Der Wolf verliert Verbündete

Weil das Raubtier ins Mittelland zurückkehrt, will der Ständerat seinen Schutz lockern. Vor den Wahlen 2011 hat sich das noch anders angehört.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Für einen Grossteil der Städter steht der Wolf archetypisch für die raue Wildnis, von der es in der Schweiz immer weniger gibt. Entsprechend laut ertönt ihr Ruf nach einem rigorosen Schutz dieses Raubtiers. Viele Bergler halten diese Huldigung für naiv, sehen darin Ausdruck ­einer verklärt-romantischen Natursehnsucht. In den Bergkantonen wird denn auch vermutet, aus dem geachteten Raubtier werde im Mittelland schnell ein geächtetes, sollte der Wolf dorthin vordringen und mit der Bevölkerung in Konflikt geraten.

Nun ist es so weit: Nachdem 1995 die ersten Wölfe aus Italien ins Schweizer Berggebiet eingewandert sind, breiten sie sich zunehmend aus und kehren in Kantone zurück, in denen sie seit langem ausgerottet waren, etwa nach Zürich oder St. Gallen. Gerissene Schafe zeugen davon, so in der Ostschweiz und im Wallis, wo in den letzten Wochen ein Wolf 30 Nutztiere im Turtmanntal riss.

Diese Art der Einwanderung scheint politisch nicht genehm. So hat der Ständerat in der Sommersession den Schutz des Wolfs gelockert. Er tat dies mithilfe von Politikern, die in den Städten und Agglomerationen wohnen – und sich vor den letzten Wahlen noch als Freunde des Wolfs geoutet haben. Dies zeigt eine Auswertung der Wahlplattform Smartvote durch den TA.

Im Vorfeld der Wahlen 2011 konnten die Politiker folgende Frage beantworten: «Befürworten Sie eine Lockerung der Schutzbestimmungen für Grossraubtiere (Luchs, Wolf, Bär)?» Von den 46 Ständeräten antworteten 19 mit Nein oder eher Nein, wobei diese typischerweise Unterländer sind, so Verena Diener (GLP, ZH) oder Anita Fetz (SP, BS). 20 Ständeräte, die zum guten Teil aus Bergkantonen stammen, votierten hingegen bestimmt oder ziemlich bestimmt für eine Aufweichung des Wolfsschutzes. Sieben Ständeräte gaben keine Antwort.

Wachsende Population

Unter dem Strich also ein ziemlich ausgewogenes Resultat, das ein zähes Ringen in der Sommersession hätte erwarten lassen. Doch es kam anders. Den Vorstoss von Stefan Engler (CVP) überwies die kleine Kammer praktisch diskussionslos und ohne Abstimmung. Der Bündner fordert eine Anpassung des Jagd­gesetzes, um den Bestand zu regulieren. Die Behörden sollen künftig für ein bestimmtes Gebiet eine maximal tolerierbare Zahl Wölfe festlegen können.

Statt wie bisher den Schutz des Wolfs in den Vordergrund zu stellen, sollen sie die Interessen von Landwirtschaft, Jagd, Sicherheit und Tourismus gleich hoch gewichten. Heute darf ein Wolf mit einer Ausnahmebewilligung geschossen werden, wenn er Schafe reisst, grosse Schäden unter Wildtieren anrichtet oder Menschen erheblich gefährdet. Nach Ansicht des Ständerats ist dieses Konzept der wachsenden Wolfspopulation wegen – heute sind es rund 20 Tiere – überholt.

«Ich will nicht alles erschiessen»

Obschon die bisher wolfsfreundlichen Ständeräte den Vorstoss stillschweigend mitgetragen haben, wollen sie sich keineswegs als Wolfsgegner etikettiert sehen. Der Berner Hans Stöckli (SP) etwa spricht von einer Anpassung an die Realität. Gegen eine Koexistenz von Wolf, Mensch und Nutztier, wie sie Engler verlange, könne niemand etwas haben. Verena Diener (GLP) spricht von einem pragmatischen Weg. «Anders als in Berggebieten hat der Wolf in Städten und Agglomerationen mit ihrer dichten Besiedlung schlicht keinen Platz», sagt die Stadtzürcherin. Konflikte mit der Bevölkerung wären sonst programmiert. 2011 hatte Diener die Smartvote-Frage mit ­einem Ja beantwortet. Verstanden habe sie dies als Bekenntnis zur Berner Konvention, jenem völkerrechtlichen Vertrag, der unter anderem Grossraubtieren wie dem Wolf das Überleben in Europa sichern soll – und damals innenpolitisch unter Beschuss war. Für einen absoluten Schutz des Wolfs sei sie schon damals nicht eingestanden, versichert sie.

Ihre Position revidiert haben auch jene wenigen Politiker aus den Bergkantonen, die sich bis dato im Lager der Wolfsfreunde verorten liessen. Dass der Wolf so schnell ins Mittelland einwandere, habe niemand erwartet, sagt etwa der Urner Markus Stadler (GLP) und beteuert: «Ich will nicht alles erschiessen, was sich links und rechts von mir bewegt.» Angesichts der neuen Ausgangslage sei aber eine «gewisse Relativierung» des Wolfsschutzes nötig – und zwar mit dem Ziel, ein Nebeneinander von Mensch und Wolf zu ermöglichen, auch in etwas dichter besiedelten Gegenden. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.08.2014, 06:31 Uhr

Seine frei lebenden Artgenossen sind in Bedrängnis: Wolf im Zoo Zürich. (Bild: Keystone Steffen Schmidt)

Artikel zum Thema

Der Wolf gewinnt

Im Oberwallis riss ein Wolf in den vergangen Wochen 30 Nutztiere. Trotz der stattlichen Zahl darf er nicht abgeschossen werden. Mehr...

Zürich will den toten Wolf zurück

Gentest haben die Herkunft und den Reiseweg des Wolfes nachgewiesen, der bei Schlieren von einem Zug überfahren wurde. Er ist so stark verletzt, dass er nicht ausgestellt werden kann, soll aber nach Zürich zurückkehren. Mehr...

Der Wolf kehrt ins Glarnerland zurück

Ein Raubtier hatte auf einer Alp oberhalb Netstal sieben Schafe gerissen. Nun ist klar: Es war der Wolf. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Rochen statt Rentier: Ein als Weihnachtsmann verkleideter Taucher gesellt sich zu den Bewohnern des Ceox-Aquariums in Seoul. Südkorea ist das einzige ostasiatische Land, das Weihnachten als nationalen Feiertag anerkennt. (7. Dezember 2018)
(Bild: Chung Sung-Jun/Getty Images) Mehr...