Ein Glarner ist der Urvater der Schwulenbewegung

Der vergessene Heinrich Hössli: Glarner Freigeist und Vorreiter der Schwulenbewegung. Glarus und progressiv? Passt nicht zusammen, denkt man. Tut es aber doch.

Der Glarner Schriftsteller Heinrich Hössli war ein liberaler Freigeist. Foto: PD

Der Glarner Schriftsteller Heinrich Hössli war ein liberaler Freigeist. Foto: PD

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Das Glarnerland ist bekannt für seinen Schabziger, für den 3614 Meter hohen Tödi, vielleicht für seine Politiker und deren pointierte Voten. Und da ist Heinrich Hössli. Der Urvater der weltweiten Schwulenbewegung – doch von der Geschichtsschreibung beinahe vergessen. Ein Mann, dem die Glarner gemeinsam mit der Heinrich-Hössli-Stiftung zum 150. Todestag späte Ehre in Form eines Buches erweisen.

Hössli wuchs in Glarus auf, galt als Freigeist, war Hutmacher und versorgte die Frauen im Glarnerland mit Galanteriewaren. Dieser Hössli schrieb 1836 ein 720 Seiten starkes Buch mit dem Titel «Eros. Die Männerliebe der Griechen» – ein Werk, das weltweit als erstes seiner Art gilt. In seinem Buch wollte Hössli die Liebe zwischen Männern mit Beispielen aus dem antiken Griechenland als «Variante der Natur» darlegen und schrieb: «Der Lasterhafteste kann die Frauen und der Tugendhafteste die Männer lieben.» Er legte dar, weshalb auch in der Liebe die Freiheit für jedermann zu gelten habe.

Bewegt vom Schicksal eines Säufers

Hössli hatte Frau und Kind. «Ob er schwul war, ist nicht bekannt», sagt Rolf Kamm, Präsident des Historischen Vereins Glarus. Fakt ist, dass den Glarner das Schicksal von Franz Desgouttes, einem Berner Anwalt, stark bewegte. Dieser galt als Säufer, Glückspieler, ein von der Lust Getriebener. Der schwule Desgouttes erstach 1817 im wilden Liebeswahn seinen Gehilfen, der ihn verschmähte. Darauf wurde Desgouttes verhaftet, dann stranguliert und gerädert. Noch in der Zelle brachte er sein ausschweifendes Leben zu Papier, doch die Berner Behörden sammelten seine Memoiren wieder ein und verbrannten sie.

Hössli kam auf unbekanntem Wege zu einem Exemplar – es inspirierte ihn derart, dass er sich fortan dem Schreiben widmete. Rund 20 Jahre später erschien sein Opus magnum. «Der Zeitpunkt ist kein Zufall», sagt Rolf Kamm. Er gehe davon aus, dass Hössli seine Schriften bewusst im Jahr 1836 herausgegeben hatte. Also in jenem Jahr, als der Kanton eine neue Verfassung annahm, die «pro­gressivste» im ganzen Lande, wie damals ein Staatsrechtler schrieb.

Der Glarner Historiker August Rohr bezeichnet die Verfassung als «weg­weisend», sie trennte die Politik von der Justiz und garantierte Menschenrechte wie die Gewerbe-, Presse- und Meinungsfreiheit. «Das war im damaligen Europa nicht selbstverständlich.» Die Verfassung festigte auch das Wesen der Landsgemeinde – ein Mann, eine Stimme. «In diesem Umfeld fand Hössli, die Zeit sei reif, seine Erkenntnisse zu publizieren», sagt Kamm.

Auch der Historiker Rohr ist überzeugt, dass die freiheitliche Tradition und die durch die Industrialisierung weltgewandte Glarner Gesellschaft das Denken von Leuten wie Hössli gefördert hatten. In diesem Kontext überrascht es nicht, dass wenig später im Jahr 1864 das demokratisch erlassene Fabrikgesetz eingeführt wird – europaweit eine Pioniertat. Es beschränkte die tägliche Arbeitszeit nicht nur für Jugendliche und Frauen, sondern auch für Männer auf zwölf Stunden und verbot Nachtarbeit. Dazu kam ein Arbeitsverbot von sechs Wochen für Mütter rund um die Geburt. Der Bund hat darauf das Gesetz bis ins Detail übernommen.

Auch später sprach sich die Bevölkerung des Kleinkantons immer wieder für progressive Beschlüsse aus: Sei es während des Ersten Weltkriegs für die kantonalen Vorläufer der heutigen AHV und IV oder 2007 für das ­Stimmrechtsalter 16.

Verbittert gestorben

Hössli publizierte seine Abhandlung über die Homosexualität im Selbstverlag, machte aber die Rechnung ohne die Moralvorstellungen der damaligen Zeit: Der einflussreiche Kirchenrat verbot das Werk, es wurde fortan totgeschwiegen. Darauf druckte Hössli in St. Gallen einen zweiten Band, der aber nur spärlich unter die Leute kam. So gingen er und sein Werk allmählich vergessen. Hössli starb 1864 vereinsamt, verarmt und verbittert als 80-Jähriger in Winterthur.

150 Jahre später will Glarus seinen verkannten Sohn wieder ins Bewusstsein der Bevölkerung rufen. «Kein Kapital daraus schlagen», sagt Kamm, doch seinen Namen dazu nutzen, das Interesse von Nichtglarnern für den eigenen Kanton zu wecken. «Denn wir sind mehr als nur Schabziger.»

Heinrich Hössli und sein Kampf für die Männerliebe. 224 Seiten. Chronos-Verlag. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.09.2014, 06:41 Uhr

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