Deutsche Anwälte werben in Zürich bei Landsleuten für die Selbstanzeige

Das Bankgeheimnis sei löchrig wie Käse – wer jetzt sein Schwarzgeld dem Finanzamt melde, fahre besser. Auch die CS macht offenbar Druck auf ihre deutsche Klientel.

Am Flughafen Zürich liessen sich reiche Deutsche beraten, die sich vor weiteren Steuer-CDs fürchten: Ein Mann hält eine CD. (Archivbild Keystone)

Am Flughafen Zürich liessen sich reiche Deutsche beraten, die sich vor weiteren Steuer-CDs fürchten: Ein Mann hält eine CD. (Archivbild Keystone)

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Aufgezogen war das Symposium im Zürcher Flughafen wie eine Werbefahrt mit dem Car. Die Teilnahme an der vierstündigen Informationsveranstaltung im Hotel Radisson Blue war kostenlos, die in den Pausen gereichten feinen Häppchen reichlich. Geworben wurde aber nicht für Heizdecken oder Gesundheitsmatratzen, sondern für Schwarzgeld-Deals mit dem deutschen Fiskus.

Die Angst reicher Deutscher, dass ihr Schwarzgeldversteck in der Schweiz auffliegen könnte, weil ihr Name auf einer der vom deutschen Fiskus zugekauften CDs mit Steuerdaten auftaucht, ist offenbar gross. Jedenfalls war der «Saal Bern» im Hotel gestern gerammelt voll, sogar an der Wand entlang und ganz hinten sassen Teilnehmer auf eilends herbeigeschafften Stühlen. Mit über 100 Teilnehmern hatte die auf Steuerrecht spezialisierte deutsche Kanzlei Streck Mack Schwedhelm trotz ihrer Inserate in deutschen Zeitungen offenbar nicht gerechnet.

Ein Grossaufgebot von vier Partnern der Steuerkanzlei mit Ablegern in Köln, Berlin und München referierte zum Thema «Die Deutsch-Schweizer Steueramnestie ist gescheitert». Was nun? Noch bis vor wenigen Jahren vermittelten an solchen Veranstaltungen Schweizer Anwälte, Banker und Treuhänder deutschen Millionären die neusten Tipps und Tricks der Steuervermeidung. Nun wittern deutsche Steueranwälte ein Geschäft mit Steuersündern, welche die Angst umtreibt. Sie warnen vor den wachsenden Gefahren von Schwarzgeld auf Schweizer Konten, werben für den «Königsweg Selbstanzeige» als Ausweg.

Lust auf Schwarzgelderbe weg

Im Publikum sitzen mehrere Ehepaare, die ihren Kindern weisses Geld hinterlassen wollen. Auch Väter in Begleitung eines erwachsenen Kindes sind da, wollen das Problem gemeinsam angehen.

In jüngster Zeit würden die verunsicherten Kunden der Credit Suisse die Wartezimmer der Kanzlei füllen, sagte ein Referent. Die Grossbank übe «massiven Druck» aus, dass die Kunden ihre unversteuerten Gelder beim deutschen Fiskus offenlegen – sonst würden ihnen die Konten aufgekündigt. Es sei damit zu rechnen, dass die Schweizer Banken ihre Weissgeldstrategie durchzögen. Am 1. Februar setze die Schweiz das neue Steueramtshilfegesetz in Kraft und gebe dann auch auf Gruppenanfragen Auskunft. Dann reiche ein bestimmtes Verhaltensmuster, damit die Steuerdaten ganzer Gruppen deutscher Schwarzgeldkunden nach Berlin oder anderswo in die EU übermittelt würden – so wie zuvor im Fall UBS die Daten von Tausenden US-Kunden in die USA flossen.

Man rate Klienten dringend, aktiv zu werden, hiess es weiter. Eine Selbstanzeige wirke «erheblich strafmildernd», und man fahre damit deutlich besser, als wenn man zuwarte, bis die Fahnder morgens um acht vor der Haustür stünden. Noch gebe es grosse regionale Unterschiede: In Hessen kämen die Fahnder erst um elf, und die Strafen seien viel milder als etwa in Nordrhein-Westfalen. Sobald die Steuerfahndung Bundessache werde, wie die SPD es fordere, sei es auch damit vorbei.

Ohnehin sei der Stern von Schwarzgeld am sinken. Die jüngere Generation wolle lieber weniger Weissgeld erben als viel Schwargeld, das totes Geld sei. Söhne und Töchter hätten kaum noch Lust, Kurier oder Helfershelfer für Eltern oder Grosseltern zu spielen. Schon gar nicht wollten sie sich als «Hinterziehergemeinschaft» strafbar machen, weil die Meldung von geerbtem Schwarzgeld nicht rasch genug erfolgte. Einmalig sei die Selbstanzeige insofern, als man danach nicht als vorbestraft gelte, obwohl man sich klar strafbar gemacht habe.

Berlin kauft weitere Steuer-CDs

Nicht nur Lehrer und Beamte hätten als Erben Angst vor Entdeckung. Schwarzgeld mache anfällig für Erpressung. Am besten einige man sich rasch auf eine Selbstanzeige, bevor ein Erbe allein auf diese Idee komme und damit allen Miterben den Weg zu einer Selbstanzeige verbaue, sagte der Kanzleichef. Die alten Zeiten kehrten nicht wieder, selbst wenn die SPD, die noch härter durchgreifen will, die Wahlen verlieren sollte, Deutschland werde auch in Zukunft Daten-CDs kaufen, zumal die Gerichte diese Praxis billigten und die Verwendung gestohlener Daten in Verfahren zuliessen. Sobald ein Steuersünder mit Namen auf einer solchen Steuer-CD auftauche, deren Kauf öffentlich gemacht wurde, gelte er als entdeckt, Selbstanzeige sei dann nicht mehr zulässig.

Es folgen die nervtötend komplizierten Details einer Selbstanzeige. Am Schluss klatschen die Teilnehmer wie Urlauber nach geglückter Landung.

Erstellt: 26.01.2013, 12:07 Uhr

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