Der durchsichtige Geheimdienst-Vize

Die Nummer 2 des Schweizer Nachrichtendiensts exponierte sich im Spionagefall Daniel M. unnötigerweise. Auch mit seinen privaten Daten ist er unvorsichtig.

Funktion mit «gewisser Sichtbarkeit»: Paul Zinniker, Stellvertretender Direktor des NDB. Foto: Peter Schneider (Keystone)

Funktion mit «gewisser Sichtbarkeit»: Paul Zinniker, Stellvertretender Direktor des NDB. Foto: Peter Schneider (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Zu einer spannenden Spionagegeschichte gehört eine clevere Desinformationskampagne. Und so dürfen auch im realen Agentenkrimi um den Schweizer Daniel M. falsche Fährten nicht fehlen. Eine davon wurde in verschiedenen Schweizer Printtiteln gelegt. Dort wurde in den vergangenen Tagen stark bezweifelt, dass der in Deutschland inhaftierte M. überhaupt je so richtig für die Eidgenossenschaft spionierte. Der Privatermittler aus Zürich ist ein einfaches Objekt für Mutmassungen, denn er hatte sein Engagement für den Nachrichtendienst des Bundes (NDB) übertrieben dargestellt. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass da nichts war.

Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Recherchen ergeben nun ein klareres Bild. Aktenauswertungen und Gespräche mit Quellen zeigen, dass M. sehr wohl rund vier Jahre lang für die Schweiz agierte. Auf Bestellung lieferte er dem NDB Informationen über die Käufer von Kundendaten aus Schweizer Banken. Diese Informationen flossen indirekt, über die Bundeskriminalpolizei, in drei Schweizer Haftbefehle gegen deutsche Finanzbeamte ein. Das Trio hatte sogenannte Steuer-CDs für Millionenbeträge erworben.

M. war aber nicht nur in Wirtschaftsspionage-, sondern auch in Jihad-Fällen aktiv, dort allerdings mit mässigem Erfolg. Wegen fehlender Resultate und anderer Divergenzen endete sein Einsatz mit einem Streit um Geld.

Fest steht weiter, dass M. mit mehreren NDB-Mitarbeitern in Kontakt stand, zum Teil beruflich, zum Teil privat. Auch vermischte sich beides, was heikel ist. Gemäss einem vertraulichen Handbuch des ehemaligen Schweizer Inlandgeheimdienstes von 1997 ist es Führungsoffizieren insbesondere «untersagt, eine über die Arbeit hinausgehende persönliche Beziehung mit dem Informanten einzugehen bzw. zu unterhalten». Die aktuellen Richtlinien sind geheim, enthalten aber ähnliche Bestimmungen. Die Einhaltung wird durch Aufsichtsbehörden überprüft. Ob es im Umgang mit M. Fehler gab, wird sich zeigen.

Sogar private E-Mails im Netz

Es gibt weitere Anhaltspunkte für mögliche handwerkliche Schnitzer bei der Kooperation des Geheimdienstes mit dem umtriebigen Privatermittler. Ungewöhnlich ist insbesondere, dass gleich mehrere hochrangige NDB-Mitarbeiter M. trafen. Standard wäre der Kontakt zu einem Führungsoffizier.

Hervor sticht eine Zusammenkunft von M. mit NDB-Vize Paul Zinniker auf dem Flughafen Zürich. Dieses Verhalten der Nummer 2 des Dienstes sei nicht nachvollziehbar, sagt Geheimdienst­experte Leo Martin: «Es ist extrem aussergewöhnlich, wenn sich der Vizedirektor eines Diensts so exponiert. Bei uns wäre das so nicht abgelaufen.»

Mit «uns» meint Martin den deutschen Verfassungsschutz. Der 41-Jährige ist einer der wenigen Spezialisten, die offen über das nachrichtendienstliche Handwerk reden. Der Deutsche arbeitete gemäss eigenen Angaben von 1998 bis 2008 beim Verfassungsschutz, sein Spezialgebiet war das Führen von externen Quellen. Es wäre also seine Aufgabe gewesen, jemanden wie M. zu betreuen. Und Paul Zinniker wäre – einige Hierarchiestufen höher – sein Chef gewesen.

