Der höchste Privatdetektiv

Seit über 40 Jahren spürt Fritz Nyffeler Dieben, Betrügern und untreuen Gattinnen nach. Mit Wehmut blickt der Präsident der Privatdetektive auf seine Anfangszeit zurück – als noch echte «Handwerker» gefragt waren.

Detektive bei der Arbeit: Nebst observieren und ermitteln ist vor allem die Diskretion sehr wichtig.

Detektive bei der Arbeit: Nebst observieren und ermitteln ist vor allem die Diskretion sehr wichtig. Bild: Keystone

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Die Erwartungen haben einen Namen: Josef Matula. Wird Fritz Nyffeler dem berühmten Fernsehdetektiv gleichen? Klärt auch er Mordfälle auf, prügelt sich mit Halunken, öffnet Türen mit Checkkarten, greift bei Bedarf auch mal zur Grosskalibrigen? All das fragt man sich, während man vor einem diskreten Hauseingang an einer höchst durchschnittlichen Basler Seitenstrasse wartet, hier, wo der oberste Privatdetektiv der Schweiz sein Hauptquartier eingerichtet hat.

Diskretion ist alles

Später, in seinem kleinen, unauffälligen Büro, klärt uns ein gleichfalls kleiner, unauffälliger Mann in fortgeschrittenem Alter und gemütlichem Schalterbeamten-Look über die Tatsachen auf: dass der Alltag eines echten Privatdetektivs mit jenem Matulas «absolut null» gemein hat. Fritz Nyffeler muss es vielleicht besser wissen als jeder andere hierzulande. Er ist nicht nur seit über 40 Jahren im Geschäft, sondern seit zehn Jahren auch Präsident des Fachverbands Schweizerischer Privatdetektive. Und damit der einzige Branchenboss der Schweiz, dessen Bild die Öffentlichkeit wohl nie zu Gesicht bekommen wird.

Denn Diskretion ist alles in diesem Beruf – Fotos in der Zeitung vertragen sich schlecht mit verdeckten Ermittlungen. Dass er uns heute empfange und über sich sowie seinen Beruf erzähle, geschehe vor allem dem Verband zuliebe, sagt Nyffeler. Dieser Verband repräsentiert derzeit einen jener wenigen glücklichen Berufsstände, die von der Krise kaum betroffen sind. Firmenchefs, die Angestellte des Betrugs verdächtigen, Behörden, die mutmassliche Schwarzarbeiter überführen möchten, und natürlich gehörnte Eheleute: Personen und Institutionen mit Bedarf nach detektivischen Kompetenzen gibt es, vielleicht sogar wegen der schlechten Zeiten, mehr als genug.

Ermitteln und observieren

Wie aber sieht denn nun, jenseits aller Matula-Klischees, echte detektivische Kleinarbeit aus? Nyffeler antwortet kurz und sec: ermitteln und observieren. Ermitteln, so Nyffeler, bedeute in erster Linie: Fragen stellen. Bei Verdacht auf Diebstahl oder Fälschung beispielsweise Kaufinteresse simulieren. Observiert wiederum wird je nach Bedarfslage auf alle erdenklichen Arten: zu Fuss, mit dem Auto, mit dem Velo, mit dem Töff. Der erhoffte Erfolg besteht oft darin, die Zielperson bei einer suspekten Handlung oder einem verräterischen Besuch zu ertappen – und zu fotografieren. Viel Geduld sei dabei nötig, sagt Nyffeler – und Lust am Erfolg. Sie ist es auch, die ihm, dem gelernten Drucker, der 1969 über eine persönliche Bekanntschaft ins detektivische Metier einstieg, über all die Jahre Antriebsfeder war.

Nicht mehr viele «Ehesachen»

Viel hat sich im Laufe seiner Berufszeit verändert, zum Beispiel das Profil der Auftraggeber. Heute kommen die Anfragen vor allem von Unternehmen, die nach schwarzen Schafen in der Belegschaft suchen. Zu Nyffelers Anfangszeiten, als das Gesetz für Scheidungen noch Schuldnachweise verlangte, bestanden die Fälle zu 80 Prozent aus «Ehesachen». Nicht ohne Wehmut blickt Nyffeler auf diese seit langem vergangenen Tage zurück. Zu tun hat das mit den «Handwerkerqualitäten», über die man in den Siebzigerjahren für den Job noch verfügen musste. «Mir hat die Arbeit am meisten Spass gemacht, als man vor einer Observierung noch abklären musste: Wo befindet sich die nächste Telefonzelle?»

Der verdächtige Einzelgast

Auch gesellschaftliche Entwicklungen haben die detektivischen Arbeitstechniken beeinflusst. Fritz Nyffeler erinnert sich an einen Ermittlungsfall in den Siebzigerjahren, als er auf der Spur eines Verdächtigen in einem Hotel eincheckte. Die Hotelleitung platzierte ihn für die Mahlzeiten zufällig am selben Tisch wie die ebenfalls allein reisende Zielperson. «Ich konnte so auf natürliche Weise mit ihr ins Gespräch und damit an wichtige Informationen kommen», sagt Nyffeler. Heute wäre ein solcher Glückstreffer kaum mehr möglich – Einzelgäste bekämen im Hotel inzwischen fast immer einen separaten Tisch zugewiesen.

Welcher Fall hat ihn in seinen 40 Berufsjahren persönlich am meisten bewegt? Nyffeler erzählt von einer Ehebrecherin, die ihren Sohn mit Schlafmitteln ruhigstellte, um die Nacht ungestört beim Liebhaber verbringen zu können. Der Knabe musste sich wegen der zu hohen Dosis später erbrechen und wurde ins Spital gefahren. «Dass man den Freund über das Wohl des eigenen Kindes stellt, ist für mich unbegreiflich», sagt Nyffeler.

Die Tochter hilft mit

Er selbst hat ebenfalls Familie. Lässt sich sein Beruf, der viele Einsätze in der Nacht und am Wochenende erfordert, gut mit dem Vaterdasein in Einklang bringen? Die Sphären lassen sich sogar auf erspriessliche Weise kombinieren, wie Nyffeler erzählt: Seine Tochter arbeitet heute als Detektivin mit im Betrieb. Die Profession erlernte sie dabei gewissermassen von der Wiege an. «Als Vierjährige habe ich sie bei Observierungen manchmal auf dem Arm getragen», erzählt der Vater. Und gerät, ganz Vollblut-Detektiv, sogleich ins Schwärmen: «Ein Vater mit Kind – unauffälliger geht es fast nicht.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.05.2010, 07:29 Uhr

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