Die FDP und der Müller-Effekt

Am Sonntagabend stiess die FDP auf den zweiten Wahlerfolg des Jahres an. Die Frage ist, wie stark diese Erfolge mit Parteipräsident Philipp Müller zusammenhängen, der für einen Stil in der FDP steht.

«Wir dürfen jetzt auf keinen Fall abheben»: Philipp Müller spricht die Sprache des Volks.

«Wir dürfen jetzt auf keinen Fall abheben»: Philipp Müller spricht die Sprache des Volks. Bild: Alessandro Della Valle/Keystone

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Den Zustand der FDP konnte man zuletzt an den Mundwinkeln ablesen. Wie schon bei den Wahlen in Baselland, sah man diesen Sonntag im Luzerner Wahlzentrum in die Gesichter von lachenden Freisinnigen.

Zwei zusätzliche Sitze im Kantonsparlament hatte die FDP gerade gewonnen, als ihre Amts- und Anzugträger zum Apéro übergingen – aber genau genommen ging es nicht darum. Es ging um mehr: um eine Entwicklung, die Politologen gerne als «Trendwende» bezeichnen. Grössere Worte gibt es in der Politik nicht.

Als die Luzerner Freisinnigen auf den zweiten Erfolg in diesem Wahljahr anstiessen, feierten sie auch einen Abwesenden: Philipp Müller, den Schnell- und Vielredner aus Reinach. Den Nationalrat des Kantons Aargau und vor allem: Parteipräsidenten der Freisinnigen Partei der Schweiz. Zu Beginn des Wahljahres hatte er die Parole herausgegeben: «Wir wollen die SP schlagen und zweitstärkste Partei werden.» Nun gewinnt die Partei. Und die Frage ist, wie viel das mit ihrem Präsidenten zu tun hat.

Sein Lieblingswort: «Chabis»

Dabei waren die Nachrufe auf die FDP schon geschrieben, als Philipp Müller am 21. April 2012 zum Präsidenten der Partei gewählt wurde. Denn zu Beginn des Jahrtausends erodierte eine Welt. Männer, die vorher ohne zu überlegen der FDP beitraten, Militärkarriere machten und in die Kaderpositionen der KMU kamen, wurden ersetzt durch Manager ohne politische Ambitionen. Das Ende des Filzes schien auch das Ende der FDP.

Geführt wurde die Partei ab 2005 vom Tessiner Fulvio Pelli, bei dem nie ganz klar war, ob er mehr an der FDP litt oder sie mehr an ihm. Er war das mutlose Gesicht einer Partei, die seit den Wahlen 1979 immer nur verlor. Philipp Müller kommentierte den FDP-Kurs damals so: «Kein Konzept, keine Strategie, viel zu intellektualistisch. Alles Chabis.» Es war die Zeit, als die FDP die Geschäfte der Grossbanken einerseits verurteilte, andererseits aber auch nicht. Fulvio Pellis Lieblingswort war: «komplex».

Philipp Müllers Lieblingswort ist: «Chabis». In einer halbstündigen Sendung bei Roger Schawinski benutzte er es elf Mal.

Müller hat eine neue Sprache etabliert in der FDP, einen neuen Ton und auch einen neuen Arbeitsethos. Wer sich durch die Partei telefoniert, hört neben Lob oft vor allem Staunen. «Er ist unglaublich viel unterwegs! Er ist so nahe bei den Leuten! Er hat sein Leben der Partei gegeben.»

Die Frage, ob der Stil des Präsidenten durchsticht bis in die Tiefen der Schweizer Lokalpolitik, würde Peter Schilliger eher mit Ja beantworten – «ob das nun ein Müller-Effekt ist oder nicht: Er leistet für die Partei einen immens hohen Einsatz.» Schilliger ist Kantonsrat und Präsident der FDP Luzern, einer der Feiernden des vergangenen Sonntags. Am Tag danach spricht er von einer veränderten Wahrnehmung der FDP in der Schweiz, die umso deutlicher sei, als sich Müller von seinem Vorgänger krass unterscheide: «Pelli war ein sensationell guter Taktiker, aber er war auch kompliziert, wurde oft nicht verstanden. Unter Müller ist die Partei in den Aussagen pragmatischer und einfacher, bezieht klarere Positionen.»

Die FDP war immer eine Partei des Abwägens und des Kompromisses. In guten Zeiten nannten es die Medien «staatstragend», in schlechten «orientierungslos». Solange unkomplizierte Leute kompliziert redeten, war das nie ein Problem. Als sich die Volkspartei aber zu einer Elitepartei entwickelte, goutierten das die Wähler nicht mehr.

Georges Theiler, der Luzerner FDP-Ständerat, sagt: «Unter Müller relativiert die FDP ihr Intellektuellen- Image, redet eine einfachere Sprache, geht näher zu den Leuten. Er verkörpert das neue Selbstverständnis der Partei.»

Eine Stärke: die Mobilisierung

Im Zusammenhang mit den Wahlen in seinem Heimatkanton von einem Müller-Effekt zu sprechen, geht Georges Theiler aber zu weit. Für ihn war die FDP Luzern schon immer da, wo die FDP Schweiz unter Philipp Müller erst allmählich wieder positioniert ist. «Die Luzerner Liberalen wurden nie als abgehoben empfunden. Wir sind vor allem eine Partei von Handwerkern und Unternehmern. Eine Hochschule haben wir erst seit fünfzehn Jahren. Die FDP Luzern hat im Vergleich zur nationalen FDP auch nie so viele Sitze verloren.»

