«Die Bestie» soll verschrottet werden

Die Schweizer Armee will alle Geschütze der Festungsartillerie entsorgen — die letzte Hardware des legendären Réduits.

Guy Parmelin im Interview: Die Armee verkauft alte Kanonen und kauft dafür Rega-Jets. (Video: Tamedia/SDA)

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Die Soldaten nannten sie «die Bestie»: die mächtigste Kanone, welche die Schweizer Armee je hatte. Reichweite: 40 Kilometer. Feuergeschwindigkeit: Fünf Stahlgranaten in 25 Sekunden. Wieviele «Bestien» es gibt: geheim. Wo sie stationiert sind: offiziell geheim klassifiziert, auch heute noch. Bekannt ist nur, dass seit 2011 kein Bison — so der offizielle Name des Monstergeschützes – mehr einen Schuss abgefeuert hat. Im gleichen Jahr leisteten auch die letzten Kanoniere der Festungsartillerie ihren letzten WK, dann wurde die Truppe aufgelöst. In der Einsatzdoktrin der Armee spielen die Bisons schon seit Jahren keine Rolle mehr. Doch sie sind immer noch da, tief eingebunkert in ihren Stellungen in den Alpen. Eingemottet und minimal unterhalten. Um die «Bestie» im Fall aller Fälle reaktivieren zu können.

Doch jetzt schliesst der Bundesrat auch dieses, das allerletzte Kapitel. Am Mittwoch hat er entschieden, dem Parlament die Verschrottung aller Bison-Geschütze zu beantragen. Ausser Dienst gestellt werden soll auch das zweite noch vorhandene Waffensystem der Festungsartillerie: die 12cm-Festungsminenwerfer.

Ein Bison-Geschützbunker im Rheintal. (Archiv) Bild: Wikimedia

Das Ende der Bisons und Minenwerfer hat eine historische Dimension. Es ist der finale Schlussstrich für die gesamte Schweizer Festungsartillerie und damit die letzte Hardware des Réduit-Konzepts, entwickelt von General Henri Guisan im Zweiten Weltkrieg. Das Réduit — das war die Idee, dass die Schweizer Armee einen potentiellen Agressor aus Alpen-Festungen heraus mit schweren Waffen bekämpfen würde.

«Für die Armee nutzlos»

Bei der Festungsartillerie handle es sich um ein Überbleibsel «aus dem Kalten Krieg», sagte Verteidigungsminister Guy Parmelin am Mittwoch vor den Medien — eine Aussage, die für den Bison so nicht ganz stimmt, wurde er doch erst Ende der 1990-er Jahre hergestellt - in Schweizer Eigenproduktion.

Blick von innen: Eine 15,5 cm Festungkanone. Foto: Keystone / Gaetan Bally

Parmelins Departement begründet die Verschrottung der letzten Festungskanonen mit der geänderten Bedrohungslage. Ein mechanisierter Angriff drohe nicht mehr, zudem seien die Bunker der Bisons und Minenwerfer gegen moderne Präzisionslenkwaffen sowieso nicht mehr genügend geschützt.

Zwar hat das VBS geprüft, ob es die Festungsgeschütze weiter in Stand halten soll, um sie notfalls eines Tages wieder aktivieren zu können. Doch dies sei «aus heutiger Sicht nicht sinnvoll und für die Armee nutzlos». Selbst für eine minimale Instandhaltung müssten bis 2025 über 50 Millionen Franken investiert werden, hält das VBS fest.

Armee soll kein Museum unterhalten

Das VBS will nicht nur sämtliche Festungsgeschütze ausmustern, sondern auch andere grosse Waffensysteme. Von den veralteten Tiger-Kampfjets will es nur noch 26 behalten. Weitere 23, die schon heute nur noch am Boden stehen und Unterhaltskosten verursachen, will es womöglich verkaufen. Laut VBS hat unter anderem die US Navy an den Tigern Interesse gezeigt. Ebenfalls definitiv aufgegeben will die Armee alle 98 noch vorhandenen Panzerjäger vom Typ Piranha. Ihre Panzerung entspreche heutigen Anforderungen nicht mehr und ihre Panzerabwehrlenkwaffe sei veraltet, so das VBS.

Ebenfalls entsorgt oder verkauft werden sollen 162 Panzerhaubitzen und 58 Munitionstransportwagen der mobilen Artillerie, die seit Jahren in Flugzeugkavernen im Wallis eingemottet sind. Total, sagte Parmelin, könne die Armee durch die Ausserdienststellungen jährliche Unterhaltskosten von 5,5 Millionen Franken sparen.

Seit Inkrafttreten des neuen Militärgesetzes entscheidet seit Anfang Jahr aber nicht der Bundesrat, sondern das Parlament über die Ausserdienststellung von Waffensystemen. Ob es dort gegen die Verschrottungspläne des VBS Widerstand geben wird, ist derzeit offen. SVP-Nationalrat Thomas Hurter sagt, es mache sicher «keinen Sinn, dass die Armee ein Museum unterhält». Man müsse die einzelnen Waffensysteme aber noch genau anschauen. CVP-Ständerat Isidor Baumann gibt zu bedenken, dass die Ausserdienststellung beispielsweise der Panzerjäger nur dann sinnvoll sei, wenn man auch in Zukunft keine Panzerjäger mehr beschaffen wolle. Denn wie solle man sonst später eine Neubeschaffung begründen, wenn es jahrelange auch ohne gegangen sei?, fragt Baumann.

«Lächerlich tiefe» Unterhaltskosten

Die militärischen Verbände reagieren gespalten. Die Schweizerische Offiziersgesellschaft (SOG) könne «mit den Ausserdienststellungen leben», weil damit Unterhaltskosten gesenkt würden, sagt Präsident Stefan Holenstein. Gleichzeitig erwarte die SOG vom VBS aber, dass es jetzt auch die nötigen Ersatzbeschaffungen rasch vorantreibe.

Willi Vollenweider, Präsident der VBS-kritischen Gruppe Giardino, hat nichts gegen den Verkauf der veralteten Tiger-Flugzeuge einzuwenden. Bei der Festungsartillerie seien die Unterhaltskosten, die das VBS geltend mache, jedoch «lächerlich tief» im Vergleich mit dem Wert dieser Waffensysteme. Heute könne niemand wissen, wie die Sicherheitslage sich verändere und ob bei der nächsten Armeereform die Festungsartillerie auf einmal wieder eine Rolle spiele, sagt Vollenweider. «Es ist darum ein grosser Fehler, jetzt ohne Not ganze Waffensysteme fortzuwerfen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.02.2018, 19:23 Uhr

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