Wahl des neuen Bundesanwalts

Der smarte Mafiajäger und Majestätskritiker

Michael Lauber wird nächste Woche zum obersten Schweizer Strafverfolger gewählt. Wer ist dieser Mann?

Privat gibt Michael Lauber gerne den Schöngeist.

Privat gibt Michael Lauber gerne den Schöngeist. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Autsch! Manche, die den adretten Herrn mit dem Vulgo Quetsch einmal getroffen haben, erinnern sich an einen gar festen und nicht so schnell nachlassenden Händedruck. An einen leichten Schmerz, der einhergeht mit einem tiefen Blick aus dunkelbraunen, mandelförmigen Augen. Wegen seiner berüchtigten Begrüssungen tauften sie ihn Quetsch, damals in der Studentenverbindung.

Noch heute macht Michael Lauber seinem Vulgo alle Ehre, wenn er irgendwo auf der Welt für den liechtensteinischen Finanzplatz Hände schüttelt. Bald kann er dies als oberster Strafverfolger der Schweiz tun. Seiner Wahl zum Bundesanwalt steht nichts im Weg. Die eidgenössischen Räte wählen am nächsten Mittwoch einen Mann, über den öffentlich ausser Vorschusslorbeeren wenig bekannt ist. In Bundesbern ist er zwar kein unbeschriebenes Blatt. Ende 90er-Jahre leitete ein aufgeweckter, eloquenter und nicht sehr beamtenhafter Jurist die Zentralstelle Organisierte Kriminalität im Bundesamt für Polizei. Fürsprecher Michael Lauber spielte eine Schlüsselrolle in «Kollers Jungmannschaft gegen die Mafia», wie der TA damals das Ermittlerteam von Justizminister Arnold Koller nannte. Der heute 46-Jährige jagte russische Oligarchen oder Cyberkriminielle. An seiner Seite kämpfte ein gewisser Valentin Roschacher, später Laubers glückloser Vorvorgänger als Bundesanwalt.

Vor dem Millennium kam es unter den aufstrebenden Ermittlern zu Differenzen. Lauber verlor einen Machtkampf, seine Abteilung wurde wegverwaltet. Der Sohn eines christkatholischen Pfarrers und einer studierten Mathematikerin aus dem Solothurnischen nahm von einem Tag auf den anderen den Hut. Seine Rückkehr muss für ihn auch eine späte Genugtuung sein.

«Wie ein Vulkanausbruch»

Lauber heuerte im neuen Jahrtausend bald im Fürstentum Liechtenstein an, wo er die staatliche Geldwäschereistelle aufbaute. Nach drei Jahren wechselte er die Seite: Als Geschäftsführer des Liechtensteinischen Bankenverbands erlebte er am 14. Februar 2008 die heftigste Erschütterung des Finanzplatzes des Ministaates. Im fernen Köln wurde an jenem grauen Wintermorgen Klaus Zumwinkel, der deutsche Postchef, vor laufenden TV-Kameras aus seiner Villa abgeführt. Der Vorwurf: Er soll Schwarzgeld bei der fürstlichen LGT versteckt haben. Lauber, der geborene Krisenmanager, war im Element. «Es ist für mich», verriet er, «wie ein Vulkanausbruch.» Lauber weiss, wovon er spricht: Ein Teil seiner Urahnen stammt von der indonesischen Vulkaninsel Java.

Deutsche Journalisten schwärmten aus. Fürstenhaus, Regierung, Banker, alle tauchten ab und tagelang nicht mehr auf. Lauber hingegen stand hin, dirigierte und wählte in Talkshows und Presseinterviews Worte, die glaubwürdiger klingen, wenn sie von einem ehemaligen Mafiajäger kommen: «Wenn es um kriminelle Handlungen geht, herrscht bei mir und überhaupt in Liechtenstein null Toleranz.» Im Ländle sind sie deswegen bis heute des Lobes voll. Matthias Voigt, Präsident des Liechtensteinischen Anlagefondsverband, sagt heute: «Dank ihm hat Deutschland gesehen: Liechtenstein besteht nicht nur aus Briefkästen, sondern auch aus Menschen.»

Dabei tat Lauber nur, was er am besten kann: kommunizieren, kommunizieren, kommunizieren. Niemanden, der ihn auch nur flüchtig kennt, überrascht es heute, dass der frühere Panzerhauptmann die Gerichtskommission, die ihn zur Wahl empfiehlt, vor Ablauf der 40-minütigen Anhörung im Sack hatte. Lauber kann reden, er kann sich verkaufen, Gedanken und Zunge sind schnell.

