Dichtestress in Luzern

Weil die Stadt von Touristen überrannt zu werden droht, fordern die Grünen Obergrenzen und Preiserhöhungen. Die Tourismusbranche kritisiert dies als Planwirtschaft.

Touristen vor der Bijouterie Bucherer am Schwanenplatz. Foto: Urs Jaudas

Touristen vor der Bijouterie Bucherer am Schwanenplatz. Foto: Urs Jaudas

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Luzern und der Tourismus – das ist einerseits eine Erfolgsstory, aber mittlerweile auch eine Leidensgeschichte. Was den Erfolg angeht, sprechen die Zahlen für sich. Letztes Jahr verzeichnete der Kanton laut der Hochschule Luzern rund 2 Millionen Logiernächte, mit fast 1,3 Millionen Logiernächten ist die Stadt Luzern die unangefochtene Top-Destination im Kanton. Zwischen 2005 und 2016 nahm die Zahl der Übernachtungen im Kanton um 44 Prozent zu, schweizweit waren es 8 Prozent. Noch eindrücklicher ist die schiere Masse der Tagestouristen: 2014 kamen 8,2 Millionen in die Stadt, 5 Jahre zuvor waren es noch 6,6 Millionen gewesen. Alles in allem generiert die Tourismusbranche im Kanton Luzern jährlich eine Milliarde Franken Wertschöpfung und beschäftigt über 11'000 Menschen.

2030: Bis zu 14 Millionen Gäste

Die Kehrseite der Medaille ist das tägliche Gedränge auf der rechten Seeseite Luzerns, wo sich die Altstadt befindet: Mit 116 Besuchern pro Einwohner weist Luzern eine höhere Tourismusintensität auf als Venedig. Nervenaufreibend für viele Luzerner ist auch die nach wie vor ungelöste Situation am Schwanenplatz. Täglich laden bis zu 250 Reisecars ihre Passagiere direkt vor den grossen Uhren­geschäften ab und verursachen damit ein Verkehrschaos – 2012 wurde ein Fussgänger von einem Bus überfahren.

Der Skepsis der Einheimischen nahmen sich diese Woche die Luzerner Grünen mit einem parlamentarischen Vorstoss an. Sie fordern den Stadtrat auf, mittels Planungsbericht eine touristische Vision für 2030 auszuarbeiten. Anlass dafür war eine Schätzung von Jürg Stettler vom Institut für Tourismuswirtschaft der Hochschule Luzern, wonach die Zahl der Logiernächte bis 2030 auf 1,6 Millionen, diejenige der Tagesgäste auf 12 bis 14 Millionen steigen könnte. Deshalb forderte er unter anderem eine Steuerung und Lenkung der zukünftigen Entwicklung des Tourismus.

Der wichtigste Wachstumstreiber ist laut Stettler Asien. Bereits heute machen Asiaten fast ein Drittel der Logiernächte in der Stadt Luzern aus. Korintha Bärtsch, Fraktionschefin der Grünen Luzern, sagt, dass sie oft von der Bevölkerung auf die negativen Folgen angesprochen werde. «Das grösste Thema ist das Gedränge am Schwanenplatz, aber auch die wachsende Zahl von Uhrengeschäften, die das einheimische Gewerbe verdrängen und nachts die Altstadt wie ausgestorben aussehen lassen.» Sie habe kein gestörtes Verhältnis zum Tourismus, wolle aber mit dem Vorstoss eine Diskussion anstossen, um zu verhindern, dass es in Luzern zu Protesten komme wie etwa in Barcelona.

Deshalb verlangen die Grünen, die Einführung von Maximalwerten bezüglich touristisch genutzter Wohnungen, Carparkplätze und Hotelkapazitäten zu prüfen. Ebenso sollen Möglichkeiten zu einer Steuerung über den Preis erwogen werden.

SVP fordert mehr Offenheit

In der Branche kommt das nicht gut an. «Wir sind gegen Verbote und Begrenzungen, weil sie der Marktwirtschaft widersprechen», sagt Marcel Perren, Direktor von Luzern Tourismus. Was die Logiernächte angehe, sei kurz- bis mittelfristig sowieso keine grosse Zunahme möglich, weil die Zimmerauslastung bereits heute im Sommer 90 Prozent und auf das Gesamtjahr 70 Prozent betrage. «Die Herausforderung ist, die wachsende Zahl der Tagestouristen zu meistern.» Eine konkrete Massnahme sei ein Parkleitsystem für Busse, das zurzeit getestet werde. «Damit lässt sich unnötiger Suchverkehr besser vermeiden», so Perren. Der Tourismusdirektor weiss, dass ein weiteres Wachstum nur nachhaltig sein kann, wenn auch die Bevölkerung weiterhin hinter dem Tourismus steht. Deshalb wurde eine Arbeitsgruppe geschaffen, die sich mit der optimalen Ausgestaltung des Tourismus beschäftigt.

Laut einer Umfrage der «Luzerner Zeitung» hat die Tourismusquote bei FDP, CVP, SVP, SP und GLP einen schweren Stand. Sie anerkennen zwar den Diskussionsbedarf, sind aber gegen Einschränkungen. Die SVP störte sich zudem an der «Abschottungspolitik» der Grünen und wünsche sich mehr Offenheit gegenüber den Gästen.

Die Stadtregierung hat nun ein Jahr Zeit, Stellung zum Vorstoss zu beziehen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.11.2017, 19:38 Uhr

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