Der Zürcher, der in der Hölle schmort

Seit dem Mittelalter, so heisst es, schmore ein Zürcher auf ewig in der Hölle des Jüngsten Gerichts. Ob der Mann mit blau-weisser Weste im Berner Münsterportal tatsächlich ein Zürcher ist, bleibt umstritten.

Ein Mann in blau-weisser Weste (ein Zürcher?) wird von zwei Dämonen gepeinigt. (Valérie Chételat)

Ein Mann in blau-weisser Weste (ein Zürcher?) wird von zwei Dämonen gepeinigt. (Valérie Chételat)

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In der dritten Reihe von unten, ganz rechts, wird ein Mann in blau-weisser Weste von einem grünen Teufel aufgespiesst: «Das ist der Zürcher, der in die Hölle verbannt wurde», erklärt ein junger Berner und zeigt hinauf zum Münsterportal. Tatsächlich ist dort, auf der Höllenseite des Jüngsten Gerichts, ein angezogener Mann in sehr misslicher Lage zu erkennen. Vom linken Dämon aufgespiesst, wird der Gequälte von einem anderen Dämon gebissen, gar verschlungen. Sein Grossvater, so der Berner, habe ihm erklärt, dass dort der Zürcher in der Hölle schmore. Grund dafür sei der Alte Zürichkrieg. Der Krieg habe die Berner geldmässig derart ausgesogen, dass der Bau des Münsters unterbrochen werden musste. Nach Kriegsende habe man deshalb den damaligen Feind, den Zürcher eben, in die Hölle des Münsterportals verbannt.

Ein Zürcher Schultheiss

«Ich habe mir keine Figur so genau angesehen wie den Mann mit blau-weisser Weste», sagt Peter Probst, ehemaliger Turmwart des Berner Münsters. Als das Portal Anfang der 1990er-Jahre, während der letzten Restaurationsarbeiten, eingerüstet war, hatte Probst die Möglichkeit, die Figuren im Hauptportal von ganz nah zu betrachten. «Für mich ist das der Zürcher Schultheiss», so Probst. Denn die Farbgebung Blau-Weiss bedeute für Berner immer Zürich und nicht Zug oder Luzern. Da die Darstellung von Himmel und Hölle im Münsterportal wie eine Art Spiegelung funktioniere, sei «die Wahrscheinlichkeit gross», dass es sich bei besagter Figur um den Zürcher Schultheiss handle. Auf der Himmelsseite des Jüngsten Gerichts ist eindeutig ein Berner Schultheiss mit Kette und Berner Siegel erkennbar. Dementsprechend wäre der Zürcher Schultheiss in der Hölle das Gegenbild des Berners im Himmel. Hat die Darstellung des Zürchers etwas mit dem Alten Zürichkrieg zu tun? Das wäre naheliegend, meint der Alt-Turmwart. Im Krieg von 1440–1450 verbündete sich Zürich mit Österreich gegen die Eidgenossen. Damit wurde Zürich auch für Bern zum Feind. Dass man deshalb beim Portalbau des Münsters einen Zürcher Würdenträger auf die «schwarze Seite» verbannt habe, sei wahrscheinlich. Denn: «Es gibt nichts Schwarz-Weisseres als das farbige Jüngste Gericht.» Einen eindeutigen Beweis dafür gebe es aber nicht.

Da die Entstehungszeit des Portals umstritten und nicht auf Monate genau datiert ist, wisse man nicht, was zwischen Bern und Zürich politisch- und tagespolitisch Thema war. Die Identifizierung der Figur als Zürcher Würdenträger aber sei Konsens in der heutigen Forschung, so Urs Zahnd, ehemaliger Professor des Historischen Instituts Bern.

Eine fragwürdige These

Ob der Mann im Münsterportal tatsächlich als Zürcher zu identifizieren sei und ob dies etwas mit dem Alten Zürichkrieg zu tun haben könnte, sei «sehr fraglich», heisst es hingegen beim Berner Stadtarchiv. Der Kunsthistoriker Luc Mojon, der in seinem Band zum Berner Münster von 1960 die Figuren im Jüngsten Gericht genau beschrieben hat, bezeichnet sie lediglich als «Mann (Venner?) in Wams und Hose», der von einem Teufel aufgegabelt werde. Ein Führer zum Berner Münster von 1993 («Machs na», Band 1) modifiziert zwar die Beschreibung von Mojon zum «Zürcher Schultheiss», setzt dahinter aber ein Fragezeichen.

Eine Frage der Farbgebung

Betrachte man das Bogenfeld als zeitgenössisches Dokument und interpretiere man die blau-weiss bemalte Figur als Zürcher – und führe dies zurück auf den Zürichkrieg –, so sei dies eine «sehr gewagte Hypothese», sagt der Kunsthistoriker Franz-Josef Sladeczek. Das im Mittelalter konzipierte, farbige Portal sei mehrfach restauriert worden. Dies könne jeweils eine Neugestaltung mit sich bringen, weiss Sladeczek. Bei der vorletzten Restaurierung von 1914 kam es gar zum Disput, ob das Portal katholisch-bunt oder protestantisch-schlicht restauriert werden sollte. Schliesslich einigte man sich auf einen Kompromiss. «Die Farbgebung des heutigen Münsterportals widerspiegelt kaum die Originalfassung», so Sladeczek. Die blau-weisse Weste kann also nicht allein als Beweis dienen, dass es sich um einen Zürcher handelt. Die Frage, weshalb «der Mann in Wams und Hose» aber als Einziger angezogen und nicht nackt in der Hölle schmort, bleibt unbeantwortet. (Der Bund)

Erstellt: 04.08.2010, 13:38 Uhr

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