Schweiz ermittelt gegen Südamerikas Fussball-Patriarchen

Nicolás Leoz galt als unantastbar, der Sitz seines Verbandes hatte diplomatischen Sonderstatus. Nun hat er die Schweizer Justiz am Hals.

Polizisten bewachen Nicolás Leoz’ Villa in Paraguays Hauptstadt Asunción. Leoz steht unter Hausarrest. Foto: Jorge Adorno (Reuters)

Polizisten bewachen Nicolás Leoz’ Villa in Paraguays Hauptstadt Asunción. Leoz steht unter Hausarrest. Foto: Jorge Adorno (Reuters)

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Nicolás Leoz Almirón ist ein Mann, bei dem alles etwas grösser bemessen ist: die dunklen Anzüge, der markante, fast würfelförmige Schädel, der Machtanspruch. Der 86-Jährige ist einer der ­globalen Fussball-Patriarchen: 27 Jahre, von 1986 bis 2013, herrschte der Paraguayer über die Conmebol, Südamerikas Pendant zur europäischen Uefa. Bei der Fifa sass er 15 Jahre lang in der Regierung, im Exekutivkomitee. Seine Macht ging so weit, dass er das Parlament von Paraguay 1996 dazu brachte, einen palastartigen Neubau der Conmebol in der Hauptstadt Asunción mit einem diplomatischen Sonderstatus zu imprägnieren. «Kein Polizist kann hereinkommen, kein Staatsanwalt. Niemand», sagte er 2012 zu «Olé», einem argentinischen Fussballmagazin. Leoz war ein Nationalheld in Paraguay. Unantastbar.

Bis die Amerikaner kamen. Das FBI führt einen Feldzug gegen Korruption im Fussballgeschäft, Leoz zählt zu den Hauptzielen. Die Ermittlungen offenbarten ein Netz von verdeckten Geldströmen zwischen dem Präsidenten, seinen Untergebenen und Sportagenturen.

Interpol schrieb den Ex-Präsidenten zur Fahndung aus, die USA fordern seine Auslieferung. Laut FBI hatte Leoz mit seinen Komplizen die Conmebol zum Selbstbedienungsladen umgebaut. Schloss der Verband einen Deal, verdiente der Präsident mit. Private und offizielle Geldflüsse waren so stark miteinander verflochten, dass es schwierig war, Leoz’ Konten und Conmebol-­Konten auseinanderzuhalten, sagte ein früherer Angestellter des Verbands der spanischen Sportzeitung «AS».

Bank Pictet schlug Alarm

Nun beschäftigt sich auch die Schweizer Justiz mit Leoz. Viele der Conmebol-Geldströme wurden durch hiesige Banken geleitet. Die Bundesanwaltschaft startete ihre Ermittlungen, als Fifa-Präsident Sepp Blatter im letzten Herbst eine Anzeige hatte einreichen lassen. Dazu kam die Bitte der USA um Rechtshilfe. Die Fahnder beschlagnahmten daraufhin bei der Fifa Millionen Dokumente – und erhalten bis heute Geldwäschereimeldungen von Schweizer Banken. Mindestens eine davon betraf den Conmebol-Präsidenten: Die Bank Pictet schlug am 24. Juni 2015 Alarm, sie war auf ein verdächtiges Konto gestossen. Die Bundesanwaltschaft eröffnete eine Unter­suchung gegen Leoz sowie gegen den ­Argentinier Eduardo Deluca, den langjährigen Conmebol-Generalsekretär. Der Verdacht: Veruntreuung, ungetreue ­Geschäftsführung.

Beim Pictet-Konto sind mehrere auffällige Bewegungen erkennbar. So zahlte der japanische Vermarkter Dentsu Inc. im Winter 2004 rund 5 Millionen Franken ein. Die Werbeagentur gehört zu den grössten der Welt, sie organisierte lange Jahre den Toyota Cup in Tokio – ein Duell zwischen dem Gewinner der europäischen Champions League und dem besten Team aus Südamerika.

Sein Anwalt bezeichnet ihn als unschuldig: Nicolás Leoz (r.) zusammen mit Fifa-Präsident Sepp Blatter. (Foto: Keystone)

Knapp zwei weitere Millionen kamen von Hakuhodo DY Media, der zweiten japanischen Grossagentur, die im Fussball aktiv ist. Auch die Fifa selber überwies immer wieder Geld zugunsten der Conmebol an die Genfer Privatbank. Insgesamt gingen bei Pictet rund 19 Millionen ein. Aber nur 8 Millionen gingen weiter zur Conmebol nach Paraguay. Der Rest verschwand – so der Verdacht – auf privaten Konten von Leoz und Deluca.

Hakuhodo antwortete nicht auf eine Anfrage; Dentsu teilte mit, alle Zahlungen an Conmebol seien aufgrund von sauber ausgehandelten Verträgen erfolgt. Was mit dem Geld passierte, nachdem es auf dem Schweizer Konto eingetroffen war, weiss die Agentur nicht.

Auffälliges Credit-Suisse-Konto

Ein zweites Konto, diesmal bei der Credit Suisse, ist den Schweizer Ermittlern offenbar schon im Oktober 2014 aufge­fallen. Die Berechtigung dafür lag bei Eduardo Deluca, zusammen mit einem tiefrangigen Fussballfunktionär. Ab 2004 seien auf das Konto eine Reihe von «verdächtigen Zahlungen» geflossen, berichten südamerikanische Medien. Oft gingen Summen über 100'000 Dollar ein, 2008 waren es 1,2 Millionen. 2009 schlossen Deluca und der Funktionär das Konto und überwiesen das Geld auf ein anderes Konto, das erneut ihre eigenen Namen trug. Die argentinische Justiz will nun von Bern genauere Auskünfte über diese Transaktionen und hat dazu eine Anfrage an die Schweiz lanciert.

