Die Angst vor der Umarmung durch die alte Tante

Der Chefredaktor der «NZZ am Sonntag» wird pensioniert. Nun befürchtet die Redaktion eine Anbindung ans Mutterblatt NZZ – und wendet sich an den Verwaltungsrat.

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Vor zwei Jahren wurden bei der NZZ die Weichen gestellt, als der damalige Chefredaktor Markus Spillmann durch Auslandchef Eric Gujer ersetzt wurde. Dieser rückte die Zeitung mit dem vormals liberalen Mitte-Kurs markant nach rechts: Ja zu Burkaverbot, mehr Härte gegen Russland. Nun steht auch der «NZZ am Sonntag» ein Wechsel an der publizistischen Spitze bevor. Felix E. Müller, Chefredaktor der Zeitung seit ihrem Entstehen im Jahr 2002, wird 66 und Ende Jahr pensioniert.

Verwaltungsratspräsident Etienne Jornod sucht einen Nachfolger, bis im Sommer soll der Entscheid fallen. Die Redaktorenschaft der «NZZ am Sonntag» wartet gespannt – und auch etwas besorgt, wie im Umfeld der Redaktion zu erfahren ist. Befürchtet wird nicht nur eine politische Kursänderung wie beim Mutterblatt, sondern auch eine stärkere Anbindung an dieses. Räumlich sind die Redaktionen der Tageszeitung und ihrer Sonntagsausgabe schon vor zwei Jahren näher zusammengerückt, als die «NZZ am Sonntag» ein paar Strassen weiter ins Stammhaus an die Falkenstrasse gezügelt ist.

Kein Super-Chefredaktor gewünscht

Die Redaktion hat deshalb eine Arbeitsgruppe mit Vertretern aller Ressorts konstituiert, die einen Brief an den Verwaltungsrat aufgesetzt hat. Es ist ein Appell für publizistische Eigenständigkeit und Unabhängigkeit. Die Belegschaft wünscht sich einen eigenen Chefredaktor, der jenem der NZZ nicht unterstellt ist, und getrennte Redaktionen. Bis vor wenigen Jahren war der Chefredaktor der «NZZ am Sonntag» jenem der NZZ unterstellt. Zu diesem System will man keinesfalls zurück. Die Arbeitsgruppe verweist auf die Kooperationen zwischen «Tages-Anzeiger» und «SonntagsZeitung» sowie unter den «Blick»-Titeln, die ihrer Ansicht nach publizistisch nachteilig seien. Ebenfalls laden sie den NZZ-Verwaltungsrat zum Gespräch ein, um das Anliegen der Redaktion auch mündlich überbringen zu können.

Die «NZZ am Sonntag» hat ihre Unabhängigkeit vom Mutterblatt stets zelebriert – etwa mit einem Kommentar des Chefredaktors gegen BaZ-Chef Markus Somm, den der Verwaltungsrat als Chefredaktor der NZZ installieren wollte.

Der Brief an den Verwaltungsrat liegt derzeit den Redaktoren zur Unterschrift vor, nächste Woche soll Etienne Jornod ihn erhalten. Personelle Vorschläge enthält das Schreiben nicht. Informell kursieren jedoch mehrere mögliche Kandidaten. Zum Beispiel Luzi Bernet, Zürich-Chef bei der NZZ. Der 54-Jährige wird immer wieder genannt, wenn es einen wichtigen Posten im Haus zu besetzen gibt. Er ist bei den Arbeitskollegen beliebt und wäre politisch in der Tradition der «NZZ am Sonntag», bei der er auch zum Gründungsteam gehörte und Inlandchef war.

«Keinerlei Absicht»

Weiter genannt werden Inlandchef Francesco Benini, auch er immer wieder im Gespräch bei Vakanzen; Pascal Hollenstein, Super-Chefredaktor der Regionalzeitungen in der Ost- und Innerschweiz; Alain Zucker, der kürzlich vom «Tages-Anzeiger» kam, und René Scheu, Feuilletonchef der NZZ. Wunschkandidatin vieler Redaktorinnen wäre Charlotte Jacquemart gewesen, die seit 13 Jahren im Wirtschaftsressort der Zeitung arbeitet. Sie hat sich aber erstens mit ihrem Engagement gegen die Schliessung der NZZ-Druckerei beim Verwaltungsrat unbeliebt gemacht. Zweitens verlässt sie die Redaktion jetzt in Richtung Radio SRF.

Setzt der Verwaltungsrat auf Kontinuität, kommen am ehesten Luzi Bernet, Pascal Hollenstein oder Francesco Benini infrage. Will er auch bei der Sonntagsausgabe einen dezidierten Rechtskurs, spräche dies eher für die anderen – oder eben für eine Superchefredaktion unter Eric Gujer. Dies hat das Haus NZZ jedoch mehrmals in Abrede gestellt, zuletzt vor wenigen Tagen auf Persoenlich.com. Es gebe keinerlei Absicht, eine Art Superchefredaktor zu installieren, sagte Sprecherin Myriam Käser. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.03.2017, 12:12 Uhr

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