Der kleine Tod der Idée Suisse

Jahrzehntelang war die identitätsstiftende Kraft der SRG unbestritten. Erleben wir das Ende ihrer viel beschworenen nationalen Klammerfunktion? Und was kommt danach?

Eines der Aushängeschilder der Idée Suisse: Übertragung des «Donnschtig-Jass» aus Visp (2010). Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

Eines der Aushängeschilder der Idée Suisse: Übertragung des «Donnschtig-Jass» aus Visp (2010). Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Ritter von der traurigen Gestalt trägt einen merkwürdig ausgebeulten taubenblauen Leinenanzug und ist ausgesprochen schlechter Laune. Immer die gleichen Fragen. Immer die gleichen Antworten. «Herr de Weck, ist dieses Resultat ein Schuss vor den Bug der SRG?» Den tiefen Seufzer kann sich Roger de Weck, Generaldirektor der SRG, im letzten ­Moment verkneifen. Er holt nur ein bisschen mehr Luft als üblich und sagt dann: «Das war keine Abstimmung über die SRG. Das war eine Abstimmung über ein neues Finanzierungsmodell.»

Alles an de Weck wirkt genervt an diesem Abstimmungssonntag. Er hat gewonnen, mit ein paar Tausend Stimmen Unterschied, aber gibt sich wie ein Verlierer. Er weiss es ja selber: Natürlich war die Abstimmung über das neue Radio- und TV-Gesetz eine Abstimmung über die SRG. De Weck selber hat mitgeholfen, die simple Frage nach einer neuen Gebührenordnung zu etwas Grösserem zu machen. Oft hat er über die Klammerfunktion der SRG gesprochen, über den «Service au public» und den Geist der Aufklärung. De Weck gab den Don Quijote der Idée Suisse, auch in der Woche danach. Einer Woche, in der alle über die SRG sprachen. Verleger, Parteien und Verbände – sie alle haben ihre eigene Idee vom richtigen Service public.

Das Wortmonster

Es war Armin Walpen, de Wecks Vorgänger, der die identitätsstiftende Funktion der SRG ins Zentrum gerückt hatte. Ende der 90er-Jahre machte Walpen aus der SRG das Wortmonster SRG SSR idée suisse. Schon damals agierte die SRG unter dem Druck der SVP, schon damals stand eine Revision des RTVG zur Debatte. Walpen beauftragte darum im Dezember 1996 leitende Redaktionsmitglieder, Programme mit «identitätsstiftendem Charakter» zu entwerfen. Eine mehrsprachige «Arena» wurde ausgestrahlt, es gab historische Serien zur Geschichte der Schweiz, und auch «Lüthi und Blanc» war ein Teil der Idée Suisse, ein Beitrag zur nationalen Kohäsion.

Als Walpen 2010 zurücktrat, war es ironischerweise de Weck, der die Idée Suisse wieder aus dem Logo des Unternehmens kippte. Der Freiburger ist die perfekte Verkörperung der Idée Suisse, vollendet zweisprachig, ein Intellektueller aus einer Freiburger Bankierfamilie mit dem Blick für die Heimatscholle, ein liberaler Demokrat wie jene liberale ­Demokraten, die einst den Bundesstaat gründeten. Unter de Weck, noch mehr als unter Walpen, hat die SRG die Idée Suisse wie einen Schutzschild vor sich hergetragen. Kurz nach seinem Amtsantritt hielt de Weck in zwei gleichzeitig erscheinenden Texten in der NZZ und in «Le Temps» (logisch, zweisprachig) fest, was er unter Service public versteht. Dort war etwa zu lesen: «Als unersetzliche Institution des nationalen Zusammenhalts trägt die SRG zum lebendigen, farben­frohen Schweizer Miteinander bei.»

Und tatsächlich: Nie war das Programm des Schweizer Fernsehens heimattümelnder als unter de Weck. «Die mediale Alpen-Mythisierung der Schweiz ist mittlerweile so weit fortgeschritten, dass praktisch jedes Signet, jeder Trailer für Eigenproduktionen des Fernsehens mit der heimischen Bergwelt und dem dazugehörigen folkloristischen Personal bebildert wird», beschrieb es Schriftsteller Patrick Tschan vor zwei Jahren in der «Zeit». Und in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» hiess es nach der RTVG- Abstimmung: «Der Schweiz-Bezug der öffentlich-rechtlichen Programme zumindest in der Deutschschweiz ist so penetrant wie wohl nie seit dem Zweiten Weltkrieg und der geistigen Landesverteidigung.»

Brüchiges Selbstverständnis

Aber all die Wanderungen durch die Provinz, all die Landfrauen und historischen Überhöhungen, sie scheinen nicht zu helfen. Die verbissene Konzentration auf das Eigene und Beschauliche scheint das Publikum nicht zu kümmern (im besseren Fall) oder gar zu verschrecken (im schlechteren Fall).

Schon kurz vor der RTVG-Abstimmung diagnostizierte Georg Kohler, emeritierter Professor für politische Philosophie, ein grundsätzliches Problem der SRG und ihrer Idee der Schweiz. Der Abstimmungskampf zeige, «wie sehr gewisse Basiselemente des schweizerischen Selbstverständnisses brüchig geworden sind», schrieb Kohler in einem Beitrag für das «Journal 21». Vor der aktuellen Debatte schien die Notwendigkeit eines starken Service public zum Kernbestand der helvetischen Kollektivüberzeugungen zu gehören. «Dass es nicht so ist, haben wir nun gelernt. Was sind die Ursachen des Wandels? Und was könnte daraus folgen?»

Das weiss auch der Professor nicht. Noch nicht. «Wir müssen endlich ernsthaft über diese Fragen nachdenken», sagt Kohler in der Woche nach der Abstimmung. «Und zur Kenntnis nehmen, dass ein selbstverständlicher Kristallisationspunkt für den Gemeinsinn im Verschwinden begriffen ist.»

Lagerfeuer adieu

Die Ursache dafür sieht Kohler im Technologiewandel, in der Digitalisierung unserer Welt. Darin trifft sich der Philosoph mit CVP-Nationalrat Gerhard Pfister. Er ist einer der wenigen, wenn nicht der einzige CVP-Politiker, der sich vor der RTVG-Abstimmung kritisch über die SRG äusserte. Die Idée Suisse der SRG von früher sei durch den Technologiewandel grundsätzlich infrage gestellt, sagt er heute. «Die Zeiten, in denen sich die Familie vor dem Lagerfeuer der Nation im Wohnzimmer versammelte, sind vorbei.» Die SRG sei nur ein Beispiel von vielen, sagt Pfister. «Wir halten uns an Mythen aus dem 20. Jahrhundert fest. An den SBB, der PTT, der Swissair, dem Fernsehen.»

Die Schweiz und ihre Bürger müssten sich fragen, was ihre Einheit ausmache, wenn all diese Institutionen verschwunden seien. «Die neue Idée Suisse wird nicht mehr technologie-, sondern ideengetrieben sein.» Unser Erinnern an Ereignisse, an sportliche Erfolge und Niederlagen, unser Umgang mit Krisen. Das werde die neue Idée Suisse, sagt Gerhard Pfister.

Ist die neue Idée einfach die alte?

Nicht wenn es nach Martin Candinas geht. Candinas, der betont bündnerische CVP-Nationalrat, hat sich während der Abstimmungskampagne zum lautesten Fürsprecher eines starken Service public und einer starken SRG empor gearbeitet. «Wer, wenn nicht die SRG, überbrückt die Landesteile? Wo sonst fliessen die Informationen?» Die Schweiz entwickle sich in eine schwierige Richtung, wenn sie jene Institution, die ein Dach über das Land spanne, immer weiter schwäche.

Aber Candinas, der dank der SRG zu einer nationalen Figur wurde, ist optimistisch. Noch sei es nicht zu spät. Er vertraut auf den Widerstandsgeist der Schweizer. Man könne schon grundsätzlich über den Service public reden. Entscheidend werde es aber erst, wenn es um den konkreten Abbau gehe. «Keine Sportübertragungen mehr? Kein SRF 3 mehr? Keine ‹Landfrauenküche› mehr? Sie werden sehen, dann werden wir in der Bevölkerung plötzlich komfortable Mehrheiten für die SRG haben.»

Ist das der Weg? Die neue Idée Suisse eine alte? Das dünkt einem doch gar optimistisch. Vielmehr scheint es der «Idée Suisse» so wie der «Willensnation Schweiz» zu ergehen. Ein Begriff, von vielen benutzt und von allen anders verstanden. Zwei Chiffren für alte Gewissheiten, die heute der Unübersichtlichkeit zum Opfer gefallen sind.

Erstellt: 20.06.2015, 00:02 Uhr

Artikel zum Thema

Solide Information statt Bling-Bling im TV

Analyse Ein RTS-Bashing hat in der Romandie keine Chance. Mehr...

Heute Abend auf SVP1

Infografik Glosse: Wie sähe der Service public aus, wenn die grossen Parteien das TV-Programm gestalten dürften? Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Blogs

Mamablog Ab auf die Bäume, Kinder!

Sweet Home Ferien im Chalet

Paid Post

Studieren von zu Hause aus

Erstmals in der Schweiz lässt sich ein Bachelor virtuell absolvieren. Dieses Set-up erlaubt es den virtuell Teilnehmenden ohne Pendeln zu studieren.

Die Welt in Bildern

Buntes Treiben: Mit dem Schmutzigen Donnerstag hat auch die Luzerner Fasnacht begonnen. Am Fritschi-Umzug defilieren die prächtig kostümierten Gruppen und Guggen durch die Altstadt. (20. Februar 2020)
(Bild: Ronald Patrick/Getty Images) Mehr...