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Der aufmüpfige Duke

Gewerkschafter streiken, weil die Unia-Bosse ihren leitenden Angestellten, Roland Herzog, zwangsversetzten.

Weil der Regionalleiter entlassen wurde, streikt hier das Personal: Der Hauptsitz der Gewerkschaft UNIA in Bern.

Weil der Regionalleiter entlassen wurde, streikt hier das Personal: Der Hauptsitz der Gewerkschaft UNIA in Bern. Bild: Keystone

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Roland Herzog hat schon viele Arbeitskämpfe ausgefochten und manchem Arbeitgeber Zugeständnisse abgerungen. Doch nun ist der «Duke», wie er wegen seines Nachnamens auch genannt wird, an einen mächtigen Gegner geraten. Seine eigenen Chefs haben den langjährigen Gewerkschafter von der Leitung der Unia-Sektion Bern enthoben und bis zur Pensionierung ins Zentralsekretariat strafversetzt.

Herzog gibt aber nicht klein bei, sondern steigt auf die Barrikaden. Unterstützt wird er von 40 Angestellten der Gewerkschaft. Seit Donnerstag bestreiken sie mehrere Sekretariate – ein einmaliger Vorgang in der Gewerkschaftsszene.

In den Internetforen sind die Fronten klar. Herzog wird als engagierter, basisnaher Vollblutgewerkschafter beschrieben, der den selbstherrlichen Gewerkschaftsbossen vor der Sonne steht.

Neue Verhandlungsrunde

Von den Chefs der Unia-Region Bern, der grünen Grossrätin Natalie Imboden und Udo Michel, tönt es allerdings anders: Herzog fehle die Bereitschaft, mit der Leitung «konstruktiv zusammenzuarbeiten». Er habe Abmachungen nicht eingehalten und Informationen vorenthalten. Der 59-Jährige wäre in rund einem Jahr pensioniert worden, da er mehr als zwei Jahre Überzeit angehäuft hat.

Da eine erste Verhandlungsrunde am vergangenen Freitag ohne Ergebnis blieb, versuchen Gewerkschaftsleitung und Streikende heute erneut, eine Lösung zu finden. Bis dahin haben sie Stillschweigen vereinbart. Derweil wird Herzogs Arbeit rundum gelobt. In jüngster Vergangenheit hat er sich unter anderem im Kampf gegen den Stellenabbau bei der Berner Maschinenfabrik Wifag und gegen die Schliessung der Kartonfabrik in Deisswil Respekt verschafft.

«Hierarchien sind notwendig»

Es gibt aber auch kritische Stimmen. So fragt man sich, wie ein Funktionär zwei Jahre Überzeit anhäufen konnte, obwohl er von seinen Vorgesetzten zu einem Abbau gedrängt worden war. Deutlich wird damit auch, dass der studierte Soziologe und Ökonom ein Problem mit Vorgesetzten hat. Corrado Pardini, der demnächst in den Nationalrat nachrutscht und Mitglied der Unia-Geschäftsleitung Schweiz ist, formuliert es so: «Herzog stellt Autoritäten oft infrage und kommuniziert gerne mit allen auf Augenhöhe.»

Hier dürfte der Kern des Konflikts liegen. Die 2004 aus einer Fusion entstandene Riesengewerkschaft mit 200'000 Mitgliedern und fast 1000 Angestellten funktioniert heute weniger basisdemokratisch, als dies einigen lieb ist. «Gewisse Hierarchien sind in einem Betrieb wie der Unia notwendig», entgegnet Pardini, «wir müssen aber eine bessere Balance zwischen Profistrukturen und Mitbestimmung der Basis finden.»

Beharren auf den Positionen

Dass sich dabei einzelne Funktionäre querstellen, stösst innerhalb der Gewerkschaft auf Kritik. «Es braucht Spielregeln, an die sich alle halten müssen», sagt Martin von Allmen, Sekretär der Unia-Sektion Berner Oberland, die sich nicht am Streik beteiligt. Auch eine Gewerkschaft müsse mit der Zeit gehen.

Der Fall zieht weite Kreise. Ausserkantonale Sektionen solidarisieren sich mit dem Berner, und Unzufriedene fordern eine Grundsatzdebatte über eine Demokratisierung der Unia.

Eine Lösung ist nicht in Sicht. Für die Gewerkschaftsbosse ist die Absetzung Herzogs nicht verhandelbar, die Streikenden hingegen beharren auf einer Wiedereinsetzung ihres «Duke».

Erstellt: 22.02.2011, 21:26 Uhr

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Gibt nicht klein bei: Roland Herzog.

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