Die FDP Luzern als Vorbild und als gutes Omen? Claude Longchamp und seine Leute beim Umfrageinstitut GfS hatten den Positivtrend bei der FDP im Oktober des vergangenen Jahres vorausgesagt – damals prognostizierte das erste Wahlbarometer, ein Jahr vor dem Urnengang, den Freisinnigen einen Wählerzulauf von ungefähr 0,7 Prozent (bei einer Fehlerquote von plus/minus 2,2 Prozent).

Der Müller-Effekt? Claude Longchamp sagt: «Philipp Müller hat gebrochen mit einer FDP, die zu stark als Befehlsempfängerin der Wirtschaft wahrgenommen wurde. Das hat ihm zwar Kritik eingebracht, aber einen Neuanfang ermöglicht. Unter ihm füllt die Partei die Säle wieder – nachdem die interne Mobilisierung unter Fulvio Pelli noch eine Schwäche war. Es zeichnet sich aus, dass Müller aus der Deutschschweiz kommt und dass er die Mentalitäten der Kantonalparteien kennt.»

Was aber ist genau der Müller-Effekt? Es handelt sich weniger um eine programmatische Frage, als um eine Persönlichkeits- und eine Stilfrage. «10vor10» erklärte Müller: «Wichtig ist, dass die Leute spüren: Das sind ganz normale Leute wie du und ich.»

«Nicht abgehoben» und «nahe bei den Leuten» – das betet die Partei nun eifrig herunter und sie hat dafür keinen glaubwürdigeren Repräsentanten als Philipp Müller selbst. Ein Mann, der seinen Rollkoffer durch die Schweiz zieht, um Sektion um Sektion zu besuchen. Ein Mann, der weder Anzüge noch Worte aufbügelt, der gelegentlich flucht und sich in Rage redet, um seine Ausbrüche später in den Medien selbst als gelebte Authentizität lobend zu kommentieren.

Die FDP müsse die «intellektuelle Flughöhe etwas reduzieren» und auch «Pfui-Themen» ansprechen – damit sprach Müller in der «Schweiz am Sonntag» vor allem die Asylpolitik an. Auch hierfür kann er nicht der falsche Mann sein, war er doch der Schöpfer der sogenannten 18-Prozent-Initiative, die den Ausländeranteil in der Schweiz auf 18 Prozent beschränken wollte.

Seither gibt er sich aber gemässigter. Im Gegenteil stösst er die SVP, die sich auf diesem Feld gerne profiliert und als deren Juniorpartner die FDP öfter fungiert, wiederholt vor den Kopf, indem er ihr Radikalisierung und ein stetes Abdriften nach rechts vorwirft. Zu innig soll die Umarmung mit der SVP nicht sein.

Philipp Müller schont auch die Grossbanken nicht – leicht verklausuliert putzte er UBS-Chef Sergio Ermotti an einer Veranstaltung wegen dessen Lohn herunter: «Ein Arschloch bleibt ein Arschloch.» Natürlich brachte ihm das den Vorwurf des Populismus ein, bei den Wählern macht es die FDP aber eindeutig beliebter. Selbst die meisten FDP-Wähler wollen nicht den Grossbanken eine Stimme geben, sondern primär der KMU-Schweiz. Der hemdsärmelige Müller, gelernter Gipser, heute Bau- unternehmer, ist auch ihr Vertreter. Er ist ein Präsident, dem es gelungen ist, die Reihen zu schliessen.

Anruf bei Doris Fiala, Zürcher Nationalrätin – gebucht als Stammgast in Talksendungen und lange auch als Philipp-­Müller-Kritikerin. Sie sagt heute: «Unser Präsident macht seit Monaten einen guten Job. Ich würde mich freuen, wenn das direkte Auswirkungen hätte.»

Einen Müller-Effekt spürt sie am ehesten, wenn sie für die Partei unterwegs ist. «Auf Podien und an internen Anlässen ist die Stimmung wieder sehr positiv. Lange gab es nur negative Vibes. Die Zeichen für Erfolge stehen gut.»

Bis in den hintersten Winkel

Die nächsten Kantonalwahlen finden am 12. April in Zürich statt – ein weiterer Test für die FDP und für den Begriff «Müller-Effekt».

Philipp Müller selber zitiert ihn aus naheliegenden Gründen nicht, wenn er eine Erklärung für die derzeitigen FDP-Wahlerfolge finden soll. Er sagt: «Das Zauberwort lautet: mobilisieren und nochmals mobilisieren.» 2011 hätte es die Partei schlichtweg nicht geschafft, die Wähler an die Urne zu bringen. Dabei, dies möchte er betonen, sind die Wähler nicht etwa davongelaufen, sondern einfach zu Hause geblieben.

«Am Schluss weiss man aber selber nicht recht, wieso man Erfolg hat und wieso nicht», schränkt Müller seine Mobilisierungs-These plötzlich ein und scheint selbst einem Relativismus zu verfallen, den man eher seinem melancholischen Vorgänger zugeschrieben hätte. «Im Ernst: Es ist schwierig zu sagen.» Momentan, meint er, herrsche einfach eine gute Stimmung in der Partei, «die öffentliche Selbstzerfleischung der letzten Jahre haben wir abgestellt».

Wegen den jüngsten Erfolgen hebe die Partei sicher nicht ab, sagt er, und im gewohnten Ton: «Wir geben weiter Vollgas.» Es sind die Worte eines Mannes, der Lucky Luke zum Vorbild nimmt und nicht irgendeinen Wirtschafts­philosophen. Und es ist das Destillat eines gerade ziemlich erfolgreichen Parteipräsidenten. Lucky Philipp.

Erstellt: 31.03.2015, 14:42 Uhr

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