Die Angst vor terroristischen Einzelkämpfern wächst

Mit der Tötung von Bin Laden hat die Welt ein grosses Problem weniger. Den Kampf gegen den Terrorismus wird der Tod des Al-Qaida-Chefs jedoch kaum vereinfachen. Einzelkämpfer werden sein Erbe antreten.

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Der Tod von Osama Bin Laden hat die Welt nicht völlig verändert. Aber er wird Auswirkungen haben - auf die internationale Politik, die Diplomatie, die Kultur. Auf der ganzen Welt konnten die Reaktionen auf die Tötung des Al-Qaida-Führers beobachtet werden.

Der Tod von Osama bin Laden hat Al-Qaida jedoch nicht bis ins Mark erschüttert. Als nur locker organisierte Gruppe ohne feste Kommandostruktur wird der Tod des Anführers das Terrornetzwerk in den operativen Fähigkeiten kaum einschränken. Längst verfügt Al-Qaida in weiten Teilen der muslimischen Welt über Ableger, die unabhängig voneinander arbeiten und selbstständig Anschläge vorbereiten und durchführen.

Ableger von Al-Qaida

In Somalia, Nordafrika, der arabischen Halbinsel und den Philippinen haben sich von Al-Qaida inspirierte Terrororganisationen gegründet, die nicht auf direkte Anweisungen aus der Zentrale angewiesen sind. Und selbst in Afghanistan und Pakistan, wo bin Laden den Kampf gegen westliche Streitkräfte und Regierungstruppen einst selbst führte, wird sein Tod Al-Qaida kaum schwächen. Einiges weist daraufhin, dass dort schon länger Ajman al Sawahri - die Nummer 2 des Terrornetzwerks und mutmasslicher Nachfolger bin Ladens - für die Aktionen von Al-Qaida verantwortlich war.

Dem Terrornetzwerk dürfte derzeit eine andere Entwicklung mehr Sorgen bereiten als der Tod ihrer Ikone bin Laden: Al-Qaida ist es bislang nicht gelungen, die Unruhen in Nordafrika und der arabischen Welt zu instrumentalisieren. Statt für einen islamischen Gottesstaat gehen die Menschen zwischen Tunis und Bahrain für demokratische Reformen auf die Strasse.

Der Kampf gegen den Terror

Die Freude über die gelungene Militäroperation und den Tod bin Ladens währte nicht lange, bevor in der gesamten westlichen Welt die bange Frage gestellt wurde: Wird sich Al-Qaida für die Tötung ihres Führers rächen? Aus US-Geheimdienstkreisen heisst es, es gebe keine konkreten Hinweise auf Vergeltungsschläge. Dennoch würden die Nachrichtendienste militante islamistische Gruppen auf der ganzen Welt sehr genau beobachten.

Verheerende Anschläge wie am 11. September 2001 in den USA oder auf den Nahverkehr in Grossstädten wie in London und Madrid bedürfen einer langen Vorbereitungszeit. Angesichts ständigen militärischen Drucks auf die Rückzugsgebiete von Al-Qaida in Afghanistan und Pakistan, Anti-Terror-Razzien im Westen und eingefrorener Bankkonten dürfte es dem Terrornetzwerk derzeit sogar schwer fallen, weniger ambitionierte Anschlagspläne in die Tat umzusetzen.

Die Gefahr der Einzeltäter

Sorgen bereiten den Sicherheitsbehörden jedoch Einzeltäter, die bislang nicht als militante Islamisten in Erscheinung getreten sind. «Wir arbeiten weiterhin unter der Prämisse, dass Terroristen, die von den Geheimdiensten noch nicht identifiziert worden sind, ohne Warnung Anschläge verüben könnten», heisst es in einem US-Geheimdienstbericht, der am Tag nach bin Ladens Tod veröffentlicht wurde.

Die Strafverfolgungsbehörden in den USA wurden unterdessen angewiesen, Ermittlungen gegen mutmassliche Al-Qaida-Mitglieder erneut aufzurollen. Heimatschutzministerin Janet Napolitano kündigte verstärkte Kontrollen an den Flughäfen des Landes an. «Ich denke letztendlich werden wir nach seinem Tod sicherer sein», sagte US-Justizminister Eric Holder. «Kurzfristig haben wir aber ernsthafte Bedenken, auf die wir angemessen reagieren müssen.»

Die Kriege der USA

Es waren die Anschläge vom 11. September 2001, die die US-Streitkräfte und die Nato in Afghanistan einmarschieren liessen. Auch den Irak bezeichnete der damalige US-Präsident George Bush als «zentrale Front im Krieg gegen den Terror». Der Tod bin Ladens wird nach Einschätzung von Beobachtern jedoch kaum Einfluss auf das militärische Engagement der USA in diesen Konfliktregionen haben. Die Rückzugspläne stehen schon lange fest und dürften angesichts sinkender Zustimmungswerte in den USA auch fristgerecht umgesetzt werden.

Sollte die Regierung in Bagdad nicht um einen Aufschub bitten, werden die letzten 50'000 US-Soldaten bis zum Ende des Jahres den Irak verlassen. Für Afghanistan hat US-Präsident Barack Obama den Beginn des Truppenabzugs für kommenden Juli angekündigt. Noch steht nicht fest, wie viele der 100'000 US-Soldaten mit der ersten Tranche nach Hause zurückkehren, doch klar ist, dass die US-Streitkräfte immer mehr Verantwortung an die afghanischen Regierungstruppen abgeben wollen.

US-Innenpolitik

Als die Nachricht vom Tod bin Ladens in den USA eintraf, schnellten die Umfragewerte von Präsident Barack Obama in die Höhe. Obama hatte sich als Oberkommandierender bewiesen und war der ewigen Kritik der Republikaner, Demokraten seien in Fragen der nationalen Sicherheit zu weich, entschieden entgegen getreten. Der Präsident zeigte sich als starker und erfahrener Führer, der es versteht, ernsthafte Probleme zu lösen.

Beobachter gehen jedoch davon aus, dass das Umfragehoch nur von kurzer Dauer sein wird. Auf die Präsidentschaftswahl 2012 wird bin Ladens Tod wohl kaum einen Einfluss haben. Angesichts einer Arbeitslosenquote von über neun Prozent und einem Haushaltsdefizit von mehreren Billionen Dollar werden aussenpolitische Fragen im Wahlkampf kaum eine Rolle spielen. Die politischen Analysten in den USA sind sich weitgehend einig: Die Wahl 2012 wird mit Wirtschaftsthemen gewonnen.

Die amerikanische Stimmungslage

Als US-Präsident Barack Obama vor die Presse trat und den Tod bin Ladens verkündete, kam die Stunde der Patrioten. Überall im Land versammelten sich die Menschen, schwenkten das Sternenbanner und sangen die Nationalhymne. Vor dem Weissen Haus, auf dem New Yorker Times Square und an Universitäten skandierten sie «U-S-A» und «Wir haben ihn.» Doch aus dem Siegestaumel wurde schnell Nachdenklichkeit. Viele kritisierten, die Kundgebungen hätten zu sehr den Charakter von Partys gehabt und das Gefühl der Rache habe die Tugend der Vergebung verdrängt.

Vor allem die Familien der Opfer der Terroranschläge vom 11. September 2001 forderten Zurückhaltung. «Zu sagen, ich sei froh, dass er getötet wurde, erscheint mir seltsam und verstösst gegen meinen christlichen Glauben», sagte Deena Burnett Bailey, deren Ehemann in einem der entführten Flugzeuge ums Leben kam.

Für viele muslimische US-Bürger - in der Vergangenheit immer wieder unter Generalverdacht gestellt - war der Tod bin Ladens hingegen ein echter Befreiungsschlag. In der Stadt Deaborn im US-Staat Michigan gingen zahlreiche Muslime auf die Strassen, schwenkten Fahnen und jubelten. «Osama bin Laden ist tot», schrieb die palästinensisch-stämmige Linda Sarsour auf der Internetplattform Twitter. «Gut - kann ich jetzt meine Identität zurück haben?» (kpn/dapd)

Erstellt: 08.05.2011, 18:27 Uhr

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