Der neue serbische Botschafter diente dem Diktator

Goran Bradic vertritt künftig Serbien in der Schweiz. Er war als Gefolgsmann von Ex-Präsident Slobodan Miloševic gefürchtet.

April 2019: Serbische Bürgerinnen und Bürger erweisen Mirjana Markovic, Miloševics Witwe, die letzte Ehre. Im Hintergrund eine Büste Miloševics. Foto: AP Photo

April 2019: Serbische Bürgerinnen und Bürger erweisen Mirjana Markovic, Miloševics Witwe, die letzte Ehre. Im Hintergrund eine Büste Miloševics. Foto: AP Photo

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Wann der neue Botschafter eintrifft? «Das wüssten wir auch gerne», antwortet der Mann am Telefon der serbischen Mission in Bern. Das Datum ist noch ­ungewiss, der Name aber bekannt: ­Goran Bradic heisst jener Mann, der in Zukunft die Republik Serbien in der Schweiz vertreten wird.

Niemand, der Bradic persönlich kennt – und dazu gehört der Autor dieses Artikels –, würde dessen Qualifikation anzweifeln: Der Mitte 50-Jährige hat Philosophie studiert, spricht perfekt Deutsch, hat jahrzehntelange diplomatische Erfahrung, kennt Medien und Politik der deutschsprachigen Länder. Aus lediglich heutiger Sicht betrachtet wäre Bradic eine Bereicherung des diplomatischen Lebens in Bern.

Wird serbische Interessen in Bern vertreten: Goran Bradic. Foto: PD

Es gibt aber auch eine andere, eine dunkle Seite des zukünftigen Botschafters. Und die kennen vor allem jene Journalisten, die so wie der Autor vor gut zwanzig Jahren über die Kriege auf dem Balkan berichteten. ­Damals war Goran Bradic als treuer Gefolgsmann des Diktators Slobodan Miloševic bekannt und auch gefürchtet. Als Presseattaché an der jugoslawischen Botschaft in Wien hatte er grossen ­Einfluss darauf, wer in Jugoslawien arbeiten durfte und wem das Visum verweigert wurde. In seinem Büro an der Wiener Adresse Rennweg 3 (dort, wo schon der alte Fürst Metternich den Beginn des Balkans vermutete) endete so manche journalistische Dienstreise, ­bevor sie überhaupt erst begonnen ­hatte.

Bestrafung für kritische Berichte

Das war Ende der 90er-Jahre, als Jugoslawien nur mehr aus Serbien und Montenegro bestand und Staatspräsident Miloševic mit dem Einsatz von Militär und paramilitärischen Gruppen die Abspaltung der mehrheitlich von Albanern bewohnten Provinz Kosovo verhindern wollte. Dass internationale Medien dabei von Massakern an albanischen Zivilisten und der Zerstörung ganzer ­Dörfer in Kosovo berichteten, war dem Regime natürlich nicht recht.

Wien war damals aus Belgrader Sicht besonders wichtig, weil hier internationale Organisationen sassen und viele Korrespondenten grosser internationaler Medien stationiert waren. Deshalb schickte Miloševic besonders verlässliches Personal hierher. Jugoslawischer Botschafter wurde sein Parteifreund Radoš Smiljkovic, der heute noch von der «aussergewöhnlichen Grösse» des 2006 in Gefangenschaft verstorbenen Diktators schwärmt. Die Medienarbeit übernahm der bisherige Korrespondent der staatlichen Nachrichtenagentur Tanjug, Goran Bradic. Und er wusste genau, was Belgrad von ihm erwartete.

«Warum sagen Sie Diktator?»

Wenn Journalisten zu ihm ins Büro kamen, um Visa-Anträge abzugeben, dann lagen dort meistens schon ihre bisher verfassten Artikel über den Kosovo-Konflikt oder über Slobodan Miloševic auf dem Tisch. Bradic hatte die in seinen Augen unkorrekten Passagen mit rotem Leuchtstift markiert, deutete auf die unterstrichenen Zeilen, schüttelte den Kopf: «Wie können Sie nur unseren ­Präsidenten als Diktator bezeichnen?» Oder: «Warum schreiben Sie über die Unterdrückung der Albaner, aber nie über die der Serben?»

Es folgten endlose Vorträge über Kosovo als Wiege der serbischen Nation und die Leiden der Serben. Viel Rot im Text bedeutete: kein Visum. Damalige Kollegen erinnern sich an unangenehme Begegnungen mit Bradic und an ­seine Beschwerden bei Chefredaktionen über angeblich einseitige Berichterstattung. In Belgrad kursierte auch eine schwarze Liste unerwünschter Journalisten.

Persönlich verweigerte Bradic nie ein Visum. Er schob die Verantwortung auf seine Vorgesetzten ab: «Leider habe ich keine Antwort aus Belgrad.» Den betroffenen Journalisten war trotzdem klar, dass sein Wort Gewicht hatte. Sie wussten ja von Kollegen in anderen Ländern, dass die Stimmung dort an den jugoslawischen Botschaften deutlich freundlicher und ein Visum leichter zu bekommen war.

