.

Martin Saxer gibt sich kämpferisch: «Ich nehme die Herausforderung an», sagt der neue Leiter des Atomkraftwerks Mühleberg. Er wolle den Gegnern zeigen, dass ein Weiterbetrieb der Anlage richtig ist. Bild: Beat Mathys

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Herr Saxer, Sie sind seit Anfang Jahr neuer Leiter des Atomkraftwerks Mühleberg. Ein schwieriger Posten.
Martin Saxer: Klar, ist das Umfeld seit Fukushima anspruchsvoller geworden. Aber grundsätzlich finde ich es sehr spannend, ein Kernkraftwerk zu leiten. Der Umgang mit den Mitarbeitern bereitet mir Freude. Und trotz der Umstände muss ich sagen: Ich nehme die Herausforderung gerne an.

Vielleicht sind Sie nur ein Chef auf Zeit. Mühleberg könnte 2013 abgeschaltet werden – haben Sie das im Hinterkopf?
Nein, überhaupt nicht. Wir streben einen Betrieb bis zum Jahr 2022 an. Für diese Zeit stelle ich meine Organisation und meine Mitarbeiter auf.

Sie wirken sehr enthusiastisch. Gibt es nichts, was Sie lähmt?
Seit es Kernenergie gibt, gibt es auch Gegner. Logisch, ist das Umfeld heute nicht einfacher geworden. Aber der Druck von aussen hat bei uns ein Zusammenrücken bewirkt und uns gestärkt. Wir wollen unseren Kritikern zeigen, dass der Weiterbetrieb richtig ist. Von einer Lähmung kann keine Rede sein. Mein Engagement für das Kernkraftwerk ist nach wie vor ungebremst.

Es gibt doch sicher frustrierte Mitarbeiter in der Belegschaft.
Natürlich sind bei über 350 Mitarbeitern nicht immer alle überglücklich. Doch im Grossen und Ganzen herrscht eine gute Stimmung, und wir stehen zusammen. Erhöhte Aufmerksamkeit und Fragen kommen auf, wenn eine Behörde oder ein Gericht einen Entscheid fällt. Dann liegt es an mir, vor die Mitarbeiter zu stehen und zu sagen, was Sache ist.

Wie sieht es in Ihrem persönlichen Umfeld aus? Bekommen Sie es zu spüren, dass die Atomenergie an Akzeptanz verloren hat?
Ja klar, da habe ich alles erlebt. Ich bin seit zwanzig Jahren im Kraftwerk tätig. Aber meine Schwiegermutter konnte ich bis heute nicht von der Technologie überzeugen, obwohl ich sie natürlich trotzdem sehr gerne mag (lacht).

Ist Ihre Schwiegermutter eine AKW-Gegnerin?
Das kann man so sagen. Sie war noch nie im Kraftwerk. Das stört mich aber nicht. Nicht jeder muss die Kernkraft mögen. Wenn mit Sachverstand diskutiert und nicht nur polemisiert wird, bin ich offen für alle Diskussionen.

In der Bevölkerung gibt es sehr viele Ängste. Wie erklären Sie sich diese?
Ich habe ein gewisses Verständnis dafür. Es hat mit der Technologie zu tun, die sehr anspruchsvoll ist und vor der man Respekt haben muss. Aber ich kann diese Leute beruhigen: Bei uns durchläuft ein Pikettingenieur eine siebenjährige Ausbildung. Und dies notabene, nachdem er ein Ingenieurstudium absolviert hat. Wir haben eine gute Anlage, jährlich finden fast hundert Inspektionen statt. Selbst im internationalen Vergleich stehen wir gut da. Letztlich ist es eine Vertrauensfrage.

Um den Betrieb längerfristig zu sichern, müssen Sie ein Instandhaltungskonzept einreichen: Wie weit sind Sie damit?
Die Arbeiten sind auf gutem Weg. Wir können zeigen, dass wir mit Mühleberg bereit sind für den Langzeitbetrieb. Noch im Sommer reichen wir das Konzept ein.

Sie müssen im Konzept darlegen, was Sie gegen die Risse im Kernmantel zu tun gedenken.
Ja, aber da bin ich relativ sorglos. Wir haben der Eidgenössischen Nuklearsicherheitsbehörde vorgeschlagen, statt der bestehenden vier sechs neue Zuganker einzubauen. Die Behörde prüft derzeit dieses Konzept.

