Der erpresste Staat

Es geht nicht, dass sich Touristen freiwillig in gefährliche Regionen begeben. Es geht aber auch nicht, dass der Staat dann den Tod seiner Bürger riskiert. Ein unlösbares Dilemma.

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Harte Vorwürfe aus den USA: Mit anderen europäischen Ländern zusammen habe auch die Schweiz an Terroristen Lösegeld gezahlt, um gefangen gehaltene Bürger freizubekommen. Der jetzt diskutierte, von der «New York Times» publik gemachte Fall betrifft ein Paar aus dem Kanton Zürich. Die Eheleute waren Anfang 2009 mit einer internationalen Reisegruppe unterwegs gewesen, als sie von Ablegern der al-Qaida überfallen und während Monaten in der Sahara festgehalten wurden. Laut der «Times» soll die Schweiz über 10 Millionen Franken für die Freilassung des Paars bezahlt haben; damit finanziere Europa, wenn auch unbeabsichtigt, den islamistischen Terror.

Die zuständige deutsche Reiseorganisation beteuerte damals, die Gruppe sei ausserhalb der designierten Gefahrenzone unterwegs gewesen. Jedoch hatte das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) explizit vor Reisen in die Region ­gewarnt. Dass die Behörde heute die mutmasslichen Zahlungen dementiert, ist unumgänglich, kein Staat will sich öffentlich erpressbar machen. Damit allerdings sind die Enthüllungen der «Times» nicht widerlegt. Quellenlage und Detailliertheit sprechen eher für die amerikanische Version.

Es wäre nicht das erste Mal, dass die Schweiz mit grossem Aufwand, personell und finanziell, bedrohten Bürgern helfen muss. Unangenehm in Erinnerung bleibt etwa das Berner Polizistenpaar, das in Pakistan verschleppt wurde, nach eigenen Angaben flüchten konnte und sich dann in einem Buch nachinszenierte. Auch damals hatte der Bund einen millionenschweren Aufwand betrieben.

Wenn Schweizer Touristen explizite Warnungen missachten, bringen sie sich in Gefahr und ihr Land in Handlungsnot. Das geht nicht. Geiseln deshalb aufzugeben und ihren Tod zu riskieren, das geht auch nicht.

Das Dilemma bleibt unaufgelöst. Es gehört zum Preis einer offenen Gesellschaft, deren Bürger reich, frei und am Leben sind. Und zwar gleichzeitig. Das unterscheidet sie von so vielen anderen Ländern. Und macht ihre Bürger so attraktiv für jene, die sie erst als Geiseln nehmen und dann als Pfand.

Erstellt: 01.08.2014, 22:22 Uhr

Jean-Martin Büttner ist Mitglied im TA-Reporterteam.

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