Der aussergewöhnliche Fall Riggisberg

Ein geplantes Asylzentrum sorgt bei der lokalen Bevölkerung oft für gehässige Reaktionen. Die Bevölkerung in Riggisberg aber organisiert Deutschkurse. Und Weihnachten feiert man zusammen.

«Gemüse, das ist etwas zum Essen»: Mehrere Riggisberger Freiwillige bringen Asylbewerbern Deutsch bei.

«Gemüse, das ist etwas zum Essen»: Mehrere Riggisberger Freiwillige bringen Asylbewerbern Deutsch bei. Bild: Valérie Chételat

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«Riggisberg – Anschlüsse in alle Richtungen», schallt es aus dem Lautsprecher des Postautos. Für rund 150 aus unterschiedlichsten Himmelsrichtungen stammende Menschen war in der Gemeinde aber erst einmal Endstation. Seit Ende Juli bewohnen sie hier das neu eröffnete Durchgangszentrum für Asylbewerber. Die Gemeinde Riggisberg war die einzige, die sich freiwillig auf einen Aufruf der Kantonsbehörden meldete, die aufgrund der ansteigenden Anzahl Asylgesuche dringend neue Unterkünfte suchte.

Grosse Solidarität

Die Riggisbergerinnen und Riggisberger organisieren für ihre 150 temporären Mitbewohner unter anderem Deutschkurse, Wanderausflüge oder Kaffeenachmittage. In ihrer Freizeit führen sie Neuankömmlinge durch das Dorf und erklären ihnen, wie man richtig und günstig einkauft. Um die Angebote zu koordinieren, wurde eigens eine Homepage aufgeschaltet (www.riggi-asyl.ch). «Die Situation in Riggisberg ist eine sehr aussergewöhnliche», sagt Iris Rivas, Leiterin des kantonalen Migrationsdientes. Auch Martin Trachsel, der das Riggisberger Zentrum führt, sagt, die Solidarität in Riggisberg sei «etwas Spezielles».

Mit seinen knapp 2500 Einwohnern scheint Riggisberg auf den ersten Blick eine Gemeinde zu sein, wie es in der ländlichen Schweiz viele gibt. Zwar hat man nicht in allen davon eine derart schöne Bergsicht wie vom Plateau oberhalb des Gürbetals, auch wurden die wenigsten im Zweiten Weltkrieg von fehlgeleiteten alliierten Kampfflugzeugen bombardiert.

Für die ungewöhnlich grosse Solidarität mit den Asylbewerbern ist dies selbstverständlich keine Erklärung. Die Tatsachen, dass im siebenköpfigen Gemeinderat gleich vier Vertreter der SVP sitzen und die sogenannte Masseneinwanderungsinitiative in Riggisberg mit 63,8 Prozent deutlich angenommen wurde, noch weniger. Die «Anschlüsse in alle Richtungen» sollten deshalb nicht über den ruralen Charakter Riggisbergs hinwegtäuschen. Die auf dem Platz vor der Post wartenden Busse fahren auf den Gurnigel, nach Rüschegg-Heubach oder Hinterfultigen.

Im ungleich urbaneren Ostermundigen wehrte sich der Gemeinderat derweil erfolgreich gegen die Zuteilung eines Asylzentrums. Und nicht nur in Schafhausen im Emmental brachte die Aussicht auf ein Asylzentrum im eigenen Dorf die latenten Wutbürger und Wutbürgerinnen in Aufruhr.

Nicht die klassische Norm

Weshalb scheint in Riggisberg zu funktionieren, was andernorts zu Protesten führt? Unter den Menschen in der Region gebe es generell eine grosse Solidarität, sagt Doris Eckstein, welche die Freiwilligenangebote koordiniert. «Durch das Wohnheim Riggisberg ist man sich hier zudem den Umgang mit Menschen, die nicht der klassischen Norm entsprechen, gewöhnt.» Im ehemaligen Schloss waren einst verarmte Menschen untergebracht, heute leben im Wohnheim rund 260 Menschen mit psychischen und geistigen Behinderungen.

