42 Prozent Deutsche an Uni Basel

Die Schweiz sieht Handlungsbedarf bei der Förderung inländischer Fachkräfte. Jetzt gibt Basel Gegensteuer und will den eigenen Professoren-Nachwuchs fördern.

Ein Qualitätsmerkmal: Für Uni-Rektor Antonio Loprieno (Bild vom Dies academicus 2014) sind Dozenten ausländischer Herkunft eine Bereicherung.

Ein Qualitätsmerkmal: Für Uni-Rektor Antonio Loprieno (Bild vom Dies academicus 2014) sind Dozenten ausländischer Herkunft eine Bereicherung. Bild: Lucian Hunziker

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In Basel stammen 42 Prozent der Uni-Professoren aus Deutschland, in Zürich sind es 34 Prozent. Nun drängt das Parlament in Bern auf die Förderung inländischer Kräfte. Der Nationalrat hat diskussionslos eine Motion an den Bundesrat überwiesen. In Basel ist die Situation in der theologischen, der medizinischen und der philosophisch-historischen Fakultät besonders ausgeprägt. Und viele Deutsche ziehen weitere Deutsche an. Denn es ist ein offenes Geheimnis, dass Professoren gerne ihre vertrauten akademischen Mitarbeiter mitbringen.

Antonio Loprieno, Rektor der Uni Basel, sagt, es sei geradezu ein Qualitätsmerkmal, wenn seine Universität ausländische Akademiker anziehe. Der primäre Grund sei, dass die Leistungen im Bereich Wissenschaft, Forschung und Innovation grösser seien, als dass man es sich rein demografisch leisten könne. «Im universitären Bereich ist unser Land wie ein Käfer, der von einem Ferrari-Motor getrieben wird und sehr viel Treibstoff braucht, um die entsprechende Leistung zu bringen», sagt er.

Da stellen sich allerdings erneut Fragen. Die Uni Basel belegt im weltweiten QS-University-Ranking, das über 800 Universitäten vergleicht, den 90. Platz. Das ist kein schlechter Rang für ein solch kleines Land, allerdings auch nicht hervorragend. Trotzdem sagt der Uni-Rektor: «Um unser akademisches Getriebe in Gang zu halten, sind wir auf den Import ausländischer Wissenschaftler regelrecht angewiesen.»

Verhältnisse nicht zukunftsfähig

«Das ist ein Thema, das die Leute beschäftigt», sagt Oswald Inglin (CVP), Präsident der grossrätlichen Bildungskommission. Doch in der Schweiz gebe es in gewissen Disziplinen nur einen sehr dünnen akademischen Mittelbau von Wissenschaftlern, und von daher sei die Suche schwierig. Er finde es jedoch schade, dass an der Uni so viele Stellen nicht von Schweizern besetzt werden. Er vermutet, dass Basel mit seiner Grenznähe diesbezüglich einen Spitzenplatz besetzt. «In Zürich oder Bern ist es wohl ein wenig anders», vermutet er. Allerdings stammt auch dort jeder dritte Professor aus Deutschland. Deutliche Worte findet Ständerätin Anita Fetz: Nach der Annahme der ­Masseneinwanderungs-Initiative werde sich die Uni überlegen müssen, wie sie den inländischen wissenschaftlichen Nachwuchs offensiv fördert. «Verhältnisse wie in der theologischen Fakultät sind auf jeden Fall nicht zukunftsfähig», sagt sie. Ab 2017 werde es nur noch in Ausnahmefällen Bewilligungen für ausländische Professoren geben.

Inländer-Vorrang angestrebt

Uni-Rektor Loprieno greift gerne zu fulminanten Vergleichen, um von der akademischen Brillanz der Uni Basel zu überzeugen: «Nehmen wir an, dass der Ferrari-Motor am besten mit Agip-Kraftstoff funktioniert. Wenn die Agip-Tankstellen geschlossen sind, muss ich wohl bei Aral tanken», sagt er. Doch auch er räumt ein, dass sich etwas ändern muss. Die Schweizer Universitäten, insbesondere die Schweizer Rektorenkonferenz, hätten das Problem erkannt. Man kämpfe mit allen Mitteln um einen mit dem Primat der Qualität kombinierbaren Inländervorrang: «So schreiben wir vermehrt Assistenz­professuren aus, in der Hoffnung und Erwartung, dass wir den qualifizierten Schweizer Nachwuchs frühzeitig für die Wissenschaft gewinnen. Und zwar, bevor er sich für eine Karriere in der Privatwirtschaft entscheidet.» Dafür habe man beim Bund auch schon um mehr Grundbeiträge nachgesucht.

Deutsche haben in der deutschsprachigen Schweiz einen Vorteil: Sie sprechen unsere Sprache und können Vorlesungen geben, welche die Studenten zumindest in sprachlicher Hinsicht ­verstehen sollten. Kommt hinzu, dass Deutsche bei uns fast das Doppelte verdienen wie in ihrem Heimatland. Während die Uni Basel 173 000 Franken Einstiegslohn bezahlt, ist es im eigenen Land nur etwa die Hälfte. Trotzdem – das Unbehagen bleibt. So ist in einem Blog zu lesen: «Es ist nicht wegen der Überfremdung durch Deutsche an sich, sondern wegen der Überfremdung allgemein. Gäbe es eine Überflutung in diesem Masse durch Basler an der Zürcher Universität, würde das sicher auch irgendwann Unmut auslösen.»

Lutheraner in der Überzahl

Besonders auffällig ist das Verhältnis in der theologischen Fakultät: Dort gibt es lediglich einen Schweizer und einen Spanier auf sieben Deutsche (insgesamt 700 Stellenprozente). Und es ist ein komfortables Betreuungsverhältnis: ein Professor auf 17 Studierende. Kommt hinzu, dass nach wie vor keine einzige Frau einen Lehrstuhl innehat. Doch der Regierungsrat winkt ab. Es gebe keinen Anlass, sich einzumischen, meinte er auf Anfrage von Dominique König-­Lüdin (SP), die sie im Rahmen einer vor zwei Jahren erfolgten Neubesetzung gestellt hatte. Im Vordergrund stehe die wissenschaftliche Qualifikation der Kandidierenden.

Ob sich das Nicht-Hinsehen-Wollen der Regierung bewährt, darf jedoch angezweifelt werden. Die starke Zunahme der Deutschen hat nämlich auch im Praxisalltag Folgen. Während im Jahr 1985 von neun Professuren-Lehrstühlen noch sieben von reformierten Schweizern besetzt war, ist es heute nur noch einer und die Lutheraner sind in der Überzahl. «Lutheraner gibt es vor allem in Deutschland und dort spielt eine Bischöfin, ein Bischof eine Rolle», sagt der Theologe Xaver Pfister. Die gottesdienstliche Praxis der Lutheraner gleiche dem katholischen Gottesdienst mehr als die reformierte schweizerische Praxis. Er findet von daher auch die Frage berechtigt, ob so eine Einbindung in die Schweizer Kirchenkultur noch vorhanden ist.

Erstellt: 17.06.2015, 06:52 Uhr

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42 Prozent der Uni-Professoren in Basel stammen aus Deutschland. Soll die Uni Gegensteuer geben?

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