«Der mutige Winkelried spricht die Leute an»

Der Kampagnenexperte Andreas Freimüller führt den Rückgang der Zustimmung zur Pädophileninitiative darauf zurück, dass die Gegner emotional argumentieren.

Geschäftsleitungs­mitglied der Agentur Kampagnenforum Andreas Freimüller

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Die am Mittwoch veröffentlichte SRG-Trendumfrage zur Abstimmung vom 18. Mai zeigt deutliche Verschiebungen. Statt wie zuvor 74 Prozent sprechen sich noch 59 Prozent der befragten Personen bestimmt oder eher für die Pädophileninitiative aus. Die Gegner legten im Vergleich zur ersten Befragung von Anfang April um 14 Prozentpunkte auf 33 Prozent zu. Die Umfrage, bei der 1100 Stimmberechtigte Auskunft gaben, ist eine Momentaufnahme und kann das Abstimmungsergebnis nicht vorwegnehmen. Sie zeigt aber einen Trend, der seit Wochen zu beobachten ist: Die Initiativgegner um FDP-Nationalrat Andrea Caroni geniessen viel Aufmerksamkeit.

Wider Erwarten scheinen die Gegner der Pädophileninitiative immer besser anzukommen. Wie haben sie das – ohne Geld – geschafft?
Andrea Caroni hat die Leute emotional angesprochen: als mutiger Winkelried, als Fahnenträger der Aufrechten, der sich als Erster traute, offen gegen die populäre Initiative anzutreten. Keine Partei hatte diesen Mut. Die Menschen haben Freude an mutigen Leuten. Die zweite uralte, bei uns kulturell verankerte Erzählung, die Herr Caroni aufnahm, ist die Geschichte von David gegen den Riesen Goliath. Solche Geschichten kommen nicht nur gut an, die Medien berichten auch gerne darüber.

Ist nicht eher die Initiantin, die Mutter Christine Bussat, ein weiblicher David, die das Volksbegehren im Alleingang und ebenfalls ohne grosses Budget lancierte?
Das war bei Bussats erstem Projekt, der Unverjährbarkeitsinitiative, so. Die Pädophileninitiative hatte zu Beginn so hohe Zustimmungswerte, dass sie in der Wahrnehmung vieler zum Goliath wurde. Zudem sprangen Politiker – etwa SVP-Nationalrätin Natalie Rickli oder der Ständerat und Vater der Abzockerinitiative, Thomas Minder – zu Hilfe.

Minder ist doch auch ein klassischer David.
Bei seiner eigenen Initiative schon. Aber wenn sich viele Davids zusammentun, ist es schon nicht mehr das Gleiche.

Haben sich die Politiker im Ja-Komitee zu sehr hervorgetan?
Das kann sein. Für eine Einzelperson ist es aber auch eine fast untragbare Last, eine solche Volksinitiative durchzuziehen. Ein anderes Problem der Befürworter waren die vielen Parteien, die sich doch noch gegen die Initiative stellten.

Warum?
Dadurch mussten sich wichtige Aushängeschilder des Ja-Komitees wie etwa SP-Nationalrätin Chantal Galladé oder CVP-Präsident Christophe Darbellay zurücknehmen. Wenn einzelne Dominosteine rausbrechen, ist das jedes Mal eine Botschaft der Schwächung. Zudem berichteten auch die Medien darüber. Sie gehen dorthin, wo etwas passiert. Diese Entwicklungen allein erklären das wachsende Nein-Lager jedoch nicht.

Sondern?
Zu Beginn eines Abstimmungskampfes antworten die Leute recht spontan bei Befragungen. Die Initiative vertritt ein grundsätzlich sympathisches Anliegen. Deshalb sprachen sich viele dafür aus. Wenn es dann zur Abstimmung kommt, suchen Wählerinnen und Wähler, auch ich, gern nach Referenzpunkten als Entscheidungshilfe. Dabei merkt man dann schnell: Aha, der Kinderschutz ist dagegen, der Lehrerverband, Amnesty und viele mehr. Bei einer so grossen Vielfalt der Gegner finden viele einen «Leuchtturm», an dem sie sich orientieren.

Warum haben andere Politiker diese Entwicklung nicht vorausgesehen? Sie dürften es heute bereuen, dass sie sich nicht früher öffentlich gegen die Initiative gestellt haben.
Mut ist keine selbstverständliche Eigenschaft. Caroni wird nun dafür belohnt – etwa mit medialer Aufmerksamkeit. Er gewinnt enorm an Profil, selbst wenn die Abstimmung verloren geht. Caroni ist eine Art fleischgewordene Wiedergeburt der alten, mutigen FDP.

Erstellt: 09.05.2014, 07:11 Uhr

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