«Issen» oder «essen»?

Eckstein ist eben dabei, mit zwei weiteren Freiwilligen mehreren Flüchtlingen Deutsch beizubringen. Dieses Lernfoyer findet zwei Mal pro Woche statt. Im von Leuchtstoffröhren beleuchteten Raum zuhinterst in der labyrinthartigen und zur Asylunterkunft umfunktionierten Zivilschutzanlage sitzen rund zehn Teilnehmer. «Ist ‹Sie issen› richtig?», fragt einer der Teilnehmer. «Sie essen», korrigiert ihn sein Pultnachbar. Wie die restlichen rund zehn Teilnehmer sind sie konzentriert über ihre Schulbücher gebeugt. Die letzten Spuren von Jugendlichkeit ihrer Gesichter kontrastieren stark mit den Narben auf Wangen und Stirnen.

Meinungsbildung im Adler

Unter den rund vierzig Freiwilligen sind auch solche, welche die SVP nicht zuletzt aufgrund ihrer restriktiven Zuwanderungspolitik wählen. Die Angst vor Fremdem höre dort auf, wo das Fremde nicht mehr fremd sei, erklärt der Riggisberger Pfarrer Daniel Winkler. «Indem die Freiwilligen in ihren jeweiligen Bekanntenkreisen von ihren Erfahrungen mit den Flüchtlingen erzählen, werden in der Bevölkerung vorhandene Ängste abgebaut.»

Winkler selbst turnt wöchentlich in der Männerriege mit; auch beim anschliessenden Bier im Adler ist er stets dabei. In dessen Säli konnte er schon manche Ängste seiner Turnkollegen entkräften und dem Dorfpolizisten seine Sorgen nehmen.

Gegner bleiben Sitzungen fern

Wenige Wochen nach der Eröffnung kam es in der Asylunterkunft zu einer Schlägerei. Der Kanton hatte vorbestrafte Männer mit negativem Asylentscheid einquartiert. Der Kanton versprach, dies künftig zu unterlassen. Die Nachtwache wurde aufgestockt, Winkler legte im Kirchenorgan «Reformiert» die Vorkommnisse ungeschönt offen. Dass sich die Gemüter bald beruhigten, dazu trugen auch die Diskussionen am regelmässig stattfindenden runden Tisch bei. An diesem können neben den Zentrumsmitarbeitern Gemeinde- und Kantonsvertreter, die Kirchgemeinde, die Polizei und Schulbehörden und auch die Kritiker des Zentrums teilnehmen. Letztere bleiben diesem aber meist fern. Man komme nur, wenn es einen Grund dafür gebe.

Das Wohlwollen gegenüber den Asylbewerbern sei gestiegen, haben Winkler wie auch Trachsel und Eckstein festgestellt. Die kritischen Stimmen seien dennoch nicht gänzlich verschwunden. «Manche wollen halt einfach dagegen sein», sagt Winkler.

Wutbürger gibt es also auch in Riggisberg. Und Solidarität auch anderswo. «Auch an den restlichen Standorten der Durchgangszentren engagieren sich die Anwohner erfreulicherweise immer stärker», sagt Iris Rivas vom Migrationsdienst.

Fladenbrote und Fleischkäse

Die in Riggisberg untergebrachten Flüchtlinge selbst packten nach den sommerlichen Unwettern bei den Aufräumarbeiten mit an, reinigen mehrmals pro Woche den Gemeindeplatz, rechen Laub oder kümmern sich um demenzkranke Altersheimbewohner. Letzte Woche bekochten sie in ihrer temporären Bleibe alle freiwilligen Helfer. Beim Adventsessen wurden eritreische Spezialitäten auf dem Fladenbrot Injera serviert, anschliessend Karaoke gesungen. Heute Abend nun sind alle Flüchtlinge zur Weihnachtsfeier ins Kirchgemeindehaus eingeladen. Serviert werden Fleischkäse, Zopfbrot und Weihnachtsgüezi. (Der Bund)

Erstellt: 23.12.2014, 10:17 Uhr

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