Deutschsprachige Kinder sind in Zürich erstmals in der Minderheit

In Zürich gibt es seit kurzem mehr fremdsprachige als Deutsch sprechende Kinder. Deren Schulerfolg ist sehr mässig. Der Ausländerbeirat nimmt Stellung.

Verteilung nach Schultypen 2008

Ausländerbeirat Stadt Zürich


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Die Bevölkerung in der Stadt Zürich verändert sich stetig. Von 1990 bis 2008 sank die Zahl der Kinder mit deutscher Muttersprache von knapp 18 000 auf 13 500, während die Zahl der Fremdsprachigen von 8400 auf 13 600 stieg. Als fremdsprachig gelten auch Kinder, die gut Deutsch sprechen und einen Schweizer Pass haben, aber eine andere Muttersprache sprechen. Umgekehrt werden Kinder aus Deutschland oder Österreich ohne Schweizer Pass den Deutschsprachigen zugerechnet.

Der Ausländerbeirat der Stadt Zürich zeigt in einer Broschüre auf, wie der Schulerfolg der Fremdsprachigen ist: nämlich mässig. In den Kleinklassen oder in der Sek C waren die Fremdsprachigen 2008 fast unter sich, während in den Gymnasien die Deutschsprachigen die überwiegende Mehrheit bilden.

Von den Eltern allein gelassen

Muammer Kurtulmus ist Türke, Sozialarbeiter und lebt seit 1996 in Zürich. Er ist Mitglied des Ausländerbeirats und hat die Zahlen aus den Schülerstatistiken der Bildungsdirektion zusammengetragen. Für ihn ist klar, weshalb die Fremdsprachigen schlechtere Schüler sind: Es liegt an der sozialen Herkunft. «Oft stammen die Migranten aus den benachteiligten Schichten in ihren Herkunftsländern», sagt Kurtulmus. Die Kinder aus diesen Familien hätten es besonders schwer in der Schule. Weil ihre Eltern kaum Deutsch sprechen, können sie ihren Kindern bei den Aufgaben nicht helfen. «Fremdsprachige Kinder werden in der Schule von ihren Eltern oft allein gelassen», sagt Kurtulmus.

Und noch etwas hat der Ausländerbeirat festgestellt: Ausländerkinder sind sehr unterschiedlich erfolgreich. Am besten schneiden die Tamilen ab, immerhin die fünftgrösste Fremdsprachigengruppe in Zürich. Von den tamilischen Kindern machen mehr als 10 Prozent eine Mittelschule, über 40 Prozent schaffen die Sek A, und nur knapp 10 Prozent sind in der Sek C. Ganz anders die portugiesisch und albanisch sprechenden Kinder: Von ihnen waren 2008 nur knapp 3 Prozent im Gymi während über 20 Prozent in der Sek C landeten.

Wert der Schule unterschätzt

Kurtulmus hat dafür eine Erklärung: Im Unterschied zu den anderen hätten die Tamilen ihre Heimat verloren und wollten hier bleiben. Sie hätten gemerkt, dass für den Aufstieg in der Schweiz eine gute Schulbildung nötig sei. «Tamilische Eltern setzen ihre Kinder oft unter Leistungsdruck», weiss Kurtulmus. Anders die albanischen Kinder. Deren Eltern seien oft mit einer marginalen Schulbildung gross geworden und würden den Wert Schule unterschätzen. Viele portugiesische Eltern seien der Meinung, Deutsch sei nicht so wichtig, da sie später ohnehin heimkehren wollten.

Die Schuld an der Benachteiligung fremdsprachiger Kinder will Kurtulmus niemandem in die Schuhe schieben – auch nicht den Zürcher Schulbehörden. Dennoch brauche es ein Umdenken. «Zürich ist eine Einwanderungsstadt», sagt Kurtulmus. Damit die Fremdsprachigen schnell Teil der Stadtbevölkerung werden, schlägt Kurtulmus Aufsuchende Elternarbeit vor. Er stellt sich Migranten vor, die in offiziellem Auftrag ausländische Familien zu Hause besuchten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.09.2010, 12:39 Uhr

Migrantenkinder an Schweizer Schulen: Oft haben sie es besonders schwer, dem Unterricht zu folgen. (AFP)

Entwicklung der Schülerzahlen

Entwicklung der Schülerzahlen


Ausländerbeirat Stadt Zürich

Der Ausländerbeirat

Der Ausländerbeirat ist das «Sprachrohr» der nicht stimmberechtigten Bevölkerung in der Stadt Zürich. Er besteht aus 20 Mitgliedern. Er kann Empfehlungen abgeben und bei der Stadtpräsidentin Anträge einreichen. Er ist provisorisch bis Ende 2010 eingesetzt. Demnächst wird der Gemeinderat über die definitive Einführung entscheiden.

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