Interview

«Die Chinesen vergessen nichts»

Die Schweiz und China hätten unbekannte Gemeinsamkeiten, findet der Schweizer Sinologe Harro von Senger. Er sagt, was China an der Schweiz bewundert – und ob eine List hinter dem Freihandelsabkommen steckt.

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Bundespräsident Ueli Maurers Besuch in Peking scheint sehr harmonisch zu verlaufen. Wieso können es die Schweiz und China so gut miteinander?
Die Schweiz traf 1950 eine Entscheidung, die sich langfristig sehr positiv ausgewirkt hat. Als einer der ersten Staaten anerkannte sie das Regime von Mao Zedong. Die Chinesen vergessen nichts – und zwar weder bei ihren Feinden noch bei ihren Freunden.

Wird es sich also auszahlen, dass die Schweiz als erstes europäisches Land ein umfassendes Freihandelsabkommen mit China abschliesst?
Wenn es gut läuft, sicher. Sollten aber Probleme auftauchen oder Einwände aus der Wirtschaft kommen und das Abkommen am Ende gar in einer Abstimmung bachab geschickt werden, käme dies sicher nicht gut an. Wenn es funktioniert, ist es hingegen ein Pluspunkt.

Mit welcher Reaktion müsste die Schweiz rechnen?
Peking wäre erstaunt. Es würde als Gesichtsverlust gewertet, wenn die kleine Schweiz dem grossen China eine Absage erteilt. Die Chinesen würden zu verstehen versuchen, was passiert ist. Sie möchten den Westen ja unbedingt verstehen: Sie wollen das Geheimnis der Modernität ergründen und versuchen herauszufinden, wieso wir so sind, wie wir sind. Es werden ja auch viel mehr Bücher aus westlichen Sprachen ins Chinesische übersetzt als umgekehrt.

Wenn es bei einem Besuch wie dem von Ueli Maurer heisst, man könne viel voneinander lernen, sind dies nicht nur symbolische Worte?
Ich glaube nicht. China hat sich das Ziel einer sozialistischen Modernisierung bis 2049 gesetzt. Bis dann wollen sie so modern werden wie die westlichen Staaten. Das grosse Vorbild ist natürlich Amerika, das geriet in den letzten Jahren vielleicht aber etwas ins Wanken. Die Schweiz ist für die Chinesen sicher in vielem ein Modell: Sie wollen wohnen wie wir, Strassen bauen wie wir und so innovativ sein wie wir. Im Schweizerischen Institut für Rechtsvergleichung empfangen wir immer wieder chinesische Juristendelegationen. Diese bringen ganz konkrete Fragen mit, wollen etwa wissen, wie in der Schweiz die ­Mediation geregelt ist.

Primär geht es zwischen der Schweiz und China um handfeste wirtschaftliche Interessen. Kann der Schweizer Bundespräsident dem chinesischen Staatspräsidenten auf Augenhöhe begegnen?
Offiziell sagt China immer, alle souveränen Staaten seien gleich, so wie es in der UNO-Charta festgehalten ist. Was die Regierungsvertreter tatsächlich denken, kann ich nicht sagen. Sie werden sich aber sicher bemühen, Bundespräsident Maurer den Eindruck zu vermitteln, man bewege sich auf Augenhöhe. Wie viel Bedeutung die chinesische Führung einem Besuch beimisst, zeigt sich am Ende indirekt. Als Bundespräsidentin Doris Leuthard vom obersten Parteichef in China begrüsst wurde, stand das Foto danach auf der ersten Seite der Überseeausgabe der Renmin Ribao, der Volkszeitung, die das Sprachrohr der kommunistischen Partei ist. Allerdings zeigte auch das Foto darüber den Parteichef – zusammen mit dem simbabwischen Präsidenten Robert Mugabe. Damit zeigte China: Wir solidarisieren uns mit dem Süden. Offiziell sagt China ja immer, es sei das grösste Entwicklungsland.

Sie haben sich intensiv mit der List als chinesische Handlungsstrategie beschäftigt. Könnte es sein, dass uns China mit dem Freihandelsabkommen vordergründig etwas Gutes verkauft hat, am Ende aber für sich mehr Vorteile herausgeholt hat?
Die List ist tatsächlich ein Element der chinesischen Diplomatie. Aber man muss die chinesische Kunst der Planung als Ganzes betrachten. Die Chinesen handeln zunächst offen und transparent. Wenn sie das Gefühl haben, etwas damit nicht zu erreichen, können sie zur List greifen. Man kann sich das wie beim Yin-Yang-Symbol vorstellen, wo sich Weiss und Schwarz ergänzen. Nach allem was ich weiss, bewegt sich das Freihandelsabkommen im weissen Bereich. Auch die Schweiz wendet übrigens manche List erfolgreich an.

Zum Beispiel?
Eine wichtige List der Schweizer Diplomatie kennt China als «das Feuer am gegenüberliegenden Ufer beobachten». Das kann als eine Umschreibung der Neutralität angesehen werden. Auch Friedrich Dürrenmatt bezeichnete diese einmal als List. Die Nichteinmischung ist eine Gemeinsamkeit zwischen den beiden Ländern. Die EU-Mitgliedschaft wäre China wohl zwar eher egal, als Nato-Mitglied würde sie die Schweiz aber sicher weniger schätzen. Auch unsere Armee wird immer gelobt, der Schweizer Wehrwillen wird hoch geachtet. Die Schweiz hat oft mit List gesiegt, beispielsweise gegen die Habsburger. Die Idee, dass eine kleine Armee mit List eine grosse besiegen kann, kommt in China sehr gut an.

Was Sie sagen, gefällt Bundespräsident Maurer sicher. Er betont ja selber auch die Gemeinsamkeiten: Schweizer wie Chinesen seien arbeitsam, bescheiden und fleissig. Aber stimmt das wirklich?
Wenn wir Schweizer als fleissig bezeichnen, dann sind Chinesen wohl ebenfalls fleissig – auch wenn es natürlich ebenso faule Chinesen gibt, wie faule Schweizer. Man spricht zudem von der Konsenskultur der Schweiz – man will nicht gerne streiten. Dasselbe sagt man manchmal auch über Chinesen. Gewisse Gemeinsamkeiten sind hingegen weniger bekannt. Ein kleines, aber vielleicht nicht völlig unwichtiges Beispiel ist die Achtung der Sprachenvielfalt. Auf jeder chinesischen Banknote steht «Bank of China» in chinesischen Schriftzeichen und in westlicher Umschrift – aber auch auf Mongolisch, Tibetisch, Uigurisch und Zhuang. Ähnlich sprachenreich sind die Schweizer Banknoten.

Gerade für den Umgang mit Minderheiten und die Missachtung der Menschenrechte steht China aber stets in der Kritik.
Dabei besteht gerade hier auch eine ganz überraschende Gemeinsamkeit. Im UNO-Menschenrechtsrat sind die Schweiz und China überwiegend gleicher Meinung. Ich habe die zwischen 2006 und 2010 verabschiedeten Resolutionen untersucht. 209 wurden «without a Vote», also ohne Dissens, angenommen – nur in 77 Fällen gab es eine Kampfabstimmung. Das Menschenrecht auf Nahrung und jenes auf Entwicklung sind aus Sicht der Volksrepublik China sehr wichtige Menschenrechte, die auch die Schweiz im Menschenrechtsrat unterstützt – was aber nie erwähnt wird. Nun wird beim Freihandelsabkommen der fehlende Verweis auf die Menschenrechte kritisiert. Dabei könnte man argumentieren, das ganze Abkommen diene dem – von der Schweiz anerkannten – Menschenrecht auf Entwicklung.

Erstellt: 18.07.2013, 23:47 Uhr

Harro von Senger ist emeritierter Professor für Sinologie an an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg im Breisgau. Der studierte Jurist verbrachte als einer der ersten Ausländer einen Studienaustausch in China und publizierte unter anderem über das chinesische Rechtssystem und Menschenrechtsfragen. Ausserdem ging er der chinesischen Kunst der Planung nach, welche unter anderem auf den 36 Strategemen beruht, einer Sammlung von Listen aus der chinesischen Kriegslehre. Sein Buch «Die Klaviatur der 36 Strategeme» erscheint im September 2013. (Bild: zvg)

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