«Die F/A-18 ist ausgesprochen pilotenfreundlich»

Ex-Luftwaffenchef Markus Gygax kennt die F/A-18 aus eigener Erfahrung. Und er weiss, was es heisst, einen Angehörigen bei einem Absturz zu verlieren.

Ex-Luftwaffenchef: Markus Gygax war von 2008 bis 2012 Kommandant der Luftwaffe.

Ex-Luftwaffenchef: Markus Gygax war von 2008 bis 2012 Kommandant der Luftwaffe. Bild: Keystone

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Sie haben Ihren Bruder beim Absturz eines Kampfjets verloren. Wie haben Sie die Nachricht vom gestrigen Absturz aufgenommen?
Mein Bruder stürzte am 7. April 1976 im Zürcher Oberland mit einem Hunter ab. Das war eine Zeit, als die Luftwaffe pro Jahr ein bis zwei Piloten verloren hat. Der gestrige Absturz hat mich sehr betroffen gemacht und rief mir den Verlust meines Bruders wieder in Erinnerung. Gleichzeitig zeigt der tragische Vorfall, wie anspruchsvoll und aufwendig der Einsatz zur Sicherung unseres Luftraums ist.

Was sind Ihrer Ansicht nach die Gründe für den Absturz?
Um das zu beurteilen, müssen mehr Fakten vorliegen. Jede F/A-18 ist mit einem Flugdatenschreiber ausgestattet, der alle Bewegungen aufzeichnet. Diese Daten haben bereits beim Absturz von 1998 ermöglich, die genaue Unfallursache zu eruieren. Man konnte die Manöver im Simulator nachfliegen – und zwar im betreffenden Gelände. Die Experten kamen zum Schluss, dass eine räumliche Desorientierung der Grund für den Absturz war. Darauf wurden die Vorschriften für solche Manöver angepasst, und seither ist nichts Ähnliches mehr passiert. Ich bin deshalb zuversichtlich, dass auch in diesem Fall die Absturzursache klar ermittelt werden kann.

Ist es zu verantworten, bei solchem Wetter auf Sicht zu fliegen?
Das Wetter vor Ort war nicht besonders schlecht. Die Grundwolken lagen bei 800 bis 900 Meter über Grund, die Jets flogen darunter. Es liegt zunächst in der Kompetenz des Flugdienstleiters, einen solchen Flug zu genehmigen. Letztlich ist aber der Pilot dafür verantwortlich, die Situation vor Ort einzuschätzen und die nötigen Konsequenzen zu ziehen.

Führte diese Einschätzung dazu, dass die Piloten zu einer Umkehrkurve ansetzten?
Das ist möglich. Eventuell gerieten sie in eine Hangbewölkung oder einen Nebelfetzen, worauf sie sich zu diesem Manöver entschlossen.

Offenbar realisierte der Pilot des Einsitzer-Jets, dass es für die Kurve nicht reicht – und stieg im Instrumentenflug durch die Wolken. Ein Notprozedere.
Der Einsitzer befand sich eventuell nicht auf dem identischen Flugweg wie der Doppelsitzer. Der Pilot hat den Entscheid zum Steigflug gefällt und den Jet sicher zurück nach Meiringen gebracht.

Durch den unvorhergesehenen Steigflug hätte es theoretisch zu einer Kollision mit einem anderen Flugzeug kommen können.
Es war geplant, dass die Piloten zu einem späteren Zeitpunkt dieses Manöver durchführen. Darum dürfte das für die Flugsicherung kein absolut überraschendes Manöver gewesen sein. Zudem gibt es in dieser Gebirgsgegend keine anderen auf tiefer Höhe in den Wolken fliegenden Flugzeuge.

Ist es möglich, dass der Zweitsitzer die Kurve zu wenig entschieden einleitete, weil er den Passagier nicht zu starken Kräften aussetzen wollte?
Ich denke nicht, dass der Kommandant dabei an den Passagier dachte. Er trägt die Verantwortung für Flugzeug und Passagier und handelt entsprechend.

Was für Passagiere sind in der Regel an Bord einer F/A-18?
Das sind zumeist militärische Passagiere, etwa Fluginstruktoren oder Piloten. Es ist aber auch möglich, dass Persönlichkeiten oder Politiker mitfliegen können. Solche Flüge müssen vom Kommandanten der Luftwaffe bewilligt werden. Auch Schwingerkönig Kilian Wenger durfte in einer F/A-18 mitfliegen. Dabei handelt es sich um Luftpolizeimissionen bei schönem Wetter, also um einfache Flüge in grosser Höhe.

Hatten der Pilot und der Passagier überhaupt eine Chance, den Schleudersitz zu betätigen?
Das wird die Untersuchung zeigen. Als 2007 ein deutscher Tornando-Jet in einer Felswand im Berner Oberland zerschellte, betätigten die Piloten den Schleudersitz. Der hinten sitzende Pilot überlebte den Absturz, der Kommandant nicht. Wenn der Kommandant den Schleudersitz betätigt, werden beide Schleudersitze ausgelöst. Allerdings erfolgt das mit leichter Verzögerung: Zunächst löst der hintere Sitz aus, dann der vordere. Damit wird verhindert, dass der vorne sitzende Pilot mit seinem Raketentriebwerk über den hinteren hinwegfliegt. Der Passagier kann den Schleudersitz nur auslösen, wenn er auch Pilot ist.

Sie selbst kennen die F/A-18 als Pilot und waren zuständig für die Einführung des Flugzeugs in der Schweizer Luftwaffe. Was zeichnet den Jet aus?
Die F/A-18 ist ein ausserordentlich robustes und zuverlässiges Flugzeug, das für die US-Navy entwickelt wurde. Von ihm wurden 1800 Stück hergestellt. Entsprechend gross ist die Einsatzerprobung, auch in mehreren Kriegen. Allein im ersten Golfkrieg flog der Jet 4500 Einsätze und hat sich stets bewährt. Er ist auch ausgesprochen pilotenfreundlich, muss man doch mit ihm bei jedem Wetter auf dem eng begrenzten Raum eines Flugzeugträgers landen können.

Ist die Schweiz nicht zu klein und zu gebirgig für solche Jets?
Ganz im Gegenteil. Es besteht eine Ähnlichkeit zwischen einer Landung auf einem Flugzeugträger und der Landung in einem windigen Bergtal. Die F/A-18 können für die steile Landung auf kleinem Raum relativ langsam und in engen Kurven fliegen. Damit erfüllen sie genau die Kriterien, die die Schweizer Luftwaffe braucht.

Erstellt: 24.10.2013, 06:23 Uhr

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