«Der Wolf gehört nicht hierher»

Der Ständerat berät heute über das Schicksal der Wölfe in der Schweiz. Dort, wo die Menschen mit den Wölfen zusammenleben müssen, wäre dieses Urteil wohl gefällt.

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Er trägt einen bundesrätlichen Namen. Magistral ist auch sein Auftritt auf 1400 Metern Höhe über dem Kandertal. Ein kleiner roter Bergtraktor taucht im Steilhang hinter der herbstgrünen Krete auf. Am Lenkrad sitzt Samuel Schmid, neben ihm auf dem Radkasten Hündin Moyra. Im Hintergrund leuchtet die Niesenkette in der Nachmittagssonne. Es fehlt nur noch die Musik. Und der Titel des Films.

Der Film hiesse: «Der Wolf gehört nicht hierher». Oder: «Für den Wolf ziehe ich meine Tiere nicht auf». Die zwei Sätze sagt Samuel Schmid mehrmals an diesem Nachmittag auf dem Linter. Seine 16 Hektaren abschüssigen Graslandes liegen in einem jener abgelegenen Landstriche, in denen das Wildtiermanagement aus den Berner Amtsstuben mit dem Alltag der Berglandwirtschaft kollidiert.

Noch ist der Wolf auf den Frutiger Spissen nicht gesichtet worden. Aber er ist in der Gegend. Vor zwei Jahren wurde er erstmals im Kandertal nachgewiesen, wo seine DNA an einem toten Kalb festgestellt wurde. Das Kalb gehörte dem Freund der ältesten Tochter der Familie Schmid. In der Nähe des Walop, wo Schmid seine Rinder sömmert, seien mehrere Wölfe unterwegs. Unter den Bauern heisst es, Dutzende von Geiern würden dort an der Südgrenze zum Naturpark Gantrisch von den Kadavern angelockt.

Alle gegen den Wolf

Jeder hier im Tal kennt einen, der einen kennt, der den Wolf gesehen hat. «Hier sind alle gegen den Wolf», sagt Schmid. Der Wolf geniesse einen höheren Schutz als das Vieh, manchmal könne man meinen, als der Mensch. Würden sich erst einmal Rudel bilden, werde es gefährlich. «Wir haben hier Kinder mit Schulwegen von mehreren Kilometern.»

Statistisch gesehen ist das Risiko, von einem Auto überfahren zu werden oder an einem Bienenstich zu sterben, grösser als die Wahrscheinlichkeit, von einem Wolf attackiert zu werden. Aber wer denkt nachts im finsteren Wald an Statistiken? «Wenn die Städter bereit sind, den Wolf in der einen Hälfte des Jahres zu nehmen und ihn ihre Hündchen fressen zu lassen, nehmen wir ihn in der anderen», sagt Schmid. «Das wäre mein Angebot.»

Fünfzig Kilometer weiter nördlich ist Schmids Bergwelt nur noch Panorama am fernen Horizont. Einzig die Jäger-Bekleidung von BDP-Nationalrat Lorenz Hess verleiht der Wandelhalle des Bundeshauses einen dezenten Hauch von Wildnis. «Die Diskussion wird sich von selbst erledigen», sagt Hess. «Nämlich dann, wenn das erste Mal ein Rotkäppchen aus der Stadt dem bösen Wolf begegnet.»

Zunächst aber wird der Ständerat am Donnerstag eine Motion des Wallisers René Imoberdorf (CVP) beraten. Sie verlangt, dass Wölfe ganzjährig abgeschossen werden dürfen. Wie der Waschbär. Der Vorstoss hat kaum Chancen. Fände er Mehrheiten in beiden Kammern, wäre er wohl gleichbedeutend mit der Ausrottung der in den letzten zwanzig Jahren wieder eingewanderten Wölfe.

Wolfsschutz lockern

Wahrscheinlicher ist, dass der Wolfsschutz gelockert wird. Im Juni hiess der Ständerat einen Vorschlag von Stefan Engler (CVP, GR) gut, der Abschüsse auch dann erlauben will, wenn die Interessen der Alpwirtschaft, der öffentlichen Sicherheit oder des Tourismus tangiert sind. Stimmt auch der Nationalrat zu, wird der Bundesrat eine entsprechende Änderung des Jagdgesetzes vorschlagen. Das könnte zu einer Entspannung führen.

Beim Luchs ist die Besiedlung weiter fortgeschritten als beim Wolf. Im westlichen Berner Oberland ist die Zahl der scheuen Raubkatzen nach Ansicht von Lorenz Hess mittlerweile deutlich zu hoch. «Richtig wäre, zu einer kontrollierten Bestandesregulierung für Grossraubtiere überzugehen», findet der Jäger. So, wie sie beim Steinbock seit eh und je funktioniere. Auch der Steinbock ist geschützt. Ist eine Population nach Ansicht der Behörden zu gross, geben sie eine Anzahl Tiere zum Abschuss frei.

Vom Luchs zerfetzt

Dem Luchs ist Bergbauer Samuel Schmid bei seiner Arbeit schon mehrfach begegnet. Vor zwei Jahren hat er unweit des Bauernhauses eines seiner Schafe gerissen und über den Zaun geschleppt. Zufällig befindet sich seine Herde, die jeweils zwischen 15 und 30 Tiere zählt, gerade auf derselben Weide. Während er schildert, wie er das Tier am Morgen mit zerfetztem Rücken vorfand, trotten ihm die Skudden und Texel-Schafe zutraulich nach. «Für die Kinder ist so etwas nicht einfach», erzählt er, «sie haben zu jedem Tier auf dem Hof eine persönliche Beziehung.» Wie er da so inmitten seiner kleinen Herde steht, ist unschwer zu erkennen, dass das mindestens ebenso für den Bauern gilt.

Darum ist auch eher nebensächlich, dass der Wert des Schafes entschädigt wurde. Allein des Geldes wegen lebt keiner hier oben. Luchs und Wolf stören eingespielte Abläufe. Bereits wird die Schaf-Alp hoch über Schmids Hof nicht mehr bestossen. Dem Küher sei der Aufwand zu gross geworden, den er für den Schutz der paar Schafe betreiben müsse. Das Auftauchen der Raubtiere habe negative Folgen für die Alpwirtschaft, sagt auch Erich von Siebenthal, SVP-Nationalrat und selbst Bergbauer. Konflikte gebe es schon mehr als genug – der Wolf habe keinen Platz mehr.

Verschiedene Welten

Werde im Sommer das Gras auf den Alpen nicht mehr abgeweidet, gingen im Winter auf den liegenden Halmen die Lawinen leichter ab, sagt Samuel Schmid, neben dessen Haus regelmässig die Galgenbrück-Lawine ins Tal donnert. Wenn die Schneemassen den Zugang zum Schafstall verunmöglichen, schickt er jeweils Hündin Moyra hinüber, um die Tiere in den Stall zu jagen.

Die Zucht von Border Collies ist Hobby und Nebenerwerb zugleich für Samuel und Regula Schmid. Im steilen Gelände leisten sie unschätzbare Dienste beim Zusammentreiben von Kühen und Schafen. Moyra «ist unsere Powerlady» heisst es auf der Homepage zu den «Border Collies vom Linter». Das ist nicht übertrieben. Wie ein ferngesteuerter Düsenjet reagiert die Hündin konzentriert auf jedes Signal von Schmid und treibt die Schafe exakt an den Ort, an dem sie für den Fotografen posieren sollen. Obwohl Border Collies Hütehunde und nicht Herdenschutzhunde sind, glaubt Schmid, dass ihn allein schon ihre Präsenz vor häufigeren Besuchen des Luchses bewahrt. Aus jedem seiner Sätze wird klar, dass die Anwesenheit der Raubtiere für ihn nichts, aber auch gar nichts Romantisches an sich hat.

Manchmal liegen Welten zwischen Berg und Tal. Das weiss aus eigener Erfahrung auch der Solothurner SP-Ständerat Roberto Zanetti, der aus dem Puschlav stammt. Seine bald 90-jährige Mutter lebt in Viano, wo im Mai der Bär M25 den Esel Pino riss. Umgehend erhielt Zanetti einen Anruf seiner betagten Mutter: «Jetzt hat er Rubens Esel geholt», polterte sie in heiligem Zorn. «Wenn diese Viecher so harmlos sind, warum sperrt ihr sie dann in Bern oben ein? Lasst sie doch raus, Esel hats ja genug.»

Erstellt: 25.09.2014, 12:42 Uhr

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