«Die Behörden leiden am Schweinegrippe-Syndrom»

Aviatik-Experte Max Ungricht kritisiert die Verlängerung der Luftraumsperre. Er glaubt, dass auf die Flugsicherheitsbehörden noch so einiges zukommen könnte.

«Es sind allein Meteorologen und Beamte, welche das Verbot verfügt haben»: Swiss-Maschine auf dem Flughafen Genf-Cointrin.

«Es sind allein Meteorologen und Beamte, welche das Verbot verfügt haben»: Swiss-Maschine auf dem Flughafen Genf-Cointrin. Bild: Keystone

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Herr Ungricht, soeben hat das Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) die Luftraumsperre bis Montag 14 Uhr verlängert. Was halten Sie davon?
Die Flugsicherungsbehörden müssen den Weg weitergehen, den Sie eingeschlagen haben. Sie haben nun einmal die Flugsperre verfügt. Da sich die Grosswetterlage nicht verändert hat, ist es nur konsequent, wenn sie die Sperre aufrechterhalten.

Fluggesellschaften wie Air Berlin stellen das Flugverbot in Frage und kritisieren, dass dieses auf Computersimulationen beruhe statt auf konkreten Messergebnissen.
Die Kritik ist berechtigt. Es sind allein Meteorologen und Beamte, welche das Verbot verfügt haben. Die Fachleute der Flugzeughersteller, insbesondere auch der Triebwerkproduzenten, wurden dagegen nicht konsultiert. Ich gehe davon aus, dass die Behörden am Schweinegrippe-Syndrom leiden: Jeder macht es dem anderen nach, ohne dass man selber über eine genügende Grundlage verfügt, die ein Flugverbot rechtfertigen.

Ist angesichts der möglichen Gefahren das Risiko nicht viel zu gross, die Luftraumsperre aufzuheben?
Die Fliegerei ist stark überreguliert. Ich bemängle, dass man der Eigenverantwortung nicht mehr Platz einräumt. Denkbar wäre doch auch, dass die Fluggesellschaften selber entscheiden könnten, ob sie die Verantwortung übernehmen wollen oder nicht. Ich spreche hier insbesondere über Destinationen im Süden und Osten.

Die europäischen Behörden handeln nach dem «Safety first»-Gebot in der Fliegerei. Ist Ihnen das zu verübeln?
Nein. In Nordeuropa ist die Sperre auch berechtigt. Dort ist die Konzentration an Aschepartikeln viel höher als bei uns. Und unbestritten ist auch, dass die Asche für den Flugbetrieb sehr gefährlich sind. Das zeigen genügend Beispiele aus der Vergangenheit, dass Vulkanasche zu Triebwerksausfällen oder zur Störung anderer Systeme führen kann. Trotzdem bin ich der Überzeugung, dass die Sperre hier in der Schweiz voreilig ist. Zumal diese nicht auf Messungen beruht, sondern auf theoretischen Annahmen.

Wie werden die Fluggesellschaften auf die Verlängerung der Sperre reagieren?
Sie werden den Druck auf die Luftfahrtbehörden mit Sicherheit erhöhen. Sie werden darauf hinweisen, dass sie happige Schadenersatzforderungen stellen werden, wenn sich später herausstellen sollte, dass das Verbot nicht nötig gewesen wäre. Das müssen sich die Behörden bewusst sein. Stellen Sie sich vor, das Bazl müsste diese Forderungen der Airlines berappen. Da könnte so einiges auf die Flugsicherung zukommen.

Wie gross sind denn die Kosten, die der Swiss aus der Sperre erwachsen?
Ich habe vor zwei Wochen mit Wolfgang Mayrhuber, dem Vorstandsvorsitzenden der Lufthansa, gesprochen. Er hat erklärt, dass es die Lufthansa 15 Millionen Euro im Tag kostet, wenn die Flugzeuge am Boden bleiben müssen. Gemessen an der Grösse der Flotte hiesse das, dass der Swiss pro Tag etwa 10 Millionen Euro Umsatz entgehen. Dazu kommen weitere, massive Folgekosten.

Abschlussfrage: Messungen des Flugmessungsunternehmens Metair haben ergeben, dass die Aschewolke auf 2000 Meter gesunken ist. Würden Sie selber noch in ein Privatflugzeug steigen? Ja, auf jeden Fall. Das Bazl erlaubt ja auch Flüge unter Sichtflugbedingungen weiterhin. Auch wenn man die Aschepartikel natürlich nicht sieht. Es ist allerdings anzumerken, dass selbst bei einer kleiner Konzentration von Partikeln schnell fliegende Maschinen pro Zeiteinheit einer viel grösseren Anzahl von Partikeln ausgesetzt sind. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.04.2010, 14:01 Uhr

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«Die Luftraumsperre in der Schweiz ist voreilig»: Aviatik-Experte Max Ungricht. Er ist Chefredaktor der Fachzeitschrift «Cockpit».

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