Die FDP ist ihr eigener Feind

Der Rücktritt der erfolgreichen Tessiner FDP-Politikerin Laura Sadis lässt tief blicken.

Beklagt die Verrohung in der Tessiner Politik: FDP-Finanzdirektorin Laura Sadis. Foto: TI-Press, Keystone

Beklagt die Verrohung in der Tessiner Politik: FDP-Finanzdirektorin Laura Sadis. Foto: TI-Press, Keystone

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Vor einem Monat erklärte Marco Solari, der Präsident des Filmfestivals ­Locarno, am Monte Verità: Hier steht Laura Sadis – merken Sie sich diese Frau, sie hat das Zeug zur Bundesrätin. Das liess aufhorchen. Jetzt hat die Tessiner FDP-Finanzdirektorin bekannt gegeben, dass sie nicht mehr zur Wiederwahl antritt (TA von gestern). Die Verrohung in der Politik nannte sie als einen Grund. Dass der eigene Parteipräsident Rocco Cattaneo gegen sie arbeitete, als zweiten.

«Muskelspiele bringen nichts.» Das hatte Laura Sadis nach dem letzten Besuch von Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf im Tessin gesagt. Gemeint war die einseitige Kündigung des Grenzgängerabkommens mit Italien. Diese Forderung ist Inhalt einer Standesinitiative, die zurückgeht auf die Tessiner FDP. Und deren Präsident Rocco Cattaneo reagierte verärgert auf Sadis Muskelspiel-Aussage. Sein Kalkül geht so: Ein neues Abkommen mit Italien brächte höhere Steuern für Grenzgänger, ihre Jobs würden weniger attraktiv, die Zahl der Grenzgänger nähme folglich ab. Das Thema dürfte im Tessin zum Wahlkampfschlager 2015 werden.

Die FDP-Finanzdirektorin übernahm jedoch die Argumentation aus Bundesbern: Die Auflösung des Grenzgängerabkommens könnte die Kündigung des Doppelbesteuerungs­abkommens nach sich ziehen und eine diplomatische Krise mit dem drittwichtigsten Handelspartner der Schweiz. Das wäre kontraproduktiv.

Laura Sadis und Rocco Cattaneo verkörpern einen unauflösbaren Gegensatz: Sie steht für Realpolitik, er will die nächsten Wahlen gewinnen.

Sadis hat nicht nur wegen des partei­internen Konflikts aufgegeben. Sie beklagte die Verrohung, das Duckmäusertum, die populistischen Doppelspiele in der Tessiner Politik. Das ist mutig, aber nicht neu. Vor zwei Jahren bereits beklagte Parlamentspräsident Gianni Guidicelli von der CVP: Es fehle der Respekt vor Andersdenkenden, wer schweige, mache sich mitschuldig. Im Lega-Gratisblatt «Mattino della Domenica» wurden politische Gegner schon als Würmer und Schlampen bezeichnet. Auch Sadis wurde dort vulgär beschimpft und mit Fotomontagen herabgewürdigt.

Mit ihrer Gratispresse treibt die Lega die politische Konkurrenz vor sich her. Sie hat die politischen Spielregeln grundlegend geändert. Die FDP ist mit einem Wähleranteil von 25 Prozent zwar noch immer stärkste Partei, aber vor 40 Jahren waren es noch 39 Prozent. Erklärtes Ziel ist, den Niedergang aufzuhalten. Das kann nur gelingen, wenn die Konflikte zwischen dem liberalen Flügel und dem Rechtsfreisinn in Grenzen bleiben. Das war bisher nicht der Fall. Trotzdem hoffte die FDP darauf, mit der Wahlkampflokomotive Sadis jenen zweiten Sitz in der Kantonsregierung zurückzuholen, den sie 2011 an die Lega dei Ticinesi verloren hatte. Das dürfte ausser Reichweite rücken, nachdem sich die FDP als ihr grösster Feind erwiesen hat.

Eines verbindet Laura Sadis letztlich mit Rocco Cattaneo: Beide hoffen auf eine neue Generation. Der Grand Old Man Fulvio Pelli fordert gar eine Jugendrevolution in der FDP. Nötig seien Politiker, die gross geworden seien im populistischen Kontext. Die diesen Kampf aller gegen alle aushalten und gewinnen können.

* Alexander Grass ist Tessin-Korrespondent von Schweizer Radio SRF.

Erstellt: 20.05.2014, 07:19 Uhr

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