Als der TA Anfang 2009 aufdeckte, dass Fürst Hans-Adam II. die Bundesrepublik in einem Brief an das Jüdische Museum Berlin als «Viertes Reich» bezeichnet hatte, dauerte es nicht lange, bis Lauber als Erster reagierte. «Der Liechtensteinische Bankenverband distanziert sich von den Äusserungen des liechtensteinischen Staatsoberhauptes», hiess es in einer Stellungnahme.

Das Kreuz mit dem Fürsten

Die Worte sind auch Ausdruck eines zwiespältigen Verhältnisses zur Fürstenfamilie, der mit der LGT die grösste Bank des Landes gehört. Hinter den Kulissen äusserte sich Lauber manchmal abschätzig über Seine Durchlaucht. Hans-Adam II. nannte er bisweilen «den Alten». Erbprinz Alois traut er noch weniger zu als dem Fürsten. Laubers Distanz zur Monarchie zeigt sich auch darin, dass er stolz erzählte, er habe nicht auf Gott, Fürst, Vaterland geschworen, als er liechtensteinischer Staatsangestellter wurde. Stattdessen gelobte er, die Verfassung zu respektieren. Die Liechtensteiner bezeichnete er auch schon als «Zwerge». «Dies tat er nur im kleinen Kreis», sagt ein Weggefährte, «und aus seiner Sicht war das verständlich. Als Überflieger war er den meisten hier überlegen.»

Öffentlich hingegen würde sich Lauber nie despektierlich äussern. «Er weiss», sagt Hans-Kaspar von Schönfels, Chefredaktor des Finanzfachblatts «Elite Report», «dass man nasse Beine kriegt, wenn man gegen den Wind pinkelt.» Lauber, so von Schönfels, verfüge neben den juristischen Kenntnissen über diplomatisches Geschick: «Er ist kein Rambo, zerschlägt kein Porzellan.»

Schweizer Schwarzgeld blieb

Föhn und Neid sind im Volksmund die ältesten Liechtensteiner. Als Ausländer musste Lauber sich speziell beweisen. Doch heute sieht kaum noch einer der Einheimischen in ihm einen Blender. Für viele ist er gar eine Lichtgestalt.

Lauber und andere haben das Fürstentum ohne Totalschaden durch die Steueraffäre mit Deutschland gebracht. Der Yoga-Praktikant hat Gesetzesreformen für den rückständigen Finanzsektor durchsetzen können. Den «Maschendraht ums Konto» (so eines von Laubers Wortspielen) lockerte das Fürstentum allerdings ausgerechnet gegenüber der Schweiz nicht. Das Pikante daran: Rund ein Drittel der (Schwarz-)Gelder auf Vaduzer Konti stammt aus dem Land, in dem Lauber künftig oberster Strafverfolger wird. Gemäss Hochrechnungen lagern dort 30 bis 40 Milliarden Franken, auf die der helvetische Fiskus keinen Zugriff hat. Doch die Vorwärtsstrategie des heutigen Präsidenten der Liechtensteiner Finanzmarktaufsicht, der in Zürich mit seinem in einer eingetragenen Partnerschaft lebenden Partner in einer Eigentumswohnung lebt, umfasste ausgerechnet sein Heimatland nicht.

Privat gibt Lauber gerne den Schöngeist, wie er der Branchenzeitschrift Schweizer Bank verriet: Maria Callas höre er, Gedichte würde er gerne schreiben, er liebe die Ölgemälde William Turners. «Das Meer inspiriert mich», sagte er noch. Und er koche gerne kreativ. Insofern ist Lauber ein passender Nachfolger für Valentin Roschacher, der Berge malt, und den amtierenden Bundesanwalt Erwin Beyeler, der auch schon einen Krimi schrieb.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.09.2011, 07:37 Uhr

Artikel zum Thema

«Wir konnten uns nie offen wehren»

Am 15. Juni entzog das Parlament Bundesanwalt Erwin Beyeler das Vertrauen. Im Interview mit der «Rundschau» nahm der 59-Jährige erstmals Stellung zu seiner Abwahl. Mehr...

Michael Lauber soll Bundesanwalt werden

Die Gerichtskommission der eidgenössischen Räte schlägt dem Parlament den 45-jährigen Parteilosen vor. Lauber ist Präsident des Aufsichtsrates der Liechtensteiner Finanzmarktaufsicht. Mehr...

«Der Bundesanwalt hatte ausgezeichnete Erfolgsquoten»

Der höchste Staatsanwalt des Kantons St. Gallen kritisiert die Abwahl des Bundesanwalts durch das Parlament scharf. Beyeler habe eine ausgezeichnete Erfolgsquote. Und für die prominenten Fälle sei er zu Unrecht abgestraft worden. Mehr...

Blog

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Grösste Wallfahrt der Welt: Eine Frau ruht sich während der jährlichen Pilgerfahrt zu Ehren der Jungfrau von Guadalupe in Mexico City aus. (11. Dezember 2018)
(Bild: Carlos Jasso) Mehr...