Hintergrund

Der oberste Gewerbler sieht grün

Jean-François Rime und der Schweizerische Gewerbeverband wollen die Ortskerne kleiner Städte aufwerten. Kämpft jetzt der Gewerbeverband Seite an Seite mit dem VCS gegen Konsumtempel auf der grünen Wiese?

Ziehen plötzlich am gleichen Strang: SGV-Präsident Rime und VCS-Präsidentin Teuscher.

Ziehen plötzlich am gleichen Strang: SGV-Präsident Rime und VCS-Präsidentin Teuscher. Bild: Keystone

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In den letzten Jahren entstanden immer mehr Tankstellenshops an zentralen Verkehrsachsen und Einkaufstempel auf der grünen Wiese. Diese Entwicklung setzte eine fatale Spirale in Gang, die Ortskerne zahlreicher Dörfer und Kleinstädte entleerten sich, kleine Geschäfte gingen ein. Bestärkt wurde diese Entwicklung auch durch die Schliessung von wichtigen Einrichtungen wie zum Beispiel Poststellen. Diese Entwicklung bereitet jetzt auch dem Schweizerischen Gewerbeverband (SGV) Sorgen.

SGV-Präsident und Nationalrat Jean-François Rime (SVP, FR) will zusammen mit dem Präsidenten des Schweizerischen Gemeindeverbandes, Ständerat Hannes Germann (SVP, SH), diesen Trend brechen. «Mehr Arbeits- und Wohnplätze in den Stadt- und Ortskernen bedeuten weniger Zersiedlung», sagt Rime. Kurzum: Zentren sollen als Ort der Begegnung und der Versorgung der Bevölkerung gestärkt werden. Doch wer glaubt, der Gewerbeverband wolle dem Einkaufen auf der grünen Wiese den Riegel schieben, liegt falsch.

Nicht gegen Einkaufszentren ausserhalb

Rime betont zwar gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet, dass sich kleine Gewerbetreibende seit Jahren darüber beklagen, dass sich die Ortskerne entvölkern und sie deswegen ihr Geschäft aufgeben müssten. Dafür sind auch die ausserhalb der Zentren entstandenen Konsumtempel verantwortlich, was der SGV-Präsident nicht in Abrede stellt. Die Bemühungen des Gewerbe- und des Gemeindeverbandes versteht er jedoch nicht als eine Absage an die bisherige Expansionsstrategie von Grossverteilern auf der grünen Wiese.

Man müsse jeden Fall einzeln ansehen, sagt Rime. Auch darum habe man bei der Präsentation am Montag bewusst drei Beispiele gewählt – Köniz BE, Belmont-sur-Lausanne VD und Lichtensteig SG –, die unterschiedliche Lösungsansätze beinhalten. «Wir wollen die Ortskerne revitalisieren. Das heisst aber nicht, dass wir grundsätzlich gegen neue Einkaufszentren sind. Das muss jede Gemeinde für sich entscheiden.» Das führe zu einer sinnvollen Raumplanungspolitik, weil die Entscheide vor Ort getroffen würden und nicht im fernen Bern, wie es das neue Raumplanungsgesetz will.

«Lieber späte Einsicht als nie»

Damit nimmt Rime auch gleich jenen Kritikern den Wind aus den Segeln, welche finden, die präsentierten Vorschläge stünden im Widerspruch zum Referendum des Gewerbeverbandes gegen das Raumplanungsgesetz. Nur: Will man künftig die Ortskerne von Kleinstädten wiederbeleben, dann wird wohl kein Weg daran vorbeiführen, künftig Zonenpläne abzulehnen, welche den Bau von neuen Einkaufsmärkten auf der grünen Wiese erst möglich machen. Das machte die Gemeindeversammlung im aargauischen Murgenthal vor einigen Monaten vor.

VCS-Präsidentin Franziska Teuscher gehört zu jenen Politikerinnen, die schon vor Jahren vor der Expansionsstrategie der Grossverteiler in die Peripherie warnten. Zum Vorhaben des Gewerbeverbandes sagt sie: «Lieber späte Einsicht als nie.» Es freue sie, dass der Gewerbeverband und der Gemeindeverband das VCS-Konzept nach Wohnen und Arbeiten mit kurzen Wegen übernommen hätten. Dem VCS habe man häufig vorgeworfen, ein Verhinderungsclub zu sein, sagt die Berner Nationalrätin der Grünen. Nun komme der Gewerbeverband plötzlich mit denselben Forderungen.

Politisch sitzen Teuscher und Rime nicht im selben Boot

Teuscher hofft, dass SGV-Präsident Rime sie im Parlament bei der Forderung nach zentrumsnahem Einkaufen und einem Stopp beim Bauen von Einlaufszentren auf der grünen Wiese unterstütze werde. Anders als Rime empfindet sie jedoch die Pläne des Gewerbeverbandes als Widerspruch zum SGV-Referendum gegen das Raumplanungsgesetz. Und: Um Zentren attraktiv zu machen, brauche es auch Massnahmen zur Verkehrsberuhigung. Das sehe man in der Stadt Bern und in der Gemeinde Köniz, sagt Teuscher.

Erstellt: 13.11.2012, 16:01 Uhr

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