Internet

Die Fallstricke des Crowdfunding-Booms

Musikalben, Sportlerkarrieren und auch Start-ups: Kleininvestoren verbrennen sich immer häufiger die Finger mit Projekten, die übers Internet finanziert werden. Das ruft die Behörden auf den Plan.

Die meisten Crowdfunding-Projekte sind harmlos: Eine Fotografin sieht sich in Frankfurt Bilder für den «Nerd Dreams Calendar 2013» an, in dem Models mit legendären Computern wie dem C64 oder dem Atari ST posieren. (23. September 2012)

Die meisten Crowdfunding-Projekte sind harmlos: Eine Fotografin sieht sich in Frankfurt Bilder für den «Nerd Dreams Calendar 2013» an, in dem Models mit legendären Computern wie dem C64 oder dem Atari ST posieren. (23. September 2012) Bild: Reuters

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Crowdfunding heisst das Zaubermittel, das in den letzten Jahren alles Mögliche wahr werden liess. Doch nun rüttelt der Erfolg die Behörden wach. Denn Crowdfunding birgt Gefahren. Dies zeigt das Beispiel der Betandsleep GmbH, einem Start-up, das über die deutsche Crowdfunding-Plattform Seedmatch finanziert wurde. Das Jungunternehmen bot Kunden die Möglichkeit, den Preis für eine Übernachtung in gewissen exklusiven Hotels selbst zu bestimmen. Dadurch sparten die Kunden, während die Hoteliers die Auslastung der Hotelzimmer verbessern konnten.

161 Personen liessen sich von diesem Konzept überzeugen und investierten insgesamt jene 100'000 Euro, welche das Start-up als erforderliche Untergrenze angegeben hatte. Vergangenen Sommer musste die Betandsleep GmbH den Geschäftsbetrieb einstellen. Es wurde keine Anschlussfinanzierung gefunden. Die 161 Investoren verloren das gesamte eingesetzte Kapital.

Schutz für Anleger

Der Anlegerschutz ist denn auch eines der zentralen Themen bei den Bemühungen, Crowdfunding zu regulieren. Dies gilt vor allem für das sogenannte equity-based Crowdfunding, also für jene Form des Crowdfundings, bei der Geld für die Finanzierung eines Jungunternehmens gesammelt wird.

Für das investierte Geld erhält der Geldgeber bei dieser Form des Crowdfundings Anteilsscheine des Jungunternehmens. Solche Investitionen sind riskant. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass ein Start-up Pleite geht, ist nicht gering.

Wissenstest für Investoren

Um sicherzugehen, dass die Risiken verstanden werden, prüft die Schweizer Plattform investiere.ch, über die bisher mehr als 20 Start-ups finanziert wurden, alle Geldgeber. «Die Investoren müssen nachweisen können, dass sie den nötigen Hintergrund haben, um die Risiken von Start-up-Investitionen zu verstehen. Ausserdem müssen sie einen kurzen Wissenstest bestehen», sagte David Sidler, Sprecher von investiere.ch gegenüber der Nachrichtenagentur sda. Zudem liege die minimale Investitionssumme bei investiere.ch nie unter 10'000 Franken.

Solche Standards sind Sidler zufolge nicht überall die Regel. «In England, Deutschland, Frankreich und auch in der Schweiz gibt es Crowdfunding-Plattformen, die sich an Kleininvestoren richten. Über diese Plattformen kann man schon für 100 Franken, teilweise sogar für weniger, Firmenanteile kaufen», erklärt er.

Dies führe dazu, dass auch Personen die sich der Risiken nicht bewusst sind, über Crowdfunding in Start-ups investieren können.

Regelwerk in England

Grossbritannien hat auf dieses Problem mittlerweile reagiert. Anfang April ist ein umfassendes Regelwerk zu Crowdfunding in Kraft getreten, das unter anderem den Anlegerschutz verbessert.

Auch die EU ist in Sachen Crowdfunding aktiv geworden. Die EU-Kommission führte Ende letzten Jahres eine öffentliche Konsultation durch, um zu prüfen, ob eine EU-weite Regulierung von Crowdfunding notwendig ist. Mittlerweile sind die Resultate der Befragung veröffentlicht.

Zwei Drittel der Antwortenden sprechen sich dafür aus, dass die Aufklärung der Investoren über mögliche Risiken EU-weit und einheitlich geregelt werden sollte. Die EU beabsichtigt daher ab 2015 Seminare mit den Regulatoren der Mitgliedsländer abzuhalten, um eine möglichst einheitliche Regulierung zu erreichen.

Verdoppelung in der Schweiz

In der Schweiz sind im letzten Jahr mittels Crowdfunding 11,6 Millionen Franken beschafft worden. Das ist entspricht gegenüber 2012 mehr als einer Verdoppelung und gegenüber 2011 fast einer Vervierfachung. Jeder zweite gesammelte Franken floss 2013 in ein Jungunternehmen. Auch in der Schweiz ist das equity-based Crowdfunding also verbreitet.

Trotz der Risiken halten sich die Regulatoren in der Schweiz noch zurück. «Eine Regulierung der Crowdfunding-Plattformen ist aktuell kein Thema», sagte Roland Meier, Mediensprecher beim Eidgenössischen Finanzdepartement, gegenüber der sda.

Die Finanzmarktaufsicht (Finma) verfolgt eine Fall-zu-Fall-Politik: Da eine riesige Vielfalt an Crowdfunding-Plattformen bestehe, gebe es keine generell gültige Antwort auf die Frage, ob die Plattformen eine Lizenz bräuchten, heisst es in einem Dokument der Finma vom April. Die Finma müsse jedes Geschäftsmodell einzeln prüfen.

Investiere.ch ist gemäss Finma-Entscheid nicht aufsichtspflichtig. Bei anderen angefragten Plattformen – etwa C-Crowd oder Wemakeit – fiel der Entscheid gleich aus. Potentielle Investoren müssten sich bewusst sein, dass sie auf eigenes Risiko handeln, heisst es im Finma-Bericht. (rub/sda)

Erstellt: 11.07.2014, 12:15 Uhr

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