Gefälligkeitspass für Handke

Die Botschaft bestrafte aber nicht nur. Sie konnte auch belohnen: Der Schriftsteller Peter Handke erhielt in Wien einen jugoslawischen Reisepass ausgestellt zu jener Zeit, als Bradi? dort tätig war. Handke spricht heute von einem «Gefälligkeitspass», der seine Recherchereisen nach Jugoslawien erleichtern sollte (lesen Sie hier mehr darüber). Die Mehrheit der in Wien stationierten Balkankorrespondenten konnte von solchen Recherchereisen nur träumen.

Was sagt Goran Bradic heute zu ­seiner damaligen Tätigkeit? Bereut er seine Treue zu Miloševic? Die Behinderung der Berichterstattung? Was wusste er über den Reisepass für Peter Handke? Diese Zeitung schickte dem zukünftigen Botschafter eine Liste mit Fragen. Bradic antwortet, dass er nicht antworten dürfe, solange er in der Schweiz nicht als Botschafter akkreditiert sei. Das seien die protokollarischen Regeln. Das EDA erwidert, dass die Schweiz ausländischen Diplomaten nicht verbiete, mit Medien zu sprechen.

«Wie ein Soldat führte er die Befehle des jeweiligen Kommandanten aus.»Dragan Velikic, Schriftsteller

Im Oktober 2000 wurde das Regime Miloševic gestürzt, ein halbes Jahr danach der Diktator an das Tribunal in Den Haag ausgeliefert. In Wien musste Goran Bradic den diplomatischen Dienst quittieren. Aber nicht für lange. Ein paar Jahre später war er wieder da, und das verdankte er ausgerechnet einem bekannten Kritiker des Miloševic-Re­gimes, dem Schriftsteller Dragan Velikic.

Um ihr Image im Ausland zu verbessern, schickte die neue Belgrader Regierung Velikic als Botschafter nach Wien. Bloss hatte der keine diplomatische Erfahrung und brauchte jemanden mit Deutschkenntnissen an seiner Seite: «Ich wusste schon, dass Bradic unter Miloševic gedient hatte», sagt ­Velikic heute, «aber er zeigte Verantwortungsgefühl, er kannte alle Medien, er wusste, was läuft. Wie ein Soldat führte er die Befehle des jeweiligen Kommandanten aus.»

Freilich zeigte Bradic auch damals bald seine andere, nationalistische Seite. Wieder dozierte er über Kosovo, über die Unterdrückung der Serben und die Vernichtung serbischer Kulturgüter. Dazu gab er Interviews und verteilte Propagandabroschüren. Wenn man seinen Vorträgen zuhörte, konnte man damals den Eindruck bekommen, dass die Vertreibung der Kosovo-Albaner und der Terror serbischer Paramilitärs nie stattgefunden habe.

«Miloševic-Revival» in Serbien

In Serbien sind heute viele von Miloševics ehemaligen Mitstreitern wieder am Ruder. Der heutige Regierungschef Alexander Vucic strafte Ende der 90er-Jahre als Informationsminister kritische Journalisten und verbot ausländische TV-Sender. Der heutige Aussenminister Ivica Dacic war in den 90er-Jahren Pressesprecher von Miloševics sozialistischer Partei SPS.

Die serbische Menschenrechtsaktivistin Sonja Biserko spricht deshalb von einem «wahren Miloševic-Revival»: Kriegsverbrecher würden als Helden gefeiert, unabhängige Medien stünden wieder unter starkem Druck. Dass Goran Bradic unter dieser Regierung zum Botschafter aufsteigt, hat für seinen ehemaligen Vorgesetzten Dragan Velikic «schon eine gewisse Logik».

Weiss das EDA von Bradics Vergangenheit? Das Akkreditierungsverfahren sei geheim, antwortet die Medienstelle: Zur politischen Vergangenheit des neuen Missionschefs könne deshalb nicht Stellung genommen werden. Das serbische Aussenministerium reagiert auf Anfragen dieser Zeitung überhaupt nicht.

Als Goran Bradic vor vielen Jahren noch mit Medien sprach, versicherte er mir, dass er mit Miloševic nicht einverstanden gewesen sei und seine Kritik in Belgrad deponiert habe. In Wien hingegen «diente ich meinem Staat».

Jene Jahre, in denen er Slobodan ­Miloševic diente, scheinen in Bradics Profil des Karrierenetzwerks Linkedin nicht auf.

Erstellt: 19.11.2019, 15:51 Uhr

Serben in der Schweiz

Die Schweiz hat seit dem 19. Jahrhundert mehrere Einwanderungswellen aus Serbien erlebt. Gründe dafür waren die Suche nach Arbeit, häufiger aber die Flucht vor Krieg und autoritären Regimes. Heute leben nach Schätzung der serbischen Botschaft in Bern 150'000 Menschen serbischer Herkunft in der Schweiz, 62'000 von ihnen haben nur die serbische Staatsbürgerschaft. Das Vereinsleben ist äusserst aktiv mit 45 Kulturvereinen, 41 Sportclubs und 3 Theatern. Obwohl sich Kosovo 2008 von Serbien abspaltete und für unabhängig erklärte, betrachtet Serbien das Land weiterhin als seine «südliche Provinz». Für die rund 200'000 Kosovo-­Albaner in der Schweiz hat die Republik Kosovo jedoch eine eigene Botschaft und Konsulate eröffnet. (bo)

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