Der ganz normale Walliser Wahnsinn

Jetzt werden die Regierungsratswahlen im Wallis vom März doch noch spannend. Christophe Darbellay (CVP) wird aus der eigenen Partei angegriffen. Es geht um seine Affäre – nur getraut sich das niemand zu sagen.

Alle gegen Christophe Darbellay (CVP, Mitte). Oskar Freysinger (SVP) tritt mit Nicolas Voide (CVP) gegen den ehemaligen Präsidenten der Christlichdemokraten an.

Alle gegen Christophe Darbellay (CVP, Mitte). Oskar Freysinger (SVP) tritt mit Nicolas Voide (CVP) gegen den ehemaligen Präsidenten der Christlichdemokraten an.

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Die erste und wohl auch die letzte Frontlinie im Kampf gegen die Islamisierung des Abendlands liegt im Wallis. Genauer: in Sitten. «Es ist an der Zeit, dass sich die wertzentrierten rechtsbürgerlichen Kräfte hinter einem Gesellschaftsprojekt vereinen, dass in den traditionellen Grundwerten verankert und zugleich zukunftsorientiert ist», heisst es im Communiqué mit dem schlichten Titel «Rechtsbürgerliches Bündnis». Auf dem Spiel stehe das mehrtausendjährige Vermächtnis der griechisch-christlichen Wertetradition, die jüdisch-christlichen Grundlagen unserer Zivilisation. Ja eigentlich: alles.

Wohlverstanden: Wir reden von den Wahlen in den Regierungsrat des Kantons Wallis. Absender des Communiqués ist der umstrittene Bildungsdirektor Oskar Freysinger von der SVP. Ihm ist ein kleines Kunststück gelungen. Er wird nicht nur als jener Schweizer Politiker in die Geschichte eingehen mit den geringsten Berührungsängsten zu Europas Extremisten, historisch schwierigen Memorabilia und schlüpfrigen Reimen. Freysinger ist auch der grosse CVP-Spalter. Vor vier Jahren brach die SVP die absolute Mehrheit der CVP im Kanton, heute sät Freysinger Unfrieden zwischen dem linken und dem rechten Flügel der Partei.

Zum Auftakt des Jahres präsentiert er im Rahmen des «rechtsbürgerlichen Bündnisses» mit Nicolas Voide einen Christdemokraten und Regierungsratskandidaten, der den sicher geglaubten Sitz für den ehemaligen CVP-Präsidenten Christophe Darbellay ernsthaft gefährdet.

Es kann nur einen geben

Voide und Darbellay wohnen im selben Bezirk, in die Regierung gewählt werden kann darum nur einer der beiden. Der kantonale CVP-Präsident schäumt (hütet sich aber davor, Voide aus der Partei auszuschliessen), und Freysinger freut sich im Stillen. Die Walliser Bevölkerung habe nun eine echte Auswahl, sagt der ehemalige Nationalrat. «Jetzt gibt es Bewegung, jetzt werden verkrustete Strukturen aufgebrochen!»

Voide, langjähriger Grossrat, hat eben sein Jahr als höchster Walliser beendet. Der Jurist aus Martigny ist schon mehrere Male gegen Darbellay angetreten – und hat immer verloren. Seine Kandidatur wird im Wallis auf mehrere Arten gelesen. Sie sei erstens ein Vehikel für Freysinger, um von dessen Eskapaden in der Regierung abzulenken. Die jüngste Affäre ist erst einen Monat alt: Freysinger wollte Piero San Giorgio als Berater anstellen, einen anerkannten Weltuntergangspropheten, der in Youtube-Videos erklärt, wer die grosse Apokalypse überlebt und wer eher nicht: «Die Tunten werden sterben», soll er gemäss «Walliser Bote» im Frühjahr an einem Treffen von Rechtsextremen im Wallis gesagt haben. Nach grossem öffentlichem Druck trennte sich Freysinger von seinem Berater – nicht der beste Start ins Wahljahr.

Subtile und weniger subtile Hinweise

Vielleicht hat Freysinger darum bei den anderen Parteien (zuerst bei der FDP, aber da verhindert Pascal Couchepin immer noch einiges) um eine Allianz gebeten. Vielleicht sah das «Rechtsbürgerliche Bündnis» aber einfach nur endlich die Gelegenheit, um die im Herbst bekannt gewordene Affäre und das uneheliche Kind von Christophe Darbellay noch einmal zu thematisieren – nach der ersten Aufregung war die Sache zumindest medial schnell erledigt.

Im Communiqué von Freysinger finden sich neben der offen ausgesprochenen Verteidigung des Abendlands unzählige Hinweise auf Darbellay und seine familiären Verhältnisse. So ist ein Ziel des Bündnisses, die «Familie als grundlegende Zelle eines gesunden und ausgeglichenen Staates» zu verteidigen. Er wolle nichts zu Darbellay sagen, sagt Freysinger selber. Und sagt dann, dass er beinahe 29 Jahre mit seiner Frau zusammen sei und mit ihr drei Kinder habe. «Mein Verhalten als Familienmensch meiner Frau gegenüber ist ein Spiegel dessen, was ich bin.» Dass er seinem Versprechen von damals treu geblieben ist, sei ein Zeichen von Ehrlichkeit und Konstanz.

«Das hilft nur mir»

Auch der neue Kandidat sagt nichts und doch alles zur Privatsache von Darbellay. «Das muss jeder selber beurteilen», sagt Voide, der seine Kandidatur nicht als Kandidatur gegen Darbellay verstanden haben will.

Und Darbellay selber? Der redet tatsächlich nicht mehr über die «private Sache» und gibt sich ganz gelassen. Das rieche alles etwas verzweifelt und gebe schliesslich nur jemandem Schub: ihm. Aus der ganzen Schweiz und dem ganzen Wallis habe er seit dem Bekanntwerden der Kandidatur von Voide Unterstützung erhalten. «Am Schluss hilft das mir, das mobilisiert.»

Und das ist auch nötig – denn das Rennen wird langsam eng. Drei offizielle Kandidaten von der CVP bewerben sich für die Wahlen im März, die SP hat eine Doppelkandidatur, die FDP will ihren vor vier Jahren verlorenen Sitz zurück, ein Unabhängiger kandidiert auch noch, und da ist eben Freysinger mit seinen zwei Mitstreitern vom Bündnis. Viel Andrang für den fünfköpfigen Staatsrat. Aber es geht halt auch um viel: Irgendwo muss das Abendland schliesslich verteidigt werden.

Erstellt: 03.01.2017, 16:29 Uhr

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