Die Notkühlung ist aber immer noch ungelöst.
Nein. Das Ensi hat gefordert, dass wir nebst der Aare eine weitere Kühlung brauchen. Wir analysieren im Moment verschiedene Optionen. Unter anderem möchten wir eine Leitung von der Saane her bauen. Technisch ist vieles möglich.

Wie sieht es mit dem Plänen für ein Wasserreservoir aus?
Sie sprechen das Hochreservoir an. Das ist nur noch eine Option, wenn wir die Leitung von der Saane her nicht bauen könnten.

Sie müssen auch die Wohlensee-Staumauer oberhalb des AKW wegen möglicher Erdbeben verstärken.
Ja. Diese Verstärkung wird die Sicherheit weiter verbessern. Gegenüber den ursprünglichen Planungsvorgaben sind wir zwar leicht im Verzug. Aber ich bin überzeugt, dass wir bald mit den Arbeiten starten können.

Warum reissen Sie die Staumauer mit dem Wasserkraftwerk nicht einfach ab?
Es wurden verschiedene Überlegungen angestellt. Die Mauer ganz abzureissen, war aber keine Option. Diskutiert wurde über das Absenken des Wasserpegels. Aber das Wasserkraftwerk leistet einen wichtigen Beitrag zur Stromproduktion. Die geplante Verstärkung der Staumauer erfolgt auch im Hinblick auf die Neukonzessionierung des Wasserkraftwerks.

Wie viel auch immer Siein die Sicherheit investieren: Ein Restrisiko bleibt immer.
Es gibt klare gesetzliche Vorgaben, die uns sagen, welche Sicherheitsstandards wir erfüllen müssen. Und diese Standards erfüllen wir. Das Päckli, das wir jetzt mit dem Instandhaltungskonzept schnüren, ist ein zusätzlicher Beitrag zur Sicherheit.

Ihre Gegner sprechen von einem Schrottreaktor.
Mühleberg ist alles andere. Diesen Vorwurf muss ich zurückweisen.

Trifft Sie die Bezeichnung?
Wir haben Mühleberg für 300 Millionen Franken gebaut. Und seither haben wir nochmals mehr als diesen Betrag für Nachrüstungen investiert. Wir haben ein grosses Interesse, die Anlage instand zu halten. Und wir sind bereit, noch mehr zu investieren.

Gibt es eine Schmerzgrenze für die Investitionen?
Ja, selbstverständlich gibt es diese. Wir machen im Moment eine Auslegeordnung. Die Konzernleitung und der Verwaltungsrat werden diese prüfen. Ich bin sehr zuversichtlich: Gegenwärtig ist die Wirtschaftlichkeit des Kraftwerks gegeben.

Können Sie einen Höchstbetrag nennen?
Nein, das kann ich nicht. Diese Berechnungen sind noch im Gang.

Sie könnten das AKW auch freiwillig runterfahren – so würden Sie bei der Bevölkerung Sympathien gewinnen.
Solche Überlegungen sind für uns kein Thema.

Geht es nicht darum, jetzt einfach noch möglichst viel Geld zu verdienen?
Ein Unternehmen darf doch auch Geld verdienen. Aber Sicherheit hat für uns höchste Priorität. Wenn wir diese nicht gewährleisten könnten, dann würden wir die Anlage aus eigenem Antrieb vom Netz nehmen.

Was passiert, wenn Sie vorzeitig abschalten müssen?
Dann müssten wir viel Geld in die Hand nehmen. Wir rechnen mit einer Betriebsdauer von fünfzig Jahren, also bis 2022. Das gibt uns auch die Möglichkeit, alle notwendigen Fonds zu äufnen und schrittweise die nötigen Rückstellungen zu machen.

Was kostet der Rückbau?
Rund 2,6 Milliarden Franken. Wir rechnen mit einer Dauer von zehn bis fünfzehn Jahren.

Und eine allfällige Differenz müssten dann die Steuerzahler berappen?
Nein, die Betreiberin, die BKW.

Erstellt: 23.06.2012, 22:06 Uhr

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Zur Person

Zur Person: Martin Saxer arbeitet seit 1992 im Kraftwerk Mühleberg. 2002 hat der Elektroingenieur die Leitung der Abteilung Elektrotechnik übernommen. 2008 wurde er Stellvertreter des damaligen Leiters Patrick Miazza. Nach dessen Rücktritt per Ende 2011 hat Saxer die Leitung übernommen. Der neue Chef ist 46 Jahre alt und stammt aus dem Glarnerland. Er wohnt mit seiner Familie im Kanton Freiburg.

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