Im Visier der Ermittler: Der argentinische Ex-Funktionär Eduardo Deluca. (Foto: Keystone)

Die Bundesanwaltschaft kommentiert die Recherchen des Tagesanzeiger.ch/Newsnet nicht. Leoz’ Anwalt sagte, sein Mandant wisse nichts von Schweizer Ermittlungen. Deluca war nicht erreichbar, auch die Conmebol gab keinen Kommentar ab.

Der Verband steckt in einer tiefen Krise: Einkünfte sind weggebrochen, weil Behörden bei Conmebol-Partnern Gelder eingefroren haben (auch in der Schweiz). Der Hauptsitz geniesst keinen diplomatischen Sonderstatus mehr, das Parlament Paraguays hat ihn aufgehoben. Und der Ex-Conmebol-Präsident, der einst Unantastbare, lebt heute unter Hausarrest, geschwächt von Herzproblemen und Parkinsonsymptomen. Sein ­Anwalt bezeichnet Leoz in lokalen Medien als unschuldig.

Erstellt: 21.08.2015, 23:47 Uhr

Sechs Fifa-Funktionäre noch in Schweizer Haft

Einer ist ausgeliefert, einer soll zurück in die Heimat, fünf wehren sich: Was mit den Funktionären geschehen ist, welche die Polizei in Zürich verhaftet hat.

Am frühen Morgen des 27. Mai 2015 nahm die Kapo Zürich im Luxushotel Baur au Lac sieben einflussreiche Fussball-Funktionäre fest; die US-Justiz hatte ihre Auslieferung gefordert. Einer von ihnen, der Brite Jeffrey Webb, Ex-Präsident der nord- und zentralamerikanischen Fussballkonföderation Concacaf, hat seiner Überstellung zugestimmt. Er erschien bereits in den USA vor Gericht. Gegen eine 10-Millionen-Dollar-Kaution entliess ihn das Gericht aus der Haft – zur Summe gehören elf Luxusuhren, der Hochzeitsring von Webbs Ehefrau, drei Autos und zehn Grundstücke.

Präzis formulierte Vorwürfe

Fünf weitere Amtsmänner, Eugenio Figueredo, Eduardo Li, José Maria Marin, Costas Takkas und Rafael Esquivel, wehren sich bis heute gegen die Auslieferung. Sie sitzen nach wie vor in der Umgebung von Zürich in verschiedenen Gefängnissen in Haft. In Kürze sind in Bern Auslieferungsentscheide zu erwarten. Sollte der Bund die Überstellung in die USA bewilligen, können sich die Funktionäre dagegen vor Gericht wehren. Vom TA befragte Juristen glauben aber, dass die Angeschuldigten damit lediglich Zeit gewinnen können, da die Korruptionsvorwürfe der US-Justiz präzise genug formuliert seien.

Ein Spezialfall ist der siebte Mann, ­Julio Rocha: Bei ihm konkurrieren zwei Auslieferungsgesuche. Seine Heimat Nicaragua hat ebenfalls ein Begehren gestellt, nachdem sie ihn wegen Verdachts auf Geldwäscherei und Veruntreuung angeklagt hat. Rocha, Ex-Präsident des Fussballverbands von Nicaragua, hat dem Begehren der heimischen Justiz bereits zugestimmt. Nun ist die Frage: An wen soll die Schweiz den Mann ausliefern? Der Ball liegt nun bei der US-Justiz: Sie muss entscheiden, ob sie Rocha immer noch in Haft nehmen will. Sollten die USA an ihrem Antrag festhalten, muss die Schweiz einen Entscheid fällen. Die Behörden haben in dieser Frage Spielraum. Aber: Mit den USA hat die Schweiz einen Auslieferungsvertrag, mit Nicaragua nicht; Experten rechnen damit, dass die Schweiz sich nach den Wünschen der USA richten würde.

Geldwäschereiverdacht

103 Meldungen wegen der Fifa

Nach der Verhaftung eines Septetts lateinamerikanischer und karibischer Fussball­funktionäre in Zürich und der Beschlagnahmung von Dokumenten am Fifa-Hauptsitz Ende Mai haben die Schweizer Banken ihre Bestände nach Konten Verdächtiger durchforstet – und sie wurden fündig. Bis Mitte Juni übermittelten sie im Fifa-Zusammenhang 53 Bankverbindungen an die Geldwäscherei-Meldestelle (MROS).

Seither hat sich die Zahl fast verdoppelt. «Bis dato sind 103 MROS-Verdachtsmeldungen bei der Bundesanwaltschaft eingegangen», sagt André Marty, Sprecher der Bundesanwaltschaft, auf Anfrage. Doch damit nicht genug der Arbeit für die Ermittler von der Abteilung Börsen­delikte und allgemeine Wirtschaftskriminalität, die sich um den Fussballkomplex kümmern: Der Bundesanwaltschaft waren bereits 104?verdächtige Bankverbindungen im Fifa-Zusammenhang bekannt, als die Zürcher Polizei im Hotel Baur au Lac und die Straf­verfolger aus Bern zeitgleich bei Sepp Blatter auf dem Sonnenberg zugriffen. (tok/ms)

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