Verbindungsname: Flop

Der Bieler Zinniker leitete früher den Schweizer Auslandgeheimdienst. Mit der Fusion zum NDB wurde er einer von mittlerweile drei Vizedirektoren. Als Chef der Beschaffungsabteilung ist er verantwortlich für die nun aufgeflogene Aktion gegen deutsche Steuerfahnder.

Der 57-jährige Zinniker hat nicht nur bei der Hochrisiko-Mission mit Daniel M. wenig Wert auf Diskretion gelegt. Auch im Alltag verhält er sich eher offen. So ist auf der Webseite seiner Studentenverbindung nicht nur der Vulgo des Altherrenpräsidenten Zinniker zu finden («Flop»), sondern auch seine private Anschrift und die Festnetznummer seiner Familie. Beim Lions Club gibt er seine Dienstnummer an und eine private E-Mail-Adresse. Sollten sich ausländische Spione für den Schweizer Beschaffungschef interessieren, finden sie also mehrere Anknüpfungspunkte.

Der NDB schreibt dazu auf Anfrage: «Herr Zinniker übt als stellvertretender Direktor eine öffentliche Funktion aus, womit auch eine gewisse Sichtbarkeit einhergeht.» Der Dienst hat schon versucht, gewisse Einträge im Internet gerichtlich löschen zu lassen, aber damit nicht immer Erfolg gehabt.

Fast alle benutzten Klarnamen

Zinnikers Untergebene treten diskreter auf, doch auch von ihnen finden sich im Internet zum Teil persönliche Angaben und sogar Fotos. Kontakte mit Daniel M. pflegten sie ebenfalls mit Klarnamen. So kennt M. von NDB-Mitarbeitern, deren Aktivitäten geheim gehalten werden, die richtigen Namen. Das falle auf, sagt der Ex-V-Mann-Führer Leo Martin: «Der Grundsatz lautet: Jeder, der operativ tätig ist, trägt einen Arbeitsnamen.»

Die Nichtverwendung von Decknamen hat Konsequenzen: Daniel M. hat seine NDB-Kontakte preisgegeben. Vier Namen tauchen in seinem deutschen Haftbefehl auf. Nur einer davon ist ein richtiges Pseudonym. Deshalb meiden die betroffenen NDB-Mitarbeiter momentan Deutschland.

Den Grund für das Wissen des Verhafteten sieht Martin in dessen Vergangenheit: Als Ex-Polizist und UBS-Sicherheitsmann bewegt sich Daniel M. seit rund dreissig Jahren im Sicherheitsbereich. «Eine hochspezialisierte Branche, da läuft man sich immer wieder über den Weg, besonders in einem kleinen Land wie der Schweiz.» Ebenso sei es normal, dass beim Nachrichtendienst viele Ex-Polizisten angestellt seien. «Manchmal kennt man sich schon aus der Polizeischule.»

Das müsse aus Sicht des NDB nichts Schlechtes sein, im Gegenteil: So lasse sich die Qualität eines Informanten besser einschätzen. Kurz: «Wir hätten eine Quelle wie M. auch angesprochen.» Die jahrelangen Beziehungen erhöhen aber die Gefahr von Vetternwirtschaft.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.05.2017, 00:05 Uhr

Artikel zum Thema

Wer profitierte vom Agenten M.?

Um die Rolle des verhafteten Spions Daniel M. ist in Bern ein Konflikt zwischen Justiz und Nachrichtendienst ausgebrochen. Mehr...

War Daniel M. doch kein Schweizer Spion?

Bislang wurde angenommen, der in Deutschland inhaftierte Schweizer habe im Auftrag des Bundes spioniert. Diese These ist möglicherweise falsch. Mehr...

Spionageaffäre: Bessere Kontrolle des Nachrichtendienstes gefordert

Ein Gutachten legt den Schluss nahe, dass für den Einsatz des Privatermittlers Daniel M. keine Gesetzesgrundlage bestand. Experten fordern eine unabhängige Aufsicht über den Nachrichtendienst. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Paid Post

Leisten Sie sich den schönsten Ort der Welt

Der Erwerb und die Finanzierung von Wohneigentum sollen gut überlegt sein. Darum unterstützt die Migros Bank Sie dabei.

Die Welt in Bildern

Ganz in weiss: Josephine Skriver posiert vor der Vorführung des Films «Roubaix, une lumière» in Vannes auf dem roten Teppich. (22. Mai 2019)
(Bild: Stephane Mahe) Mehr...