Der Wolf muss keine Angst haben

Der Bundesrat will den Abschuss von Jungwölfen erlauben. Sonst soll das Raubtier aber streng geschützt bleiben. Bei den Wolfsgegnern im Wallis stösst das auf Unverständnis.

Die Kriterien für einen Abschuss sollen streng bleiben: Ein Wolf beim Dorfeingang von Bellwald im Obergoms. (28. Mai 2013)

Die Kriterien für einen Abschuss sollen streng bleiben: Ein Wolf beim Dorfeingang von Bellwald im Obergoms. (28. Mai 2013) Bild: Marco Schmidt/Keystone

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In der Schweiz gibt es derzeit zwei Wolfsrudel – eines am Bündner Calanda-Massiv und eines im Valle Morobbia im Tessin. Geht es nach dem Bundesrat, sollen die Kantone den Nachwuchs dieser Rudel künftig dezimieren dürfen, wenn grosse Schäden an Nutztierherden drohen. Eine entsprechende Revision des Jagdgesetzes hat er am Mittwoch in die Vernehmlassung gegeben.

Auch heute dürfen die Kantone lokal hohe Bestände an Wölfen bereits regulieren. Das betreffende Rudel muss aber bereits grosse Schäden verursacht oder Menschen konkret gefährdet haben. Zudem muss der Bund die Abschüsse genehmigen. Künftig sollen die Kantone nun aber präventiv und in Eigenregie handeln dürfen.

Keine neuen Regeln für Einzeltiere

Nicht betroffen von der Änderung ist der Abschuss von Einzeltieren, wie Reinhard Schnidrig, Chef der Sektion Wildtiere beim Bundesamt für Umwelt (Bafu), bestätigt. Haben einzelne Wölfe wiederholt Tiere einer Herde gerissen, dürfen die Kantone bereits bisher selbständig einen Abschuss verfügen. Dies aber nur, wenn die betroffene Herde durch Hunde oder mit anderen Massnahmen bewacht war. Die Wölfe dürfen zudem nur während einer befristeten Zeit und nur in den betroffenen Gebieten geschossen werden.

Weil die Regeln für Einzeltiere bestehen bleiben, ist schon jetzt ist klar, dass der Vorschlag des Bundesrats den schärfsten Wolfsgegnern nicht genügend weit geht. Diese befinden sich im Wallis, wo die Behörden zuletzt zweimal den Abschuss des Wolfs M59 verfügten. Den Wildhütern gelang es aber weder diesen noch letzten Sommer nicht, ihn abzuschiessen. Dafür verantwortlich macht man im Wallis die Auflage des Bundes, den Wolf nur im Gebiet erlegen zu dürfen, in dem er sein Unwesen getrieben habe. «Die Wahrscheinlichkeit, ein zum Abschuss freigegebenes Tier in einem so kleinen Perimeter erlegen zu können, ist verschwindend klein», sagt der Walliser Ständerat Beat Rieder (CVP). Ohne eine Lockerung der Auflagen werde er das Gesetz deshalb nicht unterstützen. Die vom Wolf verursachten Probleme mit den geltenden Regeln lösen zu wollen, sei illusorisch.

Nachwuchs soll dezimiert werden

Für grundsätzlich richtig hält Ständerat Rieder, dass die Kantone neu grössere Wolfsbestände sollen begrenzen dürfen. Viele Bestimmungen im Gesetzesentwurf seien aber zu vage, um die Tauglichkeit der geplanten Regelung beurteilen zu können. Was «hohe Bestände» oder die «Gefährdung des Bestandes der Population» heisse, sei genau zu klären. «Wenn wir erst warten müssen, bis die Wolfspopulation von heute 30 bis 40 Wölfen auf über 100 angestiegen ist, bevor wir sie dezimieren können, wäre das für uns eine Verschlimmbesserung.»

Laut Bafu-Vertreter Schnidrig sollen die Kantone aber nicht so lange warten müssen, bis sie eingreifen können: «Hat ein Rudel Nachwuchs, soll dieser um maximal die Hälfte dezimiert werden können.» Dies aber nur, wenn eine Gefährdung von Mensch oder Tier vorliegt und die Herden im betroffenen Gebiet beschützt werden.

Naturschutzverbände kritisch

Die Umweltschutzorganisationen WWF und Pro Natura äussern sich kritisch zum Vorschlag des Bundesrats. Eine Regulation des Wolfsbestandes lehnen sie zwar nicht grundsätzlich ab. Sie verlangen jedoch, dass der Bund diese Abschüsse genehmigen muss, um sicherzustellen, dass die Dezimierung nach wissenschaftlichen Kriterien und nicht aufgrund eines politischen Entscheids vorgenommen wird.

«Bisher gilt das Prinzip, wonach die Kantone für die Jagd nicht geschützter Tiere und der Bund für die Regulation geschützter Tiere zuständig ist», sagt Mirjam Ballmer von Pro Natura, und daran wolle man festhalten. Stefan Inderbitzin vom WWF stellt zudem die Wirksamkeit einer Bestandsregulierung grundsätzlich infrage. Studien zeigten, dass sich Nutztiere vor allem durch Herdenschutz wirksam schützen liessen. «Der schnelle Griff zum Gewehr ist nicht zielführend.»

Bereits ein Rudel im Wallis?

Bis das neue Jagdgesetz in Kraft ist, könnte auch der Kanton Wallis längst zu den Kantonen mit einem Wolfsrudel zählen. Drei Tiere, ein Männchen und ein Weibchen, halten sich derzeit im Rhonetal auf – und haben diesen Sommer viel Wild gerissen. «Das ist ein Indiz für Nachwuchs», sagt Schnidrig, «aber noch kein Nachweis.» Mit einem oder mehreren Wolfsrudeln dürfte der Kanton Wallis womöglich gar weniger Probleme haben, als er heute mit den einzeln umherziehenden Wölfen hat. «Rudel jagen andere Tiere aus ihrem Territorium und verursachen weniger Schäden als Einzeltiere», sagt Schnidrig.

So oder so dürfte das Wallis aber nicht um einen stärkeren Herdenschutz herumkommen, denn dieser soll auch für die Regulation von Rudeln eine Voraussetzung sein. Es sei denn, das Parlament entscheidet sich doch noch für eine Abkehr vom Wildtierschutz – erst im März lehnte es der Ständerat aber ab, den Wolf zur Jagd freizugeben. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 25.08.2016, 19:29 Uhr

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