Der neue Baustellen-Leiter

Jacques de Watteville wird Finanzministerin Widmer-Schlumpfs Mann für den Finanzplatz. Als Botschafter in Syrien war er in den Wirbel um nicht bearbeitete Asylgesuche involviert.

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Es ist nicht nur der adelig anmutende Name, der ihm etwas Vornehmes verleiht. Jacques de Watteville ist ein Diplomat der alten Schule, er drückt sich distinguiert aus und wird als angenehm im Umgang beschrieben. Nun wurde der 62-Jährige zum neuen Staatssekretär beim Staatssekretariat für internationale Finanzfragen (SIF) ernannt. Er tritt damit die Nachfolge des scheidenden Michael Ambühl an.

De Watteville durchlief eine typische Diplomatenkarriere. Seinen Doktoratsabschluss in Rechtswissenschaften und das Anwaltspatent erlangte er in seiner Geburtsstadt Lausanne. Als Delegierter des Roten Kreuzes reiste er 1978 in den Libanon, arbeitete danach in einer Anwaltskanzlei und trat dem Diplomatischen Dienst in Bern im Jahr 1982 bei.

Bern, Genf, Wien und London

Seine Positionen wechselten anfänglich fast im Jahresrhythmus: Bern, Genf, Wien, Brüssel, London. Anfang 1987 ernannte das EDA de Watteville zum diplomatischen Sekretär des Aussenministers. 1991 wurde er Botschaftsrat bei der Schweizerischen Mission in Brüssel. Ab 1997 war er Chef des Finanz- und Wirtschaftsdienstes des Schweizer Aussenministeriums.

Wirbel um irakische Asylgesuche

Ab 2003 arbeitete de Watteville für vier Jahre in Syrien. In Damaskus war er als Schweizer Botschafter unter anderem für die Behandlung irakischer Asylgesuche zuständig. Erst einige Jahre später wurde bekannt, dass das Bundesamt für Migration (BFM) zu dieser Zeit die Bearbeitung dieser Gesuche gestoppt hatte.

Tausende Couverts wurden archiviert und nie bearbeitet. Ausschlaggebend für diese Praxis war offenbar eine Warnung von de Watteville an das BFM. Es drohe eine Lawine von Anfragen und neuen Asylgesuchen, schrieb de Watteville. Die Schweizer Botschaft in Damaskus schlage vor, im Moment nicht auf diese Asylgesuche zu reagieren. Die BFM-Geschäftsleitung unter dem damaligen Bundesrat Christoph Blocher stimmte diesem Vorgehen zu.

Düsteres Bild der bilateralen Beziehungen

Nach seiner Zeit in Syrien wurde de Watteville erneut nach Brüssel berufen, diesmal als Botschafter der Schweiz in der EU. Schlagzeilen machte de Watteville dort nicht – bis zu seinem Abgang im Sommer 2012. Im Schlussrapport zu seiner Zeit in Brüssel zeichnete er ein für einige Beobachter allzu düsteres Bild der Beziehungen zwischen der Schweiz und der EU.

«Sogar unsere Freunde verstehen uns nicht mehr», schrieb de Watteville. Mit der Anrufung der Ventilklausel gegen die acht EU-Mitgliedstaaten Osteuropas habe die Schweiz in Brüssel eine geschlossene Front von Kritikern gegen sich aufgebracht. Das «Lager der Unzufriedenen» wachse an. In vielen Themenbereichen sei eine neue Stufe des «Switzerland-Bashings» zu verzeichnen.

Baustellen beim SIF

Nach diesem lauten Abgang trat de Watteville vor einem Jahr sein Amt als Botschafter in China an. In Peking war er mit den Details des schweizerisch-chinesischen Freihandelsabkommens betraut, welches von den Regierungen beider Staaten schliesslich unterzeichnet wurde.

Nun ist de Watteville, passionierter Skifahrer und Wanderer, wieder in der Heimat angekommen und wird sich als neuer Staatssekretär im SIF schnell einarbeiten müssen. Der Druck auf die Schweiz ist gross, neben dem Steuerstreit mit den USA warten mit den Verhandlungen mit der EU und der OECD weitere Baustellen auf den Karriere-Diplomaten.

Redaktionelle Mitarbeit: Stephan Israel (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.09.2013, 13:51 Uhr

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