Experimente

Die Experimente von Münsterlingen

Walter Nowak erhielt in den frühen 1970er-Jahren nicht zugelassene Substanzen verschrieben. Er war vermutlich nicht der Einzige.

Zuerst kommt die Diagnose, dann das Medikament: Früher war die Reihenfolge oft umgekehrt. (11. Dezember 2008)

Zuerst kommt die Diagnose, dann das Medikament: Früher war die Reihenfolge oft umgekehrt. (11. Dezember 2008) Bild: Keystone

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Walter Nowak war 13 Jahre alt, als er in der Psychiatrischen Klinik in Münsterlingen TG zum ersten Mal psychiatrisch untersucht wurde. Man schrieb den 5. März 1970. In den Monaten zuvor hatten die Schulleistungen des Knaben, Einzelkind eines geschiedenen Ehepaars und wohnhaft im Erziehungsheim des Klosters Fischingen, stark nachgelassen. Er schlief schlecht ein, war tagsüber müde, unkonzentriert und vergesslich. Dem Psychiater sagte der Junge, er habe in der Nacht manchmal Angstträume, in der Schule könne er nicht aufpassen, weil er «immer an daheim denke», wie es in seiner Krankenakte heisst, die dem TA vorliegt.

Die Diagnose des Psychiaters: «Verminderung der Schulleistungen in den letzten Monaten». Die Medikation: «3×1 von den beiliegenden Tabletten», genannt «G 35'259» zu 25 Milligramm. Wenn der Junge diese «gut erträgt und davon nicht zu aufgeregt oder zapplig wird», könne man die Dosis auf dreimal zwei Tabletten am Tag steigern, schreibt der Psychiater am Tag nach der Erstbehandlung in einem Brief an den Direktor von Fischingen. Als Ursache für die verminderten Schulleistungen vermutet der Arzt, dass «gegenwärtig bei dem Patienten eine depressive Verstimmung vorliegt». Es sei «natürlich möglich, dass unerfreuliche Erlebnisse diese depressive Störung ausgelöst haben». Brisant: Nowak wurde in der Internatsschule Fischingen nach eigenen Angaben von Pater S. sexuell und körperlich missbraucht, wie der TA publik machte. Dieser bestreitet die Beschuldigungen.

Medikament nie auf dem Markt

Beim abgegebenen Medikament mit dem Kürzel «G 35 259» handelt es sich um Ketotofranil, auch Ketoimipramin, Ketimipramin oder Ketipramin genannt. Gemäss TA-Recherchen wurde das trizyklische Antidepressivum hauptsächlich in den 1960er-Jahren in klinischen Untersuchungen für die Behandlung von Depressionen getestet, jedoch nie auf den Markt gebracht. In der Datenbank von Swissmedic findet sich heute kein Hinweis auf Ketotofranil. Und auch bei Novartis heisst es: «Ein Medikament mit dem Namen Ketotofranil gibt es in unserem System und den Datenarchiven von Novartis nicht», sagt Sprecherin Sileia Urech.

Warum also wurde das Medikament dem 13-jährigen Nowak verabreicht? «Unter meinem Vorgänger Roland Kuhn wurde in Münsterlingen mit neuen Medikamenten und noch nicht zugelassenen Prüfstoffen experimentiert», sagt Karl Studer, der Kuhn 1980 als Chefarzt und Klinikdirektor ablöste und 2006 pensioniert wurde. Man habe damals kaum etwas über die medikamentöse Behandlung von Depressionen gewusst, sei «hilflos» gewesen, habe die Indikationen nicht gekannt. Entsprechend eifrig habe man herauszufinden versucht, welche medizinischen Massnahmen bei den Krankheiten angebracht seien – und welche Medikamente bei ihnen zum Einsatz kommen könnten. Ob Kuhns Experimente allenfalls Schäden bei den Patienten verursacht haben, könne er nicht beurteilen, sagt Studer. «Doch die neuen Substanzen hatten sicher starke Nebenwirkungen.»

Antidepressivum gegen Bettnässen

Studer hält es für denkbar, dass in der Klinik nicht nur Nowak, sondern auch andere Schüler aus Fischingen mit zugelassenen und nicht zugelassenen Substanzen behandelt wurden. Dafür spricht, dass im Brief des Psychiaters an den Klosterdirektor anlässlich Nowaks Erstbehandlung von «Kontrolluntersuchungen» mit einer «Gruppe der andern Kinder» die Rede ist. Zudem hätten die Mitarbeiter der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen auch «heil- und sonderpädagogische Einrichtungen im Thurgau psychiatrisch betreut», sagt Studer. Nowak erhielt in den folgenden knapp zwei Jahren neben Ketotofranil auch Tofranil, das in der Schweiz seit 1958 auf dem Markt ist und ebenfalls zur Gruppe der trizyklischen Antidepressiva zählt.

Hergestellt wurde Tofranil von der Firma Geigy in Basel, die 1970 mit Ciba zu Ciba-Geigy fusionierte, diese wiederum 1996 mit Sandoz zu Novartis, die Tofranil heute noch immer produziert. Laut dem Schweizer Arzneimittel-Kompendium darf das Antidepressivum bei Kindern ab sechs Jahren gegen Bettnässen abgegeben werden, wenn «der Arzt eine andere Behandlung als nicht geeignet ansieht». Für andere Indikationen ist das Medikament bei Minderjährigen laut Novartis-Sprecherin Urech nicht vorgesehen. In Nowaks Akte findet sich jedoch kein Hinweis auf Bettnässen.

Im Weiteren erhielt Nowak Ritalin, auf dem Schweizer Markt seit 1954, das heute nicht mehr zugelassene Antidepressivum Pertofran sowie ein nicht näher beschriebenes Medikament namens «Ciba-Mittel». Es solle ihm zusätzlich zum Ketotofranil abgegeben werden, wenn jenes allein nichts nütze, heisst es in seiner Akte. Später ersetzte es Ketotofranil und wurde Nowak kombiniert mit Tofranil, Pertofran und Ritalin abgegeben. Weder Studer noch Novartis können aufgrund der spärlichen Informationen auf den Wirkstoff im «Ciba-Mittel» schliessen. Weil es Ketotofranil ersetzte, dürfte es sich aber am ehesten um ein weiteres nicht zugelassenes Antidepressivum handeln.

Pionier Roland Kuhn

«Es war damals nicht so ungewöhnlich, dass man Kindern Antidepressiva gibt, um zu schauen, ob sie bei schweren Verhaltensauffälligkeiten nützlich sein können – obwohl die klassischen Symptome einer Depression fehlten», sagt Studer. Man sei davon ausgegangen, dass sich die Depression auch vorwiegend durch körperliche Symptome äussern könne: Schmerzen, Müdigkeit, Schlaflosigkeit. Diese Diagnose der sogenannten larvierten Depression sei später in den Hintergrund gerückt. Heute sei die Abgabe von Antidepressiva an Kinder «stark eingeschränkt», weil man davon ausgehe, dass nur wenige von ihnen tatsächlich an einer Depression erkranken, sagt Studer. «Man würde heute nicht mehr ungezielt probieren, ob sie nützen. In der damaligen Pionierzeit der Psychopharmaka hat man eben neue Wege der Behandlung gesucht.»

Studers Vorgänger Roland Kuhn war in der Tat ein Pionier: Auf der Suche nach einem weiteren Medikament gegen Schizophrenie entdeckte der damalige Oberarzt der Psychiatrischen Klinik in Münsterlingen, die damals noch «Heilanstalt» hiess, im Jahr 1956 Imipramin – das erste Antidepressivum überhaupt. Nach einer einjährigen Prüfung bei 40 klinischen Patienten in Zusammenarbeit mit Geigy kam Imipramin 1958 unter dem Handelsnamen Tofranil auf den Markt und veränderte die Psychiatrie grundlegend. Kuhn bekam in der Folge mehrfach Auszeichnungen für seine Entdeckung, wurde Titularprofessor an der Universität Zürich und ab 1970 Direktor in Münsterlingen.

Zentrum für die Entwicklung von trizyklischen Antidepressiva

«Münsterlingen war für die Entwicklung trizyklischer Antidepressiva eindeutig ein Zentrum», sagt Etzel Gysling, praktizierender Arzt und Herausgeber der unabhängigen Fachzeitschrift «Pharma-Kritik». Einwilligungen der Testpatienten habe man damals wohl kaum eingeholt, das sei nicht üblich gewesen. Es sei möglich, dass der 13-jährige Nowak in Münsterlingen an einer klinischen Studie teilgenommen habe – oder auch nicht. «Das ist im Nachhinein schwierig zu eruieren», sagt Gysling. «Denkbar ist zudem, dass der Junge gar nicht gebraucht hat, was man ihm abgegeben hat», sagt Gysling. Wahrscheinlich sei das aber aus gutem Willen geschehen.

Anders sieht das Patientenschützerin Margrit Kessler: «Es ist höchst verwerflich, dass man an Walter Nowak und möglicherweise an anderen Kindern Medikamente ausprobiert hat.» Kessler kritisiert das Vorgehen der Psychiater umso mehr, als diese offenbar nicht versuchten, die Ursache für Nowaks depressive Verstimmung genauer zu ergründen. In seiner Akte findet sich jedenfalls kein Hinweis auf Gespräche über allfälligen sexuellen oder körperlichen Missbrauch. Es gehe Nowak «in der letzten Zeit eher wieder schlechter, er habe kein Selbstvertrauen mehr (...) man wisse eigentlich nicht so recht weshalb», heisst es an einer Stelle. An einer anderen: «Dann habe er auch Minderwertigkeitsgefühle, sage immer, nur er müsse herhalten.»

Kinder als Versuchsobjekt

Auch Nowaks Anwalt Philip Stolkin zeigt sich entrüstet: «Offensichtlich sah man in erster Linie nicht den Menschen, sondern lediglich das Versuchsobjekt.» Umso wichtiger sei es, die Vorkommnisse in Fischingen und Münsterlingen «lückenlos» aufzuklären – durch eine paritätisch zusammengesetzte Kommission, bei der auch Betroffene mitwirken.

«Heute ist die Reihenfolge hoffentlich anders», sagt Karl Studer. «Zuerst kommt die Diagnose, dann die Medikation – nicht umgekehrt.» Neben einem differenzierten diagnostischen Instrumentarium stehe für die Kinder heute ein eigenes Fachgebiet zur Verfügung. Damals sei die Behandlung von den Erwachsenenpsychiatern durchgeführt worden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.11.2012, 08:01 Uhr

Wurde 1970 für zwei Jahre in Münsterlingen psychiatrisch behandelt: Walter Nowak. Damals lebte er im Kinderheim des Klosters Fischingen. (Bild: PD)

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