Die Bauern kämpfen ums Wasser

Die Schweizer Landwirtschaft ist für den Klimawandel schlecht gerüstet. Sie wird in Zukunft ein Mehrfaches an Wasser brauchen. Jetzt soll eine Klimastrategie die negativen Auswirkungen der Trockenheit abfedern.

Anhaltenden Trockenheit: Ein Gemüsefeld im zürcherischen Rafz wird Mitte April bewässert.

Anhaltenden Trockenheit: Ein Gemüsefeld im zürcherischen Rafz wird Mitte April bewässert. Bild: Keystone

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Beim Bundesamt für Landwirtschaft hat man den Ernst der Lage erkannt: Seit über einem Jahr brüten die Experten in Bern über einer Klimastrategie, die dem Bundesrat demnächst vorgelegt wird. So könnte beispielsweise wegen des erwarteten Temperaturanstiegs der Ackerbau künftig vermehrt in den in der Regel wasserreicheren Alpentälern statt im Mittelland betrieben werden. Ähnliches gilt für die Viehzucht.

Für die Experten steht fest: Die Schweizer Landwirtschaft muss sich den möglicherweise einschneidenden Folgen des Klimawandels in vielen Bereichen anpassen. Veraltete Bewässerungsanlagen, zu wenige trockenheitsresistente Pflanzen und zum Teil ungünstige Produktionsstandorte machen den Bauern schon heute zu schaffen. Der Zeitpunkt für die Vorschläge aus dem Bundesamt könnte besser nicht sein. Die Trockenheit dieses Frühlings zeigt, wie akut das Problem für die Landwirtschaft dereinst wohl werden wird. In einzelnen Kantonen wie der Waadt oder Freiburg ist das Wasser jetzt bereits derart knapp, dass Bauern das kostbare Gut mit Zisternenwagen zu den Kühen bringen müssen. In anderen Kantonen befürchtet man wegen der Trockenheit Ernteausfälle. Weil das Wasser fehlt, können die Pflanzen nicht richtig wachsen.

Die Keime verdorren

«Die Lage ist noch nicht dramatisch, aber ernst», sagt Hans Rüssli vom Schweizerischen Bauernverband. So drohen die Keime der Zuckerrüben wegen der trockenen Böden in einzelnen Gebieten zu verdorren. Das gleiche Szenario blüht dem Mais. Beim Obst werden sich Ertragsausfälle erst im nächsten Jahr bemerkbar machen, weil das fehlende Wasser dazu führt, dass die Bäume keine Nährstoffreserven für die nächsten Blütenknospen bilden können. «Wir hoffen auf Regen», sagt Rüssli – und spricht den Bauern aus den Herzen.

Sicher ist: Der Wasserbedarf der Landwirte wird unabhängig von der aktuellen Trockenheit in Zukunft enorm ansteigen, wie Schätzungen der eidgenössischen Forschungsanstalt Agroscope eindrücklich belegen. Werden derzeit rund 60'000 Hektaren Landwirtschaftsland bewässert, so wird sich diese Fläche wegen des Klimawandels längerfristig versiebenfachen – das sind bis zu 15 Prozent des gesamten Wasserverbrauchs der Schweiz. Der Wasserbedarf der Bauern würde damit im internationalen Vergleich keine Rekorde schlagen, aber dennoch Umwälzungen mit sich bringen.

Dies bestätigt Andreas Schild, Boden- und Bewässerungsexperte beim Bundesamt für Landwirtschaft. «Die Wasserverteilung wird ein grosser Schauplatz in der Zukunft – auch in der Schweiz.» Auseinandersetzungen sind programmiert: Die Bauern müssen sich dabei gegen zahlreiche Interessengruppen wie Fischer, Wasserkraftwerkbetreiber, Naturschützer oder den Tourismus durchsetzen. Aufgrund der vorgeschriebenen Restwassermengen können Flüsse, Bäche und das Grundwasser nicht beliebig für die Bewässerung der Äcker und Wiesen angezapft werden.Das Wasser wird für die Landwirtschaft auch ein nicht zu unterschätzender Kostenfaktor, der sich auf die Produktepreise niederschlägt. «Die Felder bewässern ist in Zeiten von Trockenheit eine sehr teure Massnahme. Das war schon im Hitzesommer 2003 so. Wegen der noch geringeren Niederschläge dieses Jahr werden die Kosten eher noch stärker steigen», sagt Experte Schild.

«Zeit des Verprassens ist vorbei»

Die Bauern müssen aber nicht überall gleich viel fürs Wasser bezahlen: Während einzelne Kantone bis zu einem Franken pro Kubikmeter Wasser verlangen, erheben andere Kantone lediglich indirekte Gebühren. Die Zeit des Verprassens sei vorbei, sagt Bauernpräsident Hansjörg Walter und liegt damit auf einer Linie mit Umweltschutzorganisationen und Hilfswerken.

«Wasser soll nicht gratis sein. Die Nutzer gehen sparsamer damit um, wenn es etwas kostet. Das gilt für Trinkwasser ebenso wie für die Bewässerung», sagt Stefan Stolle von der Entwicklungsorganisation Helvetas, die sich weltweit mit der Problematik landwirtschaftlicher Bewässerung auseinandersetzt. Es könne keine Lösung sein, aufgrund des steigenden Wasserbedarfs für die Landwirtschaft in der Schweiz, die Produktion aus Kostengründen einfach ins Ausland zu verlagern. «Tomaten aus Marokko und Kartoffeln aus Ägypten zu importieren, ist ein Unsinn.» Das Wasser sei in Nordafrika bereits heute ein sehr rares Gut. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.04.2011, 21:18 Uhr

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