«Die FDP steht in einer Bringschuld»

Sie war die erste Bundesrätin und nun wünscht sie sich eine Frauenmehrheit in der Landesregierung: Elisabeth Kopp im Interview mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet über ihre ganz persönliche Favoritin für die kommenden Bundesratswahlen, FDP-Chef Pelli und eine späte Genugtuung.

Video: Jan Derrer

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Auf dem Briefkasten ist immer noch auch der Name ihres Anfang 2009 verstorbenen Mannes zu lesen: «H.W. + E. Kopp». Sie wohnt in einem modernen, mehrstöckigen Mehrfamilienhaus, der Eingang ist schmal und dunkel, man fährt mit dem Finger über ein halbes Dutzend Namensschilder, bis man die Klingel zu ihrer Wohnung findet.

Elisabeth Kopp, am 2. Oktober 1984 zur ersten Bundesrätin der Schweiz gewählt, empfängt zum Interview in einer schwarzen Jeans, Marke Armani, sie trägt dazu eine Bluse, den Kragen hochgestellt. Man sieht ihr die 74 Jahre nicht an, und schon nach wenigen ersten Worten, wird klar: Die Frau ist schlagfertig, witzig, sie hat etwas zu sagen.


Keine Polittrophäen, dafür Familienfotos

Das Wohnzimmer ist gross, geschmackvoll eingerichtet («Räume zu gestalten ist eine Leidenschaft von mir»); vergeblich sucht man nach Erinnerungsstücken aus ihrer Karriere, nach Polittrophäen aus früheren Tagen. Dafür ist ein Fotokalender zu sehen mit Bildern, die ihre Tochter und die Enkelinnen zeigen, und auf dem Buffet dann ein Porträt ihres verstorbenen Gatten Hans W. Kopp; sein unverwechselbarer Blick geht übers Wohnzimmer in Richtung der breiten Fensterfront.

Sie ist wieder gefragt, sie mischt sich wieder ein. Mit Zeitungsartikeln zur Causa Polanski, mit Kommentaren zu den bevorstehenden Bundesratswahlen. Sie tritt wieder an Podien und Versammlungen auf. Sie dränge sich nicht in die Öffentlichkeit, sagt sie. Vielmehr werde sie mit Anfragen überhäuft und müsse immer wieder Wünsche nach Auftritten abschlagen.

Die Videokamera ist seit einer Stunde schon wieder eingepackt, da diskutiert sie immer noch: Sie wirkt kein bisschen matt oder gar müde. Man mag von ihren Ansichten und Positionen halten, was man will – unabhängig davon fragt man sich, wie es sich die Schweiz nur leisten konnte, diese Frau mehr als zwei Jahrzehnte lang von der Politik auszusperren.

Erstellt: 15.09.2010, 11:39 Uhr

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Elisabeth Kopp

Als erste Bundesrätin der Schweiz war Elisabeth Kopp von 1984 bis 1989 Mitglied der Landesregierung. Vor der Wahl in die Landesregierung war Elisabeth Kopp Gemeindepräsidentin von Zumikon sowie Nationalrätin der FDP gewesen. Der sogenannte Kopp-Skandal beendete ihre Amtszeit als Bundesrätin und ihre Karriere als Politikerin vorzeitig. Die einstige Vorzeigefrau des Freisinns wurde der Amtsgeheimnisverletzung zugunsten ihres Mannes Hans W. Kopp beschuldigt. Zu unrecht.

Freispruch vor Bundesgericht

1991 sprach sie das Bundesgericht von diesem Vorwurf frei. Trotz Freispruch wurde Kopp von der Partei und den Medien lange nicht rehabilitiert, erst in den letzten Jahren erfolgte ihre Rückkehr in die Öffentlichkeit. Elisabeth Kopp und ihr im Januar 2009 verstorbener Ehemann waren fast zwei Jahrzehnte lang öffentlich geächtete Personen.

Interview-Serie

Nächste Woche, am Mittwoch, den 22. September, wählt die vereinigte Bundesversammlung zwei neue Mitglieder der Landesregierung. Wie beurteilen Ex-Bundesräte die Wahlen, die erstmals zu einer Frauenmehrheit in der Regierung führen können? Tagesanzeiger.ch/Newsnet präsentiert im Vorfeld der Entscheidung Video-Interviews mit Elisabeth Kopp, Rudolf Friedrich und Adolf Ogi.

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