«Die Asylbewerber sind keine Gefangenen»

Im Kreuzlinger Empfangszentrum sollen fast 90 Prozent der Asylbewerber abtauchen. Die Thurgauer Sicherheitsdirektorin Cornelia Komposch-Breuer (SP) bezweifelt dies.

Empfangszentrum Kreuzlingen: Laut Bund sollen hier bis zu 90 Prozent der Asylbewerber abtauchen. Bild: Gian Ehrenzeller / Keystone

Empfangszentrum Kreuzlingen: Laut Bund sollen hier bis zu 90 Prozent der Asylbewerber abtauchen. Bild: Gian Ehrenzeller / Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Laut von der «SonntagsZeitung» gestern veröffentlichten internen Dokumenten des Staatssekretariats für Migration (SEM) tauchen 50 bis 90 Prozent der Asylbewerber in der Schweiz unter. Waren Ihnen diese Zahlen bekannt?
Nein, das habe ich aus der Presse erfahren.

Während im St. Galler Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) Altstätten 50 Prozent ihr Gesuch zurückziehen oder einfach abtauchen würden, sind es im Thurgauer EVZ 80 bis 90 Prozent. Wie erklären Sie sich diesen sehr hohen Prozentsatz?
Zuerst einmal ist es durchaus plausibel, dass viele Flüchtlinge untertauchen und dass sich dieser Trend in letzter Zeit gar verstärkt hat. Aber 50 bis 90 Prozent sind unwahrscheinlich hoch. Unabhängig davon tauchen in Kreuzlingen grundsätzlich mehr Menschen ab, weil dieser Ort unmittelbar an der deutschen Grenze liegt.

Haben Sie eigene Zahlen?
Nein, ich muss nun mit dem SEM und dem EVZ Kreuzlingen Rücksprache halten. Meines Wissens hat Kreuzlingen die publizierten Zahlen gestern stark angezweifelt.

Im August reisten täglich bis zu 20 Asylsuchende illegal von der Schweiz nach Deutschland. Das veranlasste den Konstanzer Landrat Frank Hämmerle zur Aussage, dass die Schweizer Grenzwache den Grenzübergang zu Deutschland nur ungenügend kontrolliere. Hat sich die Situation mittlerweile beruhigt?
Der Druck an der Schweizer Südgrenze ist anhaltend hoch. Dies spüren alle Empfangs- und Verfahrenszentren. Es ist deshalb gut möglich, dass mittlerweile noch mehr Asylsuchende illegal nach Deutschland ausreisen. Wir tun unser Möglichstes und arbeiten auch gut mit den Deutschen zusammen. Aber bei allem Verständnis für die Sorgen von Landrat Frank Hämmerle ist es grundsätzlich die Aufgabe Deutschlands, seine Grenzen ausreichend zu kontrollieren.

Wurden denn nicht wie gefordert unterdessen Schweizer Grenzwächter von der Süd- an die Nordgrenze verlegt?
Nein, es geschieht genau das Umgekehrte: Wir mussten vom Ostschweizer Grenzwachtkorps Personal ins Tessin verlegen.

Spürt der Thurgau das Abtauchen, oder zieht es die Untergetauchten in die städtischen Zentren?
Nein, wir haben keine Statistik zu den Sans-Papiers. Die meisten der Abgetauchten reisen aber wahrscheinlich nach Deutschland aus.

Muss man das massenhafte Abtauchen angesichts der europäischen Flüchtlingskrise einfach hinnehmen, oder sehen Sie andere Lösungsmöglichkeiten?
Die Asylbewerber sind keine Gefangenen, sie können während der Öffnungszeiten das Zentrum verlassen. Abgesehen davon, sind uns angesichts der personellen Ressourcen die Hände gebunden. Grundsätzlich müsste Europa das Problem gemeinsam angehen und Dublin konsequent anwenden. Aber danach sieht es nicht aus: Die einzelnen Länder verschärfen die Grenzüberwachung und schauen damit in erster Linie für sich.

Ist eine Internierung von abgewiesenen Flüchtlingen denkbar?
Nein, das ist eine schlechte Idee. Und wo würde man diese Einrichtung aufstellen und mit welchen Mitteln? Die Lösung ist und bleibt Dublin, wonach jenes Land für einen Asylbewerber zuständig ist, in dem dieser erstmals die EU betreten hat.

Erstellt: 05.09.2016, 14:46 Uhr

Cornelia Komposch-Breuer, Sicherheitsdirektorin des Kantons Thurgau
Bild: Walter Bieri/Keystone

Artikel zum Thema

Bis zu 90 Prozent der Flüchtlinge tauchen ab

In der Schweiz verlassen viele Asylsuchende die Asylzentren wieder, andere kommen nie dort an. SVP-Politiker Rösti befürchtet ein Sicherheitsrisiko. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Paid Post

Verstehen Sie Ihre Arztrechnungen?

Sie wollen wissen, was genau auf Ihrer Arztrechnung steht? Kein Problem – lassen Sie es sich einfach im Kundenportal des Gesundheitsversicherers Atupri übersetzen.

Die Welt in Bildern

Fast wie auf der Titanic: Ein Liebespaar betrachtet die untergehende Sonne im untergehenden Venedig (17. November 2019).
(Bild: Luca Bruno) Mehr...