Der erste Flüchtling ist der schwierigste

Nach 20 Monaten konnte die Flüchtlingshilfe lediglich zehn Menschen privat unterbringen. Diese kleine Zahl ist aber bereits ein Erfolg.

Das Leid hört nicht auf: Gestern rettete die belgische Marine Hunderte von Flüchtlingen im Mittelmeer. Foto: Gregorio Borgia (AP Photo)

Das Leid hört nicht auf: Gestern rettete die belgische Marine Hunderte von Flüchtlingen im Mittelmeer. Foto: Gregorio Borgia (AP Photo)

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Die Idee hört sich bestechend einfach an: Private Gastgeber sollen Flüchtlinge beherbergen. Als Beat Meiner, Generalsekretär der Schweizerischen Flüchtlingshilfe, diesen Vorschlag im Oktober 2013 erstmals propagierte, erhielt er breiten Zuspruch. Es war die Zeit, als das UNO-Hochkommissariat für Menschenrechte bei 93 000 Toten aufgehört hatte, die Opfer des syrischen Bürgerkriegs zu zählen. Einige Tage vor Meiners Aufruf sank vor Lampedusa ein Flüchtlingsboot. Über 350 Menschen ertranken; Männer, Frauen, Kinder.

Diese humanitäre Katastrophe liess niemanden unberührt. Die EU rief die Seenotrettungsoperation Mare Nostrum ins Leben. Selbst SVP-Fraktionschef Adrian Amstutz antwortete auf die Frage, ob er einen syrischen Kriegsflüchtling bei sich aufnehmen würde, ohne Zögern mit «Ja». Zum letzten Mal wurden Asyl­suchende in den 70er-Jahren bei Schweizer Familien platziert. Die Idee dahinter: Flüchtlinge, die regelmässigen Austausch mit Schweizern pflegen, lernen schneller Deutsch, machen sich leichter mit der hiesigen Kultur vertraut und integrieren sich besser in Gesellschaft und Arbeitsmarkt. So weit, so überzeugend. Doch die Zwischenbilanz des Projekts klingt ernüchternd: Nach 20 Monaten haben zehn Flüchtlinge im Rahmen des Projekts eine Unterkunft gefunden.

Im selben Zeitraum sind 898 Menschen im Mittelmeer ertrunken, 3200 weitere werden vermisst. Das Sterben im Mittelmeer ist alltäglich geworden. Und in der Schweiz hat die Solidarität in eine Abwehrhaltung umgeschlagen. Der Tessiner Regierungsratspräsident Norman Gobbi will die Grenzen schliessen, FDP-Präsident Philipp Müller möchte die Flüchtlinge in möglichst weit entfernten Camps unterbringen. Und Scharfmacher am rechten Rand der politischen Landschaft behaupten gar, jemand, der einem Schlepper 5000 Dollar bezahlen könne, müsse entweder ein Dieb oder ein Privilegierter sein – und habe unsere Hilfe nicht verdient.

Ein kleiner Triumph

Umso wichtiger sind die folgenden Erkenntnisse aus der Bilanz der Flüchtlingshilfe: 300 Menschen haben sich bereit erklärt, Flüchtlinge bei sich zu Hause aufzunehmen. Das ist ein kleiner Triumph der Solidarität. Weiter erweist sich, dass viel Vorarbeit für die ersten Platzierungen nötig war. Es musste abgeklärt werden, welche angebotenen Zimmer und Wohnungen sich für eine alleinstehende Person oder eine Familie eignen, und welche Gastgeber die Voraussetzungen erfüllen, mit traumatisierten Kriegsflüchtlingen unter einem Dach zu leben.

Vor allem hat die Flüchtlingshilfe hohe bürokratische Hürden überwunden. Jeder Kanton kennt ein anderes Asylgesetz, unzählige Verordnungen und Verträge regeln bis in letzte Detail, wie Asylsuchende untergebracht und betreut werden. Die Mitarbeiter im Asylbereich sind oft am Anschlag und für zeitraubende Experimente wenig empfänglich. Doch die vier Kantone Waadt, Genf, Bern und Aargau haben sich auf den Versuch eingelassen – sie alle bereiten weitere Platzierungen vor.

Zehn Flüchtlinge haben Krieg und Armut hinter sich gelassen. Dass sie jetzt mit Schweizer Familien zusammenleben, zeigt, dass die Methode grundsätzlich funktioniert. Wenn zehn Flüchtlinge eine private Unterkunft erhalten haben, dann können es auch Tausend werden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.06.2015, 22:28 Uhr

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