Die Berglerin, die gerne rechnet

Sie sei so konsequent zurückgetreten, wie sie mitregiert habe, und sie habe als Rechnerin entschieden: Bündner Stimmen zum Rücktritt von Eveline Widmer-Schlumpf.

Politik im Blut: Eveline Widmer-Schlumpf (l.) 1979, zusammen mit ihrer Mutter bei der Wahl ihres Vaters Leon Schlumpf in den Bundesrat. Foto: Arno Balzarini (Keystone)

Politik im Blut: Eveline Widmer-Schlumpf (l.) 1979, zusammen mit ihrer Mutter bei der Wahl ihres Vaters Leon Schlumpf in den Bundesrat. Foto: Arno Balzarini (Keystone)

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Im Heimatkanton reagiert man mit Verständnis und ohne Überraschung auf den angekündigten Abgang von Eveline Widmer-Schlumpf. Das gilt auch für den Mann, der ihre Wahl zur Bundesrätin vor acht Jahren organisieren half, geheim zu halten wusste und dann durchbrachte: den ehemaligen SP-Nationalrat Andrea Hämmerle.

Wie beurteilt er den Zeitpunkt von Widmer-Schlumpfs Abgang? Er reagiere mit persönlichem Verständnis und politischem Bedauern, sagt er. Die Bundesrätin habe acht Jahre lang einem enormen Druck standhalten müssen und ihre Arbeit trotzdem gut gemacht. Politisch bedaure er ihren Abgang, «weil sie als Bundesrätin sachlich politisierte, konstruktiv, ausgewogen im guten Sinn».

Dass Widmer-Schlumpf mit ihrem groben Führungsstil schlecht ankam und auch im Bundesrat immer wieder für Spannungen sorgte, will er nicht gelten lassen. Ersteres führt er auf die ersten schwierigen Jahre im Justizdepartement zurück, Letzteres vergleicht er mit der Ära Blocher-Couchepin-Leuenberger; die wünscht er sich nicht wieder. Was die Nachfolge betrifft, ist für den Sozialdemokraten klar: «Wer immer auf sie folgt, wird es schwer haben.»

«In allem eine Rechnerin»

Sie sah sich von Anfang an starkem Druck ausgesetzt. Es gebe für sie nur einen Weg, forderte Andrea Masüger, damals Chefredaktor der «Südostschweiz», und sein Ausrufezeichen klang wie ein Befehl: «Ja, ich will!» Das war am 13. Dezember 2007. Am Vortag war Christoph Blocher abgewählt und Widmer-Schlumpf an seine Stelle geschoben worden. Sie hatte sich einen Tag Bedenkzeit erbeten. Dann wolle sie bekannt geben, ob sie die Wahl annehmen würde. Wer sie kannte, wusste genau, dass und wie sehr sie wollte.

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Das wusste auch Masüger selber, der Bündner Publizist. Für ihn passt die Art von Widmer-Schlumpfs Rücktritt zur Art ihrer Wahl und erst recht zu ihrer Wiederwahl. «Sie ist in allem eine Rechnerin», sagt er. «Vor acht Jahren spielte sie auf kalkuliertes Risiko und gewann, auch vor vier Jahren schätzte sie ihre Wiederwahl als realistisch ein. Und erkennt jetzt ebenso richtig, dass sie nicht den Hauch einer Chance hat, wiedergewählt zu werden. Darum geht sie im bestmöglichen Moment. Damit kann sie auch bei ihrem Abgang noch gewinnen. Eine Rechnerin, wie ich sagte.»

Für die von der SVP abgesplitterte Partei, die BDP, kommt der angekündigte Abgang ihrer Bundesrätin einem Ende auf Raten gleich. Wie soll diese Kleinstpartei, die soeben zwei ihrer neun Sitze verloren hat, ihre verbleibenden in vier Jahren verteidigen können? Eine Partei, die ihre Existenz und ihren Einfluss Widmer-Schlumpf zu verdanken hatte und die nur in drei Kantonen wichtig ist, nämlich Graubünden, Bern und Glarus. Hansjörg Hassler, ehemaliger Nationalrat der BDP, macht keine Anstalten, die Zukunft seiner Partei zu beschönigen. Es werde «sehr schwierig». Eveline Widmer-Schlumpf habe «mit ihrer Kompetenz, Präsenz und Ausstrahlung die Partei im ganzen Land vertreten», sagt er, mehr noch: «Sie war die personifizierte Partei.»

Wie weiter ohne sie?

Darin sieht Hassler das einzig Positive: Die BDP müsse sich jetzt neu orientieren und aus eigener Kraft bestehen. Eine Wiederannäherung an die SVP hält er für ausgeschlossen. Dass sich die Mitteparteien BDP, GLP und CVP trotz mehreren Versuchen nicht finden konnten, bedauert er. Vage hofft er darauf, dass es neue Gespräche geben werde.

Für Stefan Engler, den Bündner CVP-Ständerat, tut sich Widmer-Schlumpf mit ihrem Rücktritt selber den grössten Gefallen. Acht Jahre im Bundesrat und zuvor neun Jahre im Regierungsrat, das nütze doch sehr ab. «Nach so vielen Widerständen kann ich mir vorstellen, dass sie ins persönliche Lebensglück zurückfinden wird», sagt er; sie sei ein Familienmensch mit vielen Interessen.

Ein alpiner Charakter

Schlussfrage an die Bündner Männer: Was ist das spezifisch Bündnerische an der abtretenden Bundesrätin, oder lässt sich das in einer Zeit von Intercity und Globalisierung gar nicht mehr lokalisieren? Andrea Masüger nimmt sie als einen alpinen Charakter wahr: «konsequent bis zur Sturheit, unnahbar wirkend, aber ausgesprochen umgänglich in einer vertrauten Umgebung.» Hansjörg Hassler nennt ihre Volksnähe, «sie hat es gut mit der Bevölkerung, gerade mit den sogenannt einfachen Menschen. Sie weiss, woher sie kommt, Bern war nie ihre Heimat.»

Andrea Hämmerle mag sich erst nicht auf solchen Lokalkolorit einlassen, lässt sich aber folgende Aussage abringen: «bodenständig, trocken, mit einem speziellen Humor.» Stefan Engler schliesslich spricht von «ihrer Fähigkeit, äusserem Druck standzuhalten».

Erst dem Druck der Berge. Und dann den Bergen gedruckten Papiers.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.10.2015, 21:28